Lieferketten

Spielwarenfabriken: „Oft wird rund um die Uhr bis zur totalen Erschöpfung gearbeitet“

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Maik Pflaum, Vorstand der Fair Toys Organisation, über Missstände in der Spielwarenbranche und ein neues Siegel für soziale Verantwortung. Ein Interview von Tobias Schwab.

Eine schöne Filzfingerpuppe hat Maik Pflaum zuletzt als Geschenk für ein Patenkind gekauft. Bei Spielzeug schaut der Arbeitsrechtsexperte der Christlichen Initiative Romero ganz genau hin. Denn auch in dieser Branche liegt vieles im Argen. Jüngst war er zu Gesprächen mit Beschäftigten in Vietnam - ein Land, in das immer mehr Fertigung verlagert wird, weil dort billiger als in China produziert werden kann.

Spielzeugfabrik in China: Da der Lohn nicht zum Leben reicht, sind die Beschäftigten zu massiven Überstunden gezwungen.

Herr Pflaum, kann man Spielzeug mit gutem Gewissen kaufen?

Das ist schwierig und gleicht eher der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Man müsste sich zumindest zuvor über das Unternehmen informieren. Die Realität ist, dass es in der Branche zu massiven Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen kommt. Und viele Firmen schauen da immer noch nicht genau hin.

Von der Textilbranche und dem für Elektronik wichtigen Rohstoffsektor wissen mittlerweile viele Menschen um die Probleme in der Lieferkette. Über Spielwaren redet kaum jemand.

Das stimmt – die Branche ist lange komplett unter dem Radar geblieben. Es gab keine großen Kampagnen der Zivilgesellschaft wie etwa zur Textilproduktion, sondern nur punktuelles Engagement. Vor allem in der Spielzeugstadt Nürnberg mit dem Bündnis Fair Toys, das schon seit 2001 auf die Situation in den asiatischen Produktionsbetrieben aufmerksam macht.

„Da der Lohn für ein würdiges Leben nicht reicht, sind die Beschäftigten zu Überstunden gezwungen“

Was sind dort die größten Probleme?

Im Grunde können wir das mit der Bekleidungsindustrie vergleichen. Wir wissen auch, dass die Arbeiterinnen zwischen den Branchen hin- und herwechseln. In beiden Sektoren ist die Bezahlung ein zentrales Problem. Es gibt in der Regel den regionalen Mindestlohn – aber der reicht lange nicht, um die Grundbedürfnisse einer Familie zu decken.

Wie sieht es mit den Arbeitszeiten aus?

Da der Lohn für ein würdiges Leben nicht reicht, sind die Beschäftigten zu Überstunden gezwungen. Das ist bei Spielwaren ein noch viel massiveres Problem als in den Textilfabriken.

Warum?

Spielwaren sind ein extremes Saisongeschäft. Ein Drittel des Umsatzes macht die Branche rund um Weihnachten. Was im Sommer nicht in China, Vietnam oder Indien hergestellt wird, schafft es nicht rechtzeitig in die Läden und kann dann nicht unterm Christbaum liegen. In der Produktion gibt es also eine Hochsaison von drei Monaten – da wird dann oft rund um die Uhr bis zur totalen Erschöpfung gearbeitet. Beschäftigte sehen ihre Kinder in den weiter entfernten Heimatdörfern oft nur einmal im Monat.

Maik Pflaum, Arbeitsrechtsexperte der Christlichen Initiative Romero und Vorstand der Fair Toys Organisation.

„Viele Spielwaren werden mit einem hohen Einsatz von Chemikalien gefertigt“

Stichwort Arbeits- und Umweltschutz – unter welchen Bedingungen wird in den Werken produziert?

Viele Spielwaren werden mit einem hohen Einsatz von Chemikalien, vor allem Lösungsmitteln und Weichmachern, gefertigt. Das birgt große Risiken für Mensch und Umwelt. Gerade war ich in Vietnam und konnte mit Beschäftigten sprechen. Ein Arbeiter hat mir seine verätzten Hände gezeigt. Eigentlich hat er Handschuhe. Doch die trägt er nicht, weil sie ihn bei der Montage kleiner Teile behindern, also Zeit kosten. Der Arbeitsdruck ist so hoch, dass dann auch Sicherheit und Vorsorge leiden. Eine Fabrikarbeiterin hat mir erzählt, dass sie infolge des täglichen Umgangs mit Chemikalien ihren Geruchssinn verloren hat.

