Drohnen-Rätsel um Russlands „Schattenflotte“: Europas Soldaten entern Putin-Tanker – Kreml reagiert
VonMarcus Giebel
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Ein Schiff mit undurchsichtiger Vergangenheit geht Frankreichs Ermittlern ins Netz. Soldaten entern das Deck. Auch die aktuelle Tour ist verdächtig.
Brest – Seit einigen Tagen wird ein Tanker vor der Küste Frankreichs festgehalten und auf den Kopf gestellt. Womöglich steht das Schiff im Zusammenhang mit den Drohnen-Attacken der jüngeren Vergangenheit, besonders jenen in Dänemark. Französische Soldaten haben es geentert, wie unter anderem die französische Nachrichtenagentur Agence France-Presse (afp) unter Berufung auf Militärkreise berichtet.
Einen ähnlichen Fall gab es kürzlich im Nord-Ostsee-Kanal, wo Spezialkräfte der deutschen Polizei einen Frachter durchsuchten. Der jetzige Einsatz wird unter anderem vom französischen Sender BFMTV dokumentiert, der Bilder von vermummten Einsatzkräften an Deck zeigt. Stephane Kellenberger, Staatsanwalt von Brest, habe erklärt, es seien zwei Personen festgenommen worden. Sie sollen sich als Kapitän und Steuermann zu erkennen gegeben haben.
Tanker vor Frankreichs Küste durchsucht: Verantwortlichen droht Haft
Offenbar zeigten sie sich nicht kooperativ. Wie auch die Zeitung Le Parisien schreibt, wurde der Tanker angezeigt, weil kein Nachweis der Nationalität vorliege und sich die Crew geweigert habe, den Anweisungen zu folgen. Die Ermittlungsabteilung der Seegendarmerie und die Gruppe der Seegendarmerie Atlantik hätten den Fall übernommen. Bei einer Verurteilung drohen demnach bis zu ein Jahr Haft und eine Geldstrafe von bis zu 150.000 Euro.
Das Schiff hat offenbar eine bewegte Vergangenheit. Zuletzt soll es unter dem Namen „Boracay“ oder „Pushpa“ unterwegs gewesen sein, davor auch schon als „Varuna“, „Kiwala“ oder „P. Fos“. Es verkehrt derzeit unter der Flagge Benins, in der Vergangenheit aber auch schon unter jenen von Dschibuti, Gabun, Liberia oder der Mongolei, wie dem Portal opensanctions.org zu entnehmen ist.
Die EU und andere Staaten haben den Tanker bereits vor Monaten auf ihre Sanktionslisten gesetzt. Der Verdacht lautet, Kreml-Chef Wladimir Putin nutze es für seine sogenannte „Schattenflotte“. Diese besteht aus zumeist älteren Schiffen, die losgeschickt werden, um Sanktionen zu umgehen, vor allem das Öl-Embargo.
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Frachter als Teil von Putins „Schattenflotte“? Während Drohnen-Vorfällen nahe Dänemark verkehrt
Auf dem Portal vesselfinder.com ist zu lesen, dass der 2007 gebaute Frachter am 20. September im russischen Primorsk seine aktuelle Tour startete. Ziel der Fahrt ist demnach Valdinar in Indien, der Weg soll binnen eines Monats zurückgelegt werden.
Die afp analysierte anhand der Daten auf dem Portal, dass sich das Schiff zwischen dem 22. und dem 25. September nahe der Küste Dänemarks befand. Zu jener Zeit häuften sich über dem Land die Sichtungen von Drohnen, zeitweise wurden deshalb Flughäfen gesperrt. Noch immer rätseln die dänischen Ermittler, wo diese Flugobjekte abgehoben sind.
Das nun festgesetzte Schiff ankert seit einigen Tagen vor der Küste von Saint-Nazaire im Westen Frankreichs. Bereits am Samstag sollen die Soldaten an Bord gegangen sein.
Macron über Putins „Schattenflotte“: „Finanzieren 40 Prozent der Kriegsanstrengungen“
Am Rande des EU-Gipfels in Kopenhagen äußerte sich Emmanuel Macron zu dem Vorfall. Laut dem dänischen Sender TV 2 gab sich Frankreichs Präsident zurückhaltend, was eine mögliche Verstrickung des Tankers in die Drohnen-Vorfälle über Dänemark betrifft: „Es ist nicht meine Aufgabe, diesen Zusammenhang herzustellen. Ich bleibe vorsichtig.“
Der Besatzung des Tankers unterstellte er, „sehr schwerwiegende Fehler begangen“ zu haben, „die das Gerichtsverfahren rechtfertigen“. Lob hatte Macron für die Einsatzteams übrig, die rechtzeitig eingegriffen hätten. Allerdings unterstreiche der Fall „die Präsenz und Realität der russischen Schattenflotte“.
Russland schimpft auf Europa: Peskow nimmt „provokative Maßnahmen“ wahr
Moskau konterte auf die übliche Art. Wie unter anderem die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass berichtet, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, als er zu dem Vorfall befragt wurde: „Zu dem konkret erwähnten Schiff kann ich nichts sagen. Wir haben keine Informationen und wissen daher nicht, von welchem Schiff gesprochen wird.“
Zugleich erhob er jedoch Vorwürfe in Richtung der Europäer, die zu „zahlreichen provokativen Maßnahmen“ greifen würden, die „der Gewährleistung der Freiheit der Handelsschifffahrt absolut nicht förderlich sind“. Daher müsse Russland reagieren: „Manchmal veranlasst dies unsere Streitkräfte, sozusagen Maßnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung zu ergreifen.“
Russland und die Drohnen-Vorfälle: Laut Experte können Schiffe als Startrampe genutzt werden
Gerade über Ostsee-Anrainerstaaten häuften sich zuletzt die Sichtungen von verdächtigen Drohnen. Polen und Estland veranlasste dies sogar dazu, Artikel 4 des NATO-Vertrags zu aktivieren, der Konsultationen im Fall einer Bedrohung zur Folge hat. Im Fall des baltischen Landes lautet der Vorwurf sogar, russische Jets hätten den Luftraum verletzt.
Auch Deutschland machte bereits seine Erfahrungen. Für Aufsehen sorgte ein Bericht des Spiegel, demzufolge Behörden befürchten, Drohnen-Überflüge über Einrichtungen in Schleswig-Holstein könnten das Ziel gehabt haben, diese aus der Luft zu vermessen. Unter anderem gab es entsprechende Bewegungen über einem Kraftwerk, einer Werft und einem Klinikum.
Zwar scheint es an Beweisen zu fehlen, Russland gerät aber schnell in Verdacht. So wurde an den Tagen der Drohnen-Vorfälle über Dänemark ein russisches Kriegsschiff zwischen dänischen Inseln entdeckt. Wie die dänische Nachrichtenagentur Ritzau berichtet, hält Jacob Kaarsbo, Experte für Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, Schiffe als sogenannte Startrampen für möglich. Auch der einstige Chefanalyst des dänischen Nachrichtendienstes blickt dabei nach Moskau: „Es ist schwer vorstellbar, dass außer Russland irgendjemand die Fähigkeit und Absicht hat, so etwas zu tun.“ (Quellen: afp, BFMTV, Le Parisien, opensanctions.org, vesselfinder.com, TV 2, Tass, Spiegel, Ritzau) (mg)