- VonMark Simon Wolfschließen
Für deutsche Banken war die Rüstungsindustrie aufgrund von regulatorischen Barrieren lange Zeit ein No-Go. Jetzt kündigen die Finanzinstitute Investitionen an – darunter auch die staatliche KfW.
Berlin – Die europäische Rüstungsbranche erlebt einen Aufschwung – und wird zunehmend für Investoren und Kooperationspartner attraktiv. Neben der Autoindustrie, die bereits seit Längerem eine engere Zusammenarbeit sucht, erkennen nun auch verstärkt deutsche Banken das Potenzial des lange Zeit geächteten Sektors.
Deutsche Banken bei Investitionen in Rüstungsgüter zurückhaltend – KfW passt Richtlinien an
So verkündete KfW-Chef Stefan Wintels am Donnerstag in Frankfurt, dass die staatliche Förderbank ihre „Richtlinien für die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie“ angepasst habe. Die Wagniskapitaltochter KfW Capital hat ihre Vorgaben gelockert und wird künftig auch Unternehmen fördern, deren Güter ausschließlich militärischen Zwecken dienen. Als einzige Einschränkung nannte Wintels, dass die KfW nicht in sogenannte „kontroverse Waffen“ investieren werde – darunter fallen international geächtete Waffentypen wie Streumunition, chemische und biologische Waffen sowie Massenvernichtungswaffen.
Angesichts der wachsenden Bedrohungslage in Europa – ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die wankenden Sicherheitsgarantien der USA unter Präsident Donald Trump – haben EU und Bundesregierung bereits massive Investitionen in die Verteidigung angekündigt. Während die Europäische Investitionsbank auf EU-Ebene plant, künftig mehr Militärprojekte finanziell zu unterstützen, hat auch die Bundesregierung bei der KfW grünes Licht für derartige Unternehmungen gegeben. Wohl auch auf Drängen aus der Rüstungsindustrie.
Start-ups bemängeln Finanzierungslücke – Banken wanden sich nach 2012 aus Reputationsgründen
Für eine wirksame deutsche bzw. europäische Verteidigung braucht es massive Investitionen in die Rüstungswirtschaft. Dabei hatten es in der Vergangenheit oftmals Start-ups sowie kleinere Unternehmen schwer, bei deutschen Banken Kredite zu erhalten. Die Startups Quantum Systems und Tytan Technologies, die sich jeweils auf Drohnen spezialisiert haben, berichten gegenüber der FAZ, dass sie teilweise Schwierigkeiten hatten, überhaupt ein Geschäftskonto zu eröffnen. Die großen Player am Markt wie Rheinmetall oder Hensoldt kommen dagegen leichter an Bankleistungen sowie auch Kapital. Mittlerweile haben auch die EU und die Bundesrepublik registriert, dass ihre schuldenfinanzierten Finanzpakete allein nicht ausreichen.
Ein Hindernis für deutsche Banken waren zum einen der Zeitgeist nach 2011, als die damalige Regierung unter Angela Merkel die Aussetzung des Wehrdienstes beschloss und glaubte, dass Europa künftig ohnehin in Frieden leben werde. Mit heutigem Wissen war diese Entscheidung ein Trugschluss. Doch in den Folgejahren blickte die Gesellschaft umso kritischer auf Aktivitäten der Rüstungsindustrie, sodass sich Banken aus Reputationsgründen ohnehin nicht öffentlichkeitswirksam an Finanzierungen herantrauten.
EU lockert ESG-Vorgaben für Rüstungsindustrie – „substanziellen Beitrag zur europäischen Sicherheit leisten“
Zudem erschwerten ESG-Vorgaben potenzielle Investitionen in die Rüstungsindustrie. Zwar gibt es keine EU-weite Einstufung als grundsätzlich „socially harmful“, doch viele Banken und Fonds orientierten sich bis 2023 an internen Ausschlusskriterien, die unter anderem Rüstungs-, Tabak- und Glücksspielunternehmen betrafen. Inzwischen wächst jedoch auf EU-Ebene das Verständnis dafür, dass Investitionen in Verteidigung nicht zwangsläufig im Widerspruch zu ESG-Zielen stehen. Unternehmen, die mit geächteten Waffen wie Streumunition handeln, bleiben jedoch weiterhin von EU-Benchmarks ausgeschlossen. Der Bundesverband der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie drängt unterdessen darauf, den Zugang der Branche zu Kapital von Banken, Versicherungen und Fonds gezielt zu verbessern.
