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Die Chance des Euro: Trumps Zollkrieg könnte US-Dollar Status als Leitwährung kosten

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Zollkrieg und Staatsverschuldung unterminieren den Status des US-Dollar als Weltleitwährung. Wie könnte die Eurozone davon profitieren?

Die Zollpolitik Donald Trumps gefährdet nicht nur das globale Handelssystem, sondern auch einen seiner Eckpfeiler: den Dollar. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs fungiert die US-Devise als Weltleitwährung, als internationales Zahlungsmittel schlechthin, was den USA gigantische Vorteile beschert. Doch die Politik Washingtons sät nun Zweifel in die grundlegende Qualität des Dollar: seine Verlässlichkeit. Davon profitiert die Weltleitwährung Nummer zwei, der Euro. Die aktuelle Situation sei „weniger eine Bedrohung als vielmehr eine Chance”, so EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Um den Dollar abzulösen, muss der Euro allerdings einige hohe Hürden nehmen. Vor allem braucht die Eurozone mehr Gemeinsamkeit und mehr gemeinsame Schulden.

Trumps Politik gefährdet Dollar-Vormachtstellung

Der Status des Dollar ist eine der Säulen, auf dem die US-Weltmacht ruht. Rund um den Globus wird er als Geld akzeptiert, mit ihm kann man weltweit kaufen und leihen, er wird investiert und gespart – auf Krisen folgt meist die Flucht in den sicheren Hafen Dollar. Deutlich wird seine Ausnahmestellung bei den Devisenreserven, die Zentralbanken als Schatz horten. Hier macht der Dollar 57 Prozent aus. Der Euro liegt abgeschlagen auf Platz zwei mit 20 Prozent. Der Rest der Währungen spielt kaum eine Rolle.

Diese Stellung des Dollar bietet den USA unschätzbare Vorteile – vor allem, dass ihre Regierung wie auch Banken und Unternehmen stets Kreditgeber finden, die ihnen zu relativ niedrigen Zinsen Geld leihen – also „in den Dollar gehen“. Diese Freiheit nutzt Washington ausgiebig für Konjunkturprogramme und Aufrüstung. Mit Folgen: Das derzeit im US-Kongress verhandelte, große Fiskalpaket wird das US-Defizit in den nächsten zehn Jahren um zusätzliche 3,5 Billionen Dollar erhöhen, schätzt die Commerzbank. Selbst ohne das Paket wären Washingtons Schulden dieses Jahr auf fast 120 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen – höher als Ende des Zweiten Weltkrieges.

Trumps Zölle sorgen für eine fundamentale Unsicherheit über den Kurs der USA und ihres Geldes

Doch nun scheint der Dollar angeschlagen. Die hohen Zölle gefährden das US-Wachstum und säen darüber hinaus eine fundamentale Unsicherheit über den Kurs der USA – und damit ihres Geldes. Länder wie China und Russland bemühen sich aus geopolitischen Erwägungen heraus ohnehin, sich vom Dollar unabhängiger zu machen. Zusätzlich strapazieren Washingtons Schulden die Kreditwürdigkeit der USA, die die Ratingagentur Moody‘s dieser Tage heruntergestuft hat. Folge sei „eine besorgniserregende Performance bei US-Staatsanleihen“ – eine Anlageklasse, die normalerweise als „sicher“ gelte, so die Bank ING.

Christine Lagarde, Hüterin der Weltleitwährung Nummer zwei.

Damit wittert Europa seine Chance. Die Notlage der USA, schreibt die französische Ökonomin Hélène Rey auf dem Portal „Politico“, bietet der Eurozone die Möglichkeit, einige der exorbitanten Privilegien zu nutzen, die die USA lange Zeit genossen haben. „Dazu gehören billigeres Kapital für die Regierungen und Unternehmen der Eurozone und eine leichtere Refinanzierung in Krisenzeiten, da die Nachfrage nach ‚sicheren‘ Euro-Anlagen steigen würde. Dazu gehört auch ein größeres geopolitisches Gewicht.“

