Herausforderung für Arbeitsmarkt

Deutschland braucht Fachkräfte, aber kaum jemand möchte Azubi sein

Ausbildungsplätze bleiben oft unbesetzt. Junge Menschen scheuen den Weg in die Ausbildung. Das sind die Ursachen.

Berlin – 21-jährige Bachelor-Absolventen statt händeringend gesuchter Azubis – der deutsche Arbeitsmarkt hat ein Problem, wie ein Bericht nahelegt. Sollte es demnächst einen wirtschaftlichen Aufschwung geben, braucht es Personal, dass mehr Aufträge abarbeiten kann. Aber immer mehr Arbeitnehmer gehen in Rente, junge Leute finden Ausbildungen nicht unbedingt attraktiv.

In Deutschland kommen heutzutage auf 100 Studenten etwa 43 Auszubildende. Das ist beim Statistischen Bundesamt mit Bezug auf Zahlen von 2021 nachzulesen. 1950 hingegen sind es noch 755 Azubis auf 100 Studenten gewesen. Der Arbeitsmarkt hat sich akademisiert. War die Ausbildung früher einmal der Standard, erhalten kleine und mittlere Unternehmen heute häufig nicht einmal mehr Bewerbungen auf freie Stellen, wie die Industrie- und Handelskammer (DIHK) meldet. Wenn Bewerbungen eintrudeln, dann nicht unbedingt von geeigneten Bewerbern. Woran liegt das?

73 Prozent der betroffenen Betriebe: Keine geeigneten Bewerber

Erst einmal zu den Zahlen: Wenn Betriebe ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen können, dann liegt das in 32 Prozent der Fälle daran, dass sie keine einzige Bewerbung bekommen haben. 73 Prozent der Betriebe gaben in der Umfrage der DIHK an, dass keine „geeigneten“ Bewerbungen vorgelegen hätten. 11 Prozent gaben an, dass sie zwar eine Zusage für einen Neu-Azubi ausgesprochen haben, die jungen Menschen diese Stelle aber nicht angetreten hätten. Weitere 24 Prozent der Betriebe gaben an, dass das Arbeitsverhältnis innerhalb der Probezeit aufgelöst wurde, entweder vom Arbeitgeber oder vom Auszubildenden.

Ein Metallarbeiter beim Schweißen.

Die Betriebe bemängeln laut DIHK: „Defizite in der grundlegenden Leistungsfähigkeit“ und Mängel im „Arbeits- und Sozialverhalten der jungen Menschen. Ganz konkret: Es geht ums „Lesen, Schreiben, Rechnen“, Einsatzwille und Zuverlässigkeit, sagt DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Es liegt also auch an Problemem im Bildungssystem. Die Folge: Viele Bewerber bekommen keinen Ausbildungsplatz.

Geld verdienen, statt Ausbildung machen

Die jungen Menschen selbst wollen nach der Schule erst einmal arbeiten und Geld verdienen, wie eine Auswertung der Bertelsmann-Stiftung ergeben hat. Das treffe besonders häufig auf Schüler mit niedrigem Schulbildungsniveau zu. „Für mehr als ein Viertel aller befragten jungen Menschen im Alter von 14 bis 25 Jahren ist der Wunsch, direkt zu arbeiten, ein wichtiger Grund, der gegen die Aufnahme einer Ausbildung spricht“, schreiben die Autoren. In einem Job, den sie in Vollzeit ausüben, können sie kurzfristig mehr verdienen als in den Ausbildungsjahren.

Das Geld scheint also für junge Menschen wichtig zu sein – oder womöglich die Eigenständigkeit, die man sich mit einem Vollzeit-Gehalt ermöglicht. Eine finanzielle Unabhängigkeit, die in der Zeit der Ausbildung nicht gegeben ist. Das Bundesinstitut für Berufsbildung (bibb) gibt in einer Studie an, dass 2024 die durchschnittliche tarifliche Ausbildungsvergütung bei 1133 Euro im Monat lag. Davon lässt sich mit viel Glück ein WG-Zimmer zahlen und das tägliche Leben bestreiten. Wer aber direkt arbeitet, bekommt deutlich mehr.

Wer eine Ausbildung macht, wohnt tendenziell weiter zu Hause

Hinzu kommt: Laut bibb-Studie galt 2023 gerade einmal für 24 Prozent der Betriebe ein Tarifvertrag. In vielen kleineren Unternehmen „kann der Lohn dagegen auf bis zu 500 Euro sinken“, heißt es in einer Reportage der Wirtschaftswoche. Davon lässt sich oftmals nicht einmal mehr ein WG-Zimmer bezahlen. Im Klartext. Wer eine Ausbildung machen will, muss tendenziell weiter zu Hause bei den Eltern wohnen. Arbeitet der junge Mensch stattdessen in Vollzeit, ist er finanziell kurzfristig bessergestellt. Wer studieren geht, kann sich die WG mit der Unterstützung der Eltern, Bafög und nötigenfalls mit Nebenjobs finanzieren.

Ausbildung genießt hohes Ansehen, wird aber immer seltener angestrebt

Die Bertelsmann-Stiftung verweist in ihrer Studie noch darauf, dass trotz der oben genannten Zahlen die Ausbildung der „beliebteste Bildungsweg nach dem Schulabschluss“ sei. 43 Prozent der befragten Schüler strebten eine Ausbildung an, 40 Prozent wollten studieren. Das Problem dabei nur: Die jungen Menschen mit niedriger Schulbildung, die eher dazu tendieren, eine Ausbildung in Betracht zu ziehen, sind pessimistischer als der Rest: Mehr als ein Drittel von ihnen glaubt nicht daran oder ist sich nicht sicher, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Deswegen fordern die Autoren, diese jungen Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf bedarfsgerecht zu unterstützen. Das allein dürfte aber wohl keinen entscheidenden Wandel bringen. Einige Betriebe versuchen immer wieder mit deutlich erhöhten Azubi-Gehältern neue Mitarbeiter zu gewinnen.

Wer baut Wärmepumpen ein, wer repariert die Toiletten?

Ein großes Problem für die deutsche Volkswirtschaft: Der demografische Wandel oder „die Altenrepublik“, wie der Soziologe Stefan Schulz das Problem nennt. Denn laut Achim Dercks haben 80 Prozent der Bevölkerung ab 25 Jahren keinen Studienabschluss. Ergo: Viele Menschen, die aktuell in Ausbildungsberufen arbeiten, wie etwa ein Maschinen- und Anlagenführer oder ein Tischler, gehen in Rente. Von unten kommen hingegen kaum Azubis nach. Fragt sich, wer in Zukunft etwa die Dächer decken, die Toiletten reparieren oder Wärmepumpen installieren soll.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Rupert Oberhäuser

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