Ermutigt durch diese Entwicklungen wagten sich in den vergangenen Monaten immer mehr deutsche Banken aus der Deckung. „Wir erwarten eine steigende Nachfrage und sind bereit, unsere Kunden dabei zu unterstützen, einen substanziellen Beitrag zur europäischen Sicherheit zu leisten“, erklärte etwa Marion Bayer-Schiller, zuständig für große Unternehmen bei der HypoVereinsbank im Handelsblatt.
Rüstungsbranche „more bankable“ machen – Für Banken warten lukrative Geschäfte im Verteidigungssektor
In einer FAZ-Umfrage unter Banken signalisierten auch die teilverstaatliche Commerzbank und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) mit, dass sie ihr Kreditvolumen für Rüstungsunternehmen erhöhen wollen. Bernd Spalt, Risikovorstand bei der Commerzbank, erklärte zwar etwas verklausuliert, dass man die „entscheidende Rolle der Verteidigungsindustrie bei der Wahrung unserer nationalen Sicherheit“ verstanden habe, doch die Botschaft ging klar in Richtung Offenheit gegenüber der Rüstungsindustrie. Diese Haltung bestätigte auch Fabrizio Campelli, Firmenkundenvorstand der Deutschen Bank, auf einer Konferenz in Frankfurt: „Ohne eine Reihe konkreter Maßnahmen wird Europa Schwierigkeiten haben, eine neue Welle des Wachstums im Verteidigungsbereich zu finanzieren.“ Zusätzlich appellierte er an die EU, die Finanzierung in diesem Bereich noch einfacher zu gestalten.
Sein Chef, Christian Sewing, brachte es in einem Podcast einer Formel auf den Punkt: Die Rüstungsbranche „more bankable“ – noch bankfähiger – zu machen. Getrieben ist diese Kehrtwende jedoch nicht allein von patriotischen Gefühlen gegenüber dem Heimatland.
Rüstungs-Finanzierung: Deutsche Banken deutlich hinter internationaler Konkurrenz
Das Geschäft mit der Rüstungsindustrie ist lukrativ – und wird in Europa bis heute vor allem von Banken aus Frankreich (BNP Paribas, Société Générale, Crédit Agricole), Spanien (Santander, BBVA) und den USA (Bank of America, Citi) dominiert. Laut Schätzungen der kanadischen Bank RBC Capital Markets hinken deutsche Banken sowohl im Anleihengeschäft als auch bei der Vergabe von Großkrediten hinterher: Zwischen 2014 und 2024 umfassten die Marktanteile der BNP Paribas 8,6 Prozent, Santander 7,9 Prozent und der Bank of America 7,6 Prozent. Die Commerzbank und die Deutsche Bank liegen mit 2 bzw. 1,9 Prozent weit abgeschlagen auf den hinteren Rängen des Rankings.
Diese Ungleichheit spiegelt sich auch im Kreditrahmen für Verteidigungsprojekte wider. Bei konkreten Zahlen geben sich deutsche Banken eher schmallippig. Gegenüber dem Handelsblatt räumten die Commerzbank einen einstelligen Milliardenbetrag ein, während die LBBW von einer Summe unter einer Milliarde Euro sprach. Angeblich liege einzig das Budget der HypoVereinsbank im zweistelligen Bereich.
Französische Banken bekommen Druck – und investieren massiv in Rüstungsbranche
Zum Vergleich: Die sechs größten Banken Frankreichs kündigten Mitte März an, gemeinsam 37 Milliarden Euro in die Rüstungsindustrie zu investieren. Man solle den „erwarteten Bedarf des Sektors finanzieren“, ließen sie dazu verlauten.
Das Vorhaben knüpft sich eng an Forderungen aus der Industrie, dass der Bankensektor speziell kleinere und mittlere Rüstungsunternehmen zu wenig unterstützt habe. Doch auch schon vorher flossen massive Gelder: Allein die französische BNP Paribas investierte 2024 zwölf Milliarden Euro direkt in den Verteidigungssektor. Das entspricht der Hälfte des gesamten Budgets für den Unternehmenskundenbereich. Kommuniziert hat die Bank diese „Leistung“ auf direktem Wege: per Pressemitteilung.
Rubriklistenbild: © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