US-Finanzmarkt bleibt Vorteil des US-Dollars im Vergleich zum Euro

Angeschlagen oder nicht – noch hat der US-Dollar einen entscheidenden Vorteil gegenüber allen anderen Währungen: den riesigen US-Finanzmarkt und ein gigantisches Reservoir an Staats- und Unternehmensanleihen, in die das Finanzkapital der Welt investieren kann. Der Markt für Euro-Staatsanleihen dagegen ist mit fast elf Billionen Euro nur etwa halb so groß wie der Markt für US-Staatsanleihen, erklärt ING. „Entscheidend ist jedoch, dass der Euro-Schuldenmarkt nicht homogen ist. Er ist auf die 20 Mitgliedstaaten mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Größe, Kreditqualität und politischer Stabilität verteilt.“

Was die Euro-Zone also braucht, um dem Dollar ernsthaft Konkurrenz zu machen, ist erstens ein möglichst einheitlicher Finanz- und Kapitalmarkt, auf dem die globalen Anleger investieren können. Die Bildung einer vollwertigen Spar- und Investitionsunion, früher bekannt als Kapitalmarktunion, steht zwar schon lange auf dem Programm in Europa. Allerdings scheitert sie bislang an gegensätzlichen nationalen Interessen. So warnen deutsche Politiker regelmäßig davor, eine Kapitalmarktunion würde zu einer „Schuldenunion“ führen, in der Deutschland für andere Länder haften müsse.

Euro braucht eine europäische „Schuldenunion“, um als Währung aufzusteigen

Eine europäische „Schuldenunion“ allerdings ist genau das, was der Euro braucht, um international aufzusteigen. Das zeigt die zweite Zutat, die die Euro-Zone bräuchte, um dem Dollar stärker Konkurrenz zu machen: ein erstklassiges Wertpapier mit großem Volumen, analog zu den US-Staatsanleihen. „Im Kern geht es darum, dass Europa einen hochwertigen, liquiden Pool von Vermögenswerten bereitstellen muss, um mit US-Treasuries zu konkurrieren“, erklärt ING. Deutsche Bundesanleihen seien zwar erstklassig – doch gibt es davon schlicht zu wenige. Daran ändern auch die neuen Sondervermögen zur Aufrüstung nichts.

Zudem verlangt das globale Finanzkapital die Sicherheit, dass dieser große liquide Anleihenpool ständig neu befüllt wird, in großem Ausmaß also laufend und regelmäßig neue Schuldscheine hinzukommen, insbesondere in Krisensituationen, in denen das Kapital massenhaft in Sicherheit flüchten muss. „Dafür“, so ING, „sind umfangreiche und vorhersehbare gemeinsame EU-Emissionen erforderlich.“ Zwar gibt es bereits gemeinsame EU-Schulden, zum Beispiel für den Investitionsfonds NGEU. Die sollen aber insbesondere auf Wunsch Deutschlands die Ausnahme bleiben. Gemeinsame Schulden bedeuten gemeinsame Haftung – und das lehnt die Bundesregierung bislang noch ab.

EU muss Differenzen überwinden – dann kann der Euro den Dollar verdrängen

In Frankreich ist man aufgeschlossener: Wolle man einen wirklich sicheren Vermögenswert für die gesamte Eurozone schaffen, so Ökonomin Rey, sei „die gemeinsame Emission von Schuldtiteln für dringende Verteidigungsausgaben ein guter Ansatzpunkt sein“. Auch Frankreichs „Superminister“ Éric Lombard mahnte diese Woche in der „FAZ“: „Die europäische Wirtschaft würde davon profitieren, wenn der Euro eine noch wichtigere Reservewährung wäre, was sichere Vermögenswerte auf nationaler und europäischer Ebene voraussetzt“, sagte er und fügte an: „Die Idee einer europäischen Verschuldung zur Finanzierung von Rüstungsgütern sollte nicht aus Prinzip abgelehnt werden.“

Europa müsste also seine Differenzen überwinden, um dem Dollar Paroli zu bieten – und ihn damit aber auch schrittweise zu verdrängen. Es bleibt die Frage, wie die USA reagieren, wenn einer der Eckpfeiler ihrer Weltmacht zu bröckeln beginnt.

Rubriklistenbild: © Arne Dedert

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