Die Branche haben solche Zustände bislang nicht gekümmert?

Es gibt zwar eine Zertifizierung durch den Weltverband der Spielwarenindustrie und die Unternehmensinitiative Amfori BSCI zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten. Aber da kontrolliert und zertifiziert die Industrie sich selbst – das hat wenig Glaubwürdigkeit.

Wie wollen Sie das mit der Fair Toys Organisation (FTO) besser machen?

Unser Ansatz ist ein ganz anderer. Die FTO ist eine Multi-Stakeholder-Initiative. Mitglieder sind Spielzeugfirmen, zivilgesellschaftliche und kirchliche Organisationen, der Deutsche Spielwarenverband, die Stadt Nürnberg und die Spielwarenmesse, um nur ein paar zu nennen.

„Bei der Fair Toys Organisation haben wir die Willigen“

Ein ähnliches Konzept, wie es das Bündnis für nachhaltige Textilien seit 2014 verfolgt, dem man allerdings nachsagt, dass es bislang nicht viel erreicht hat.

Die Ergebnisse des Textilbündnisses zur Verbesserung der Bedingungen in der weltweiten Bekleidungsindustrie sind in der Tat ernüchternd. Das liegt auch daran, dass die Unternehmen und vor allem die Verbände ihre Bremser ins Bündnis geschickt haben. Bei der Fair Toys Organisation haben wir die Willigen. Ganz bewusst sind wir in den ersten beiden Jahren mit einem Kreis von Firmen gestartet, die sich engagieren und etwas erreichen wollen. Gemeinsam mit ihnen haben wir Ziele, Konzepte und Methoden entwickelt. Dazu zählt beispielsweise auch ein existenzsichernder Lohn, der Schritt für Schritt erreicht werden soll.

Regelung für faire Lieferketten

Das EU-Lieferkettengesetz soll Unternehmen für Kinderarbeit, Ausbeutung und Umweltverschmutzung in ihren globalen Geschäftsbeziehungen in die Verantwortung nehmen.

Im Unterschied zum deutschen Lieferkettengesetz sieht es auch eine zivilrechtliche Haftung vor.

Bisher erschienen (Auswahl):

-Bericht: FDP bremst EU-Lieferkettengesetz aus

-Kommentar: Auf die Koalition ist kein Verlass

-Bericht zu Lieferketten: Ernten im Pestizidnebel

Wie viele Unternehmen haben Sie mittlerweile an Bord?

Von den etwa 650 Firmen der Spielwarenbranche in Deutschland sind 17 der FTO beigetreten. Darunter sind Namen wie Faller, Haba, Heunec, Sigikid, Zapf Creation oder der Franckh-Kosmos-Verlag.

Bei denen ist jetzt alles gut?

Das wird niemand behaupten, aber sie sind auf dem Weg und stellen sich den Herausforderungen. Die Unternehmen müssen in diesem Jahr erstmals den Fair Performance Check durchlaufen. Dafür wurde unter wissenschaftlicher Begleitung ein Handbuch entwickelt, mit dem bewertet wird, ob die Hersteller ihren menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten nachkommen und Sozial- und Umweltstandards in ihren Lieferketten einhalten. Nur wer 85 Prozent der Anforderungen des Checks erfüllt, darf das Fair-Toys-Siegel tragen.

Wie schneiden die Mitgliedsunternehmen ab?

Zwei Firmen sind reif für das Siegel. Bei den anderen läuft die Bewertung gerade. Die FTO konnte das Label im September erstmals an den Plüschtierhersteller Heunec und das Unternehmen Plasticant Mobilo, das Konstruktionsspielzeug baut, vergeben. Das Siegel gibt es aber nur für ein Jahr, danach muss der Check erneut mit der Geschäftsstelle der FTO durchlaufen werden.

Das Siegel zertifiziert nicht einzelne Produkte, sondern das ganze Unternehmen?

Wir halten es für konsequenter und zielführender, alle Prozesse in einem Unternehmen zu betrachten und das Siegel nicht nur einem Teddybären anzuheften, der fair hergestellt wurde, während man bei allen anderen Produkten nicht so genau hinschaut. Das läuft dann doch oft auf Greenwashing hinaus.

Kontrollieren Sie auch die Fabriken der Zulieferer ihrer Mitgliedsfirmen?

