Handelsunternehmen

Lieferketten: Ernten im Pestizidnebel

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Miserabel entlohnt: Arbeit auf einer Bananenfarm in Ecuador. afp
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Die Entwicklungsorganisation Oxfam wirft Rewe und Edeka vor, in ihren Lieferketten Menschenrechte zu verletzen. Eine Beschwerde beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle soll Abhilfe schaffen. Die Handelsketten weisen alle Vorwürfe zurück.

Grillen zirpen, die Sonne scheint auf ein Meer aus riesigen, grünen Bananenblättern. Arbeiter:innen packen auf der Plantage in Costa Rica gerade Früchte ein, da ertönt plötzlich ein ohrenbetäubendes Dröhnen: Ein Flugzeug nähert sich und versprüht eine Wolke von Pestiziden direkt über den Köpfen der Beschäftigten.

So schildert ein Report der Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam die Arbeitsbedingungen auf Plantagen, von denen deutsche Handelsketten wie Rewe, Edeka, Lidl und Aldi Früchte beziehen. „Man versteckt sich unter den Blättern, damit die Flüssigkeit einen nicht trifft“, zitiert der Bericht einen Arbeiter.

Regelung für faire Lieferketten

Das EU-Lieferkettengesetz soll Unternehmen für Kinderarbeit, Ausbeutung und Umweltverschmutzung in ihren globalen Geschäftsbeziehungen in die Verantwortung nehmen.

Im Unterschied zum deutschen Lieferkettengesetz sieht es auch eine zivilrechtliche Haftung vor.

Bisher erschienen (Auswahl):

-Bericht: FDP bremst EU-Lieferkettengesetz aus

-Kommentar: Auf die Koalition ist kein Verlass

-Interview zu Spielwarenfabriken: „Oft wird rund um die Uhr bis zur totalen Erschöpfung gearbeitet“

Arbeit mit giftigen Pestiziden ohne Schutzkleidung, Hungerlöhne und Druck auf Gewerkschaften – Bedingungen und Menschenrechtsverletzungen, die Oxfam und die Gewerkschaft für Bananenarbeiter:innen Astac nun dazu veranlasst haben, beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) gegen Rewe und Edeka eine Beschwerde wegen eines Verstoßes gegen das Lieferkettengesetz einzureichen. Unterstützt werden sie dabei vom katholischen Hilfswerk Misereor und dem European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR).

Oxfam und Astac nutzen damit erstmals ein gesetzliches Mittel, das das deutsche Lieferkettengesetz zivilgesellschaftlichen Organisationen bietet, wenn sie Menschenrechtsvergehen deutscher Unternehmen feststellen.

Nach eigener Darstellung hatte Oxfam die Unternehmen Rewe, Edeka, Lidl und Aldi im Sommer über Menschenrechtsverletzungen bei ihren Zulieferern in Costa Rica und Ecuador informiert. Auf Bananen- und Ananasfarmen würden Löhne zum Teil weit unter dem Mindestlohn gezahlt, so der Vorwurf. Und der Druck auf Gewerkschafter:innen sei gewaltig, sie würden drangsaliert oder unter fadenscheinigen Vorwänden entlassen. „Gewerkschaften werden systematisch unterdrückt. Das ureigenste Gewerkschaftsrecht, das Recht auf Tarifverhandlungen, können wir nicht wahrnehmen“, sagt Didier Leiton von der costa-ricanischen Gewerkschaft Sitrap.

Während sich Aldi und Lidl laut Oxfam verhandlungsbereit zeigten und direkt Gespräche mit der zuständigen Gewerkschaft in dem zentralamerikanischen Land aufnahmen, hätten Edeka und Rewe lediglich auf Zertifizierungen und Siegel verwiesen.

Oxfam zufolge zeigen Recherchen aber, dass bei vielen vermeintlich unabhängigen Kontrollen Manipulation im Spiel ist. So würden oft nur von Plantagenbesitzern ausgewählte Arbeiter:innen befragt, die dann nur Gutes zu berichten hätten.

Ihre Beschwerde beim Bafa untermauern Oxfam und Astac mit der umfangreichen Dokumentation der Bedingungen auf mehreren Plantagen. Das soll belegen, dass Rewe und Edeka gegen ihre menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten verstoßen.

„Das Bafa muss unseren Hinweisen nun nachgehen und den Supermärkten konkrete Anweisungen geben, was sie dagegen unternehmen sollen. Wenn sie diese nicht erfüllen, können im Einzelfall Bußgelder verhängt werden“, sagt Franziska Humbert, Leiterin des Bereichs Gerechtes Wirtschaften bei Oxfam. Für die Organisation sei die Beschwerde auch der Praxistest, was das deutsche Lieferkettengesetz tauge.

Die seit Januar 2023 geltende Regulierung verpflichtet in der ersten Stufe Unternehmen mit mindestens 3000, ab 2024 auch Firmen mit mindestens 1000 Beschäftigten im Inland zum Schutz von Menschenrechten und Umwelt in ihren globalen Lieferketten.

Edeka erklärte auf Anfrage der FR, das Unternehmen könne die erhobenen Vorwürfe nicht nachvollziehen. Den von Oxfam gemeldeten Hinweisen sei man selbstverständlich nachgegangen. Die Vorwürfe hätten sich „mit Bezug auf die Partnerfarmen“ von Edeka aber nicht bestätigt. Der Edeka-Verbund habe im Übrigen Prozesse und Strukturen verankert, um dem Lieferkettengesetz gerecht zu werden.

Auch Rewe weist die Vorwürfe zurück. Nach den von Oxfam gemeldeten Vorwürfen gegen einen ecuadorianischen Bananenzulieferer sei dort ein unangekündigtes Audit veranlasst worden. Die Ergebnisse der Kontrolle hätten dazu geführt, dass der Plantage die Zertifizierung der Rainforest Alliance entzogen worden sei, so der Lebensmitteleinzelhändler. Deshalb beziehe Rewe nun auch keine Früchte mehr von der Farm. Erst wenn alle festgestellten Mängel beseitigt seien, könne sich der ecuadorianische Betrieb neu zur Zertifizierung anmelden, heißt es beim Siegel-Unternehmen Rainforest Alliance.

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