Die Schattenflotte: Wie ehemalige deutsche Schiffe Putins Kriegsmaschinerie stärken
VonLennart Schwenck
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Deutsche Reeder verkauften Schiffe an Russland. Jetzt fahren sie in Putins Schattenflotte. Ein Milliardengeschäft mit fatalen Folgen.
Kiel/Rostock – Die russische Schattenflotte wächst kontinuierlich und umfasst mittlerweile über 900 Tanker. Ihre Aufgabe: Russische Ölexporte trotz internationaler Sanktionen ermöglichen. Diese Flotte aus meist älteren Schiffen mit verschleierten Eigentumsstrukturen ermöglicht es dem Kreml, den G7-Ölpreisdeckel zu umgehen und seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu finanzieren.
Doch die Schattenflotte birgt nicht nur geopolitische Risiken: Viele der maroden Tanker gefährden europäische Gewässer durch Unfallrisiken und stehen im Verdacht, für Spionage und Sabotage genutzt zu werden – und deutsche Reeder haben dabei eine problematische Rolle gespielt.
Dreckige Deals: Deutsche Reeder profitieren von Milliardengeschäft mit Russland
Laut Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung haben deutsche Reeder durch den Verkauf ihrer Schiffe erheblich zum Aufbau dieser gefährlichen Flotte beigetragen. So wurden zwischen 2022 und 2024 insgesamt elf Tanker aus der deutschen Handelsflotte verkauft, die heute in der russischen Schattenflotte operieren. Die deutschen Reeder und Eigner dürften mit diesen Geschäften etwa 200 Millionen Euro eingenommen haben, wie die Tagesschauberichtet. Besonders auffällig seien die ungewöhnlich hohen Verkaufspreise. 200 Millionen Euro für elf Tanker wären im Schnitt etwa 18 Millionen Euro pro Schiff.
Von den insgesamt 650 bekannten Schiffen der Schattenflotte sollen 230 von europäischen und US-amerikanischen Reedern verkauft worden sein. Ein Beispiel zeigt die Dimension des Problems: Eine chinesische Firma wurde erst wenige Monate vor dem Kauf eines deutschen Tankers gegründet und besitzt bis heute nur ein einziges Schiff – den ehemaligen „Chemtrans Carolina“, der heute als „Sino Prosperity“ Teil der Schattenflotte ist.
Ehemalige deutsche Schiffe im Dienst russischer Geheimdienste – Rechtliche Grauzonen ermöglichen Geschäfte
Jüngste Recherchen zu zwei früheren deutschen Schiffen lassen die Lage in einem noch kritischeren Licht erscheinen. Die „Aurelia“ und die „Aquarius“ wurden über ein russisches Firmennetzwerk [Name liegt der Redaktion vor] erworben. Die „Aquarius“ war ursprünglich als „Meerkatze“ ein Schiff der deutschen Küstenwache, das auf der Nordsee Fischereikontrollen durchführte. Nach dem Verkauf wurden beide Schiffe an eine Firma in Moskau vermietet, deren Auftraggeber der russische Geheimdienst ist. Tracking-Daten zeigen, dass die „Aurelia“ sehr aktiv in der Barentssee war und mitten auf dem Meer ungewöhnliche Muster gefahren sein soll. Experten vermuten, dass diese Schiffe am Aufbau eines geheimen Spionagesystems unter Wasser beteiligt sind, das als „Projekt Harmonie“ bezeichnet wird.
Der Verband deutscher Reeder (VDR) bezeichnete die Entwicklung als „besorgniserregend“ und erklärte, wirtschaftlicher Gewinn dürfe „nicht auf Kosten von Sicherheit, Compliance oder ethischen Grundsätzen erzielt werden“. Die beteiligten deutschen Firmen berufen sich auf die Legalität ihrer Geschäfte. Die Rostocker Firma schreibt, „es habe keine Notwendigkeit der Exportfreigabe bestanden.“
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Russlands Schattenflotte: Umweltrisiken bedrohen deutsche Küstengewässer
Unabhängig von den geopolitischen Aspekten birgt die Schattenflotte erhebliche Umweltrisiken für deutsche Gewässer. Greenpeace warnte, dass „Russlands Schattenflotte weltweit die Umwelt“ bedrohe und „Meeresschutzzonen, Küstenregionen und Brutgebiete von Meeresvögeln“ gefährde. Denn die durchschnittlich 20 Jahre alten Schiffe der Schattenflotte sind deutlich älter als die reguläre Ölflotte mit 13 Jahren.
Ein konkretes Beispiel für die Gefahr ereignete sich Anfang 2025, als der Tanker „Eventin“ mit 100.000 Tonnen russischem Öl navigationsunfähig vor der deutschen Küste bei Rügen trieb. Laut Greenpeacesind 171 der 192 Schattenflotten-Tanker seit Februar 2022 mindestens einmal durch deutsche Ostseegewässer gefahren. Deutschland startete am 1. Juli 2025 zusätzliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Schattenflotte. Wie das Bundesverkehrsministerium mitteilte, werden neue Abfragen eingeführt, um „den Druck auf die russische Schattenflotte zu erhöhen und den Lebensraum Ostsee zu schützen.“ Für den russischen Staatshaushalt bildet die Schattenflotte ein kostenintensives Unterfangen: Laut Ukrainian Shipping Magazine hat Moskau seit Mai 2022 bereits 14 Milliarden US-Dollar allein für den Kauf von über 400 Tankern ausgegeben. Ausgaben, die den Staatshaushalt zusätzlich zu den Kriegskosten erheblich belasten. (ls)