Das ist jedenfalls nicht der erste Schritt. Vor Ort sehen sie bei einem Besuch meist doch nur, was sie sehen sollen, oder bekommen bestätigt, was sie ohnehin schon wissen.

Das neue Siegel für faires Spielzeug.

Wie geht die FTO vor?

Wir setzen beim Management an. Die Unternehmen müssen ihre Einkaufspraktiken konsequent hinterfragen und verändern, bis hin zur Preisgestaltung. Es geht um die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation und die Einrichtung von Beschwerdemechanismen. Das bedeutet vor allem, die eigenen Leute zu schulen, dann aber auch die Zulieferer. Menschenrechte, Sozial- und Umweltstandards müssen in allen Managementprozessen immer mitberücksichtigt werden. Wenn Unternehmen sich darauf eingestellt haben, dann können auch stichprobenartig Kontrollbesuche in den Fabriken in Asien folgen.

„Sie wussten bislang aber oftmals nicht, wie sie das glaubwürdig hinkriegen“

Müssen die Mitglieder ihre Zulieferer benennen?

Ja, der FTO gegenüber sind sie offenzulegen. Aber sie müssen sie nicht ins Netz stellen, das wollen viele aus Wettbewerbsgründen nicht. Die Namen der Zulieferer liegen bei der FTO auf einem speziellen Server, auf den nur die Geschäftsstelle Zugriff hat. Wenn also in einem Betrieb etwas passieren sollte, kann die FTO die Verbindung zu den Auftraggebern ziehen.

Ein dickes Handbuch, der jährliche Performance-Check mit umfangreicher Dokumentation, das klingt nach einer Menge Bürokratie. Klagen die Unternehmen da nicht?

Natürlich ist das für die Firmen ein Aufwand. Aber im Kreis der ersten Mitglieder findet sich bei den entscheidenden Personen viel intrinsische Motivation, ethisch sauberes Spielzeug herzustellen. Oft sind das familiengeführte Unternehmen, die ihre Beschäftigten hierzulande vernünftig behandeln und auch für menschenwürdige Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern Sorge tragen wollen. Sie wussten bislang aber oftmals nicht, wie sie das glaubwürdig hinkriegen.

Noch ist die Zahl ihrer Mitglieder aber überschaubar.

Es war zunächst ja eine bewusste Entscheidung, am Anfang nicht zu schnell groß zu werden. Nachdem jetzt die eigenen Prozesse und Abläufe stehen und die FTO die ersten Siegel vergeben konnte, hat der Vorstand beschlossen, nun auf Wachstum zu setzen und weitere Spielwarenhersteller zu gewinnen. Hierbei kann das deutsche Lieferkettengesetz der FTO in die Hände spielen. Denn das Gesetz ist nur ein Rahmen, der gefüllt werden muss. Und die FTO hält hierfür einen Werkzeugkasten bereit, wie menschenrechtliche Sorgfaltspflichten umgesetzt werden können.

Merken Sie, dass auch aufseiten der Konsument:innen das Bewusstsein für faires Spielzeug wächst?

Durchaus machen sich da immer mehr Menschen und Einrichtungen Gedanken. Gerade hat die Romero-Initiative die Stadt Köln bei der Ausschreibung für die Beschaffung von Spielzeug beraten. Da geht es um Aufträge über mehrere Millionen Euro. Das hat dann schon eine große Wirkung.

Was sollten Menschen beachten, die zu Weihnachten Spielzeug verschenken wollen?

Auf keinen Fall einfach im Internet drauf los bestellen. Vieles kommt dann direkt aus China, wird möglicherweise in Hinterhofklitschen ohne jegliche Kontrolle hergestellt. Besser ist es, sich im Fachhandel umzusehen. Und auf der FTO-Webseite findet man die Liste der Mitgliedsfirmen. Basierend auf dem Fair Performance Check kann man einschätzen, wie ernst sie das Thema nehmen und ob sie auf dem Weg sind. Und grundsätzlich gilt, weg vom Billigschrott hin zu qualitativ hochwertigen und nachhaltigen Produkten.

Maik Pflaum, Vorstand der Fair Toys Organisation, über Missstände in der Spielwarenbranche und ein neues Siegel für soziale Verantwortung / Ein Interview von Tobias Schwab

Rubriklistenbild: © Toys Report/CIR

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