Experte warnt: „So wie Trump: Deutschland ist dabei, alles einzureißen“
VonLisa Gilz
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Sich für wirtschaftliche Veränderung öffnen und aus Trumps-Politik lernen. DIW-Chef Fratzscher mahnt: „Könnten in riesige Krise schlittern.“
Berlin – Das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) wird im Juli 100 Jahre alt. Die Motivation des Instituts sei heute noch die gleiche wie damals, sagt der aktuelle Präsident Marcel Fratzscher im Interview mit der Frankfurter Rundschau: „Daten zu analysieren, die uns helfen, die Wirtschaftspolitik zu verstehen. Und daraus schließen, was eine Wirtschaftspolitik tun könnte und sollte.“ Akuter Handlungsbedarf in Wirtschaft und Politik bestehe aktuell etwa, damit es Deutschland nicht ähnlich ergeht wie den USA unter Präsident Donald Trump.
Wirtschaftsexperte: „Wir leiden unter einer mentalen Depression, die uns hindert, Lösungen zu finden.“
Herr Fratzscher, die Arbeitslosenquote sinkt nicht, die Wirtschaft wächst nicht. Befindet sich Deutschland wirtschaftlich in der schlimmsten Situation der vergangenen Jahrzehnte?
Ich weiß nicht, ob wir die schlimmste Situation in den letzten 70 Jahren haben. Die schwierigste vielleicht schon. Die Lage ist deutlich besser als die Stimmung, allerdings waren die Herausforderungen nie größer als heute. Uns geht es hervorragend – gesamtgesellschaftlich. Aber das trifft nicht auf jeden einzelnen zu. Wir haben auch viele Menschen, die in Armut leben, die Probleme haben. Wir leiden unter einer mentalen Depression, und das hindert uns daran, Lösungen zu finden.
Haben Sie dazu eine Prognose für die nächsten Jahre?
Ich befürchte, die Situation muss noch deutlich schlechter werden, bevor wir aufwachen und realisieren, dass wir handeln müssen. Perspektivisch könnten wir in den nächsten zehn Jahren in mehrere riesige Krisen schlittern. Das können geopolitische Konflikte sein, das kann wirtschaftlich sein, das kann technologisch sein, das kann die Klimakrise sein.
Hat sich die deutsche Wirtschaft zu sehr auf eine globalisierte Welt verlassen?
Globalisierung ist die Grundlage unseres wirtschaftlichen Wohlstands heute in Deutschland. Fast die Hälfte unserer Wirtschaftsleistung machen Exporte aus, fast jeder zweite Job hängt direkt oder indirekt am Handel mit dem Ausland. Ich glaube jedoch, dass in den letzten 30 Jahren die Globalisierung über das Ziel hinausgeschossen ist. Die Welle der Globalisierung hat zwar zu weniger Ungleichheit zwischen Ländern geführt, aber zu deutlich mehr Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften.
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Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, um gegenzusteuern?
Die Antwort darauf ist nicht zu sagen: „Wir machen jetzt alles wieder umgekehrt, machen die Grenzen dicht und schotten uns ab – und dann haben wir das Problem gelöst.“ Die Antwort muss sein, die Globalisierung klüger zu gestalten und alle mitzunehmen. Vor allem Menschen mit weniger Bildung, mit weniger Einkommen, die in strukturschwächeren Regionen leben, die vielleicht von ihrem Job her nicht so mobil sind, und insbesondere junge Menschen.
Ist Deutschland schlecht im Loslassen – wie etwa in der Industriewirtschaft?
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Sonst ergeht es Deutschland wie den USA aktuell?
Wir sind bereits dabei, wie ein Elefant im Porzellanladen alles einzureißen. So wie Trump. Er will seine Macht ausnutzen, um andere über den Tisch zu ziehen und für sich das vermeintlich Beste rauszuholen. Dabei realisiert er nicht, dass er auch den USA großen Schaden zufügt sowie den Menschen, von denen er behauptet, dass er ihnen helfen will. Und das trifft auch auf die deutsche Gesellschaft zu.
Unser Wohlstand hängt davon ab, ob es uns gelingt, weiter eine offene Gesellschaft zu bleiben, dass Menschen gerne zu uns kommen und hier ihre Heimat finden, ihr Leben aufbauen und einen Beitrag leisten. Diesbezüglich verfolge ich mit Entsetzen die Politik, die sich auch in Deutschland zunehmend durchsetzt. Menschen, die zu uns kommen, wird das Leben schwer gemacht. Geflüchteten solle man Leistung kürzen, sie werden unter Druck gesetzt. Das ist kontraproduktiv und zerstört den Wohlstand, den wir heute haben.
Und Ihre und die Rolle des Deutschen Instituts für Wirtschaft ist dabei, mit dem Finger darauf zu zeigen?
Einige kritisieren uns in der Wissenschaft, Institute wie das DIW Berlin oder auch mich als Person. Sie sagen, die machen zu viel, die mischen sich zu viel in diese gesellschaftspolitischen Debatten ein. Wissenschaft hat Verantwortung. Unsere ist, eine beratende, eine mahnende Rolle einzunehmen. Eine Rolle, die aufklärt, die Transparenz schafft und blinde Flecken offenlegt.