VonLars-Eric Nievelsteinschließen
Bei der Lufthansa sinken die Ticketpreise. Hotelübernachtungen werden ebenfalls billiger. Trotzdem warnen die Luftfahrtverbände vor ausbleibenden Reisenden.
Berlin – Nach den Lockdowns, die die Coronavirus-Pandemie mit sich gebracht hatte, verfielen Deutsche geradezu in einen Reiseboom. Um ihre wiederentdeckten Freiheiten ausleben zu können, nahmen sie mitunter deutlich höhere Preise in Kauf. Das hat sich nun geändert. Sowohl aus der Flugbranche als auch von Reiseverbänden kommen deutliche Warnungen.
Warnende Zahlen im Tourismus – ist der Boom vorbei?
Bei der Lufthansa herrscht noch vorsichtiger Optimismus. „Die Buchungen liegen um 16 Prozent höher als im schon rekordverdächtigen Vorjahr, und es wird wieder ein sehr starker Reisesommer“, gab Lufthansa-Chef Carsten Spohr bei der Vorstellung der Bilanz für das erste Quartal 2024 an. Nach langen Streiks hatte Lufthansa mit vielen Berufsgruppen neue Tarifverträge abgeschlossen. Laut der Wirtschaftswoche geht der Reiseboom zu Ende, der sich mit der Erholung von der Coronavirus-Pandemie eingestellt hatte.
Auch von Air France-KLM und US-amerikanischen Fluglinien kamen bereits warnende Zahlen. Mehrere hatten ihre Aussichten für das Jahr nach unten korrigiert. Seit rund einem Jahr fallen außerdem die Mietwagenpreise.
Überangebot könnte für fallende Erträge sorgen
Der Grund dafür ist das zunehmende Ausbleiben von Reisegästen in Flugsesseln und Betten. Kunden achten angesichts der schwächelnden Konjunktur, Inflation und damit steigender Lebenshaltungskosten verstärkt darauf, wie sie ihr Geld ausgeben. Sind die Reisekosten zu hoch, buchen sie entweder um – oder verzichten gleich ganz auf die Reise. Die Phase des „Revenge Travel“, also Rachereisen, in der Kunden deutlich mehr ausgegeben hatten, sei vorüber.
Die Zeiten der lukrativen Verknappung sind vorbei. Die Zahl neuer Hotels wächst wieder, weil angesichts der steigenden Preise wieder mehr Geldgeber an das Übernachtungsgewerbe glauben und neue Bettenhäuser bauen. Ein weiteres Problem für die Fluggesellschaften ist ein aufkommendes Überangebot auf den Langstrecken über dem Atlantik und Richtung Asien. „Hier ist das Risiko eines Überangebots und damit fallender Erträge besonders hoch“, zitierte die Wirtschaftswoche einen Analysten von J.P. Morgan. Die Lufthansa, die hier momentan das meiste Geld verdient, träfe diese Entwicklung hart.
Belastung aus der Politik – „erhebliche“ Belastungen der Reisewirtschaft erwartet
Ein weiterer Faktor, der Touristen dazu verleiten könnte, sich die Reise noch einmal zu überlegen, ist die Luftverkehrssteuer. Diese ist seit dem 1. Mai um 19 Prozent höher als vorher. Beim Deutschen Reiseverband (DRV) hatte das bereits scharfe Kritik an der Ampel-Koalition ausgelöst. „Die Erhöhung ist falsch und belastend“, kritisierte der DRV-Präsident Norbert Fiebig. Schon im Februar hatte die Bundesregierung diese Erhöhung beschlossen und nun durchgesetzt. Fiebig zufolge führt das „aufs Neue“ zu „erheblichen“ finanziellen Belastungen der Reisewirtschaft.
Zusammengerechnet geht der DRV-Präsident durch die kurzfristige Erhöhung der Ticketsteuer von einer Mehrbelastung in Höhe von rund 21 Millionen Euro aus. Die zusätzlichen Kosten könne die Reisebranche nicht auf die Reisenden umlegen; eine nachträgliche Erhöhung der Reisepreise bei Pauschalreisen sei nicht möglich. Dies müsse in den AGBs festgeschrieben sein – darauf verzichten die meisten Reiseveranstalter jedoch. „Reisen wird durch politisch gewollte Entscheidungen immer teurer gemacht – nicht nur durch die Erhöhung der Luftverkehrssteuer“, sagte Fiebig dazu.
Es drohen „weitere Einschnitte“ – BDL mahnt um Einhalten des Koalitionsvertrags
Während sich aktuell alle europäischen Länder vom „Corona-Tief“ erholen, bleibt Deutschland ein wenig hinter der Entwicklung zurück. Laut dem Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) steigt das Sitzplatzangebot gegenüber dem Vorjahr um sieben Prozent, soweit jedenfalls die Prognose für den Sommer 2024. Der Luftverkehr würde damit 88 Prozent des Niveaus von 2019 erreichen, dem letzten Jahr vor der Pandemie. Die Nachfrage nach Langstreckenflügen nimmt derzeit zu, besonders gefragt seien Flüge nach Nordamerika und Asien. Bei innerdeutschen Flügen oder Flügen von Deutschland in europäische Länder entwickelt sich die Nachfrage dagegen „langsamer“.
Der BDL warnte ebenfalls vor einer Gefährdung der deutschen Wirtschaft durch die Erhöhung der Luftverkehrssteuer. „Mit der erneuten Erhöhung der Luftverkehrsteuer um rund 25 Prozent drohen weitere Einschnitte bei der Erholung des Luftverkehrs in Deutschland, welche die Anbindung wichtiger Wirtschaftsstandorte gefährden, sowie die Investitionskraft der Fluggesellschaften für die Dekarbonisierung des Luftverkehrs mindern“, teilte Jost Lammers, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), mit. Der Verband forderte, dass der Bund die Einnahmen aus der Steuer „wie im Koalitionsvertrag angekündigt“ zur Förderung eines Markthochlaufs von nachhaltigen Kraftstoffen einsetzen sollte. So soll Deutschland Vorreiter beim CO₂-neutralen Fliegen werden.
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