VonAmy Walkerschließen
Trotz verfehlter Mehrheit hat die EU-Kommission eine Verlängerung des Pflanzengifts Glyphosat für zehn weitere Jahre angekündigt. Was hat es mit dem Herbizid auf sich?
Brüssel – Die EU-Kommission hat eine weitere Zulassung des Totalherbizids Glyphosat für zehn Jahre angekündigt. Der Beschluss fiel, nachdem es den EU-Mitgliedsstaaten zum zweiten Mal nicht gelungen war, sich auf eine gemeinsame Position zu einigen. Da es keine qualifizierte Mehrheit für die Zulassung gab, konnte die Kommission im Alleingang entscheiden.
Schon seit Jahren sorgt Glyphosat weltweit für Schlagzeilen. Es ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Pflanzenschutzmittel. Zugleich sind die Auswirkungen für Mensch und Umwelt höchst umstritten. Hier geben wir einen Überblick über die wichtigsten Fragen zu Glyphosat.
Glyphosat: Was es ist und wie häufig es eingesetzt wird
Glyphosat ist ein Wirkstoff, der in den 1970er Jahren von der US-Firma Monsanto entwickelt wurde. Heute ist er der am häufigsten genutzte Bestandteil von Unkrautvernichtungsmitteln weltweit. Er ist vor allem in Breitbandherbiziden wie Monsantos Roundup enthalten. Diese Produkte werden von allen grünen Pflanzenteilen wie Blättern und Stielen absorbiert und töten die Pflanze. Seit 2018 gehört Monsanto zum Bayer-Konzern in Leverkusen. Roundup wird in vielen Ländern, insbesondere in Nord- und Südamerika, zusammen mit gentechnisch verändertem Saatgut vertrieben, das gegen Glyphosat resistent ist.
Heute macht die Substanz nach Angaben der Glyphosate Renewal Group - eines Zusammenschlusses von Unternehmen, die das Mittel vertreiben - rund 25 Prozent des weltweiten Herbizidmarktes aus. In Deutschland wurden nach jüngsten Zahlen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im Jahr 2021 knapp 4100 Tonnen abgesetzt.
Ist Glyphosat für Menschen gefährlich? Welche Auswirkungen gibt es auf die Umwelt?
Die Frage, ob Glyphosat krebserregend ist, steht im Zentrum der Debatte in der EU, besonders wenn es um die Zulassung des Produkts geht. 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), ein Organ der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Die Experten betonten jedoch, dass diese Feststellung nicht automatisch bedeutet, dass die tatsächliche Anwendung zu Krebserkrankungen führt.
Bayer, der Eigentümer von Monsanto, zitiert zahlreiche Studien, die besagen, dass das Pflanzenschutzmittel „bei sachgemäßer Verwendung sicher“ ist. In den USA führten mutmaßliche Krebserkrankungen, die durch Glyphosat verursacht wurden, dennoch in mehreren Fällen zu Gerichtsverfahren. Bayer wurde in einigen Fällen zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt oder zahlte im Rahmen von Vergleichen. Einige Verfahren sind noch anhängig, in einigen Fällen entschieden die Gerichte auch zugunsten des Unternehmens.
Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) kam letztes Jahr zu dem Schluss, dass Glyphosat nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht als krebserregend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend eingestuft werden kann.
Umweltorganisationen kritisieren die weltweiten Auswirkungen von Glyphosat auf die Artenvielfalt. Sie argumentieren, dass wilde Pflanzen absterben und Insekten und Vögeln die Nahrungsgrundlage entzogen wird. Sie fordern eine deutliche Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden. Die Pläne der EU-Kommission für verpflichtende Reduktionsziele sind jedoch umstritten.
Die EU-Lebensmittelbehörde Efsa konnte nach der Auswertung tausender Studien keine endgültige Meinung zu den Umweltauswirkungen von Glyphosat abgeben. Aufgrund fehlender Daten konnte der Verlust der Artenvielfalt nicht abschließend bewertet werden, so die Behörde. Es steht jedoch fest, dass Glyphosat Schaden anrichten kann: Bei mehr als der Hälfte der untersuchten Anwendungsweisen von Glyphosat wurde „ein hohes langfristiges Risiko für Säugetiere“ festgestellt.
Gibt es Alternativen zu Glyphosat?
Glyphosat ist in seinem Anwendungsbereich äußerst wirksam und schwer durch andere Herbizide zu ersetzen. Alternativen sind „mechanische“ Methoden wie das Pflügen oder Eggen von Feldern. Diese Methoden sind laut Bundeslandwirtschaftsministerium „in ihrer Wirkung vergleichbar“, aber teurer und verbrauchen mehr Treibstoff. Zudem erhöht sich durch die Bodenbearbeitung das Risiko der Erosion.
Was schlägt die EU jetzt vor? Was bedeutet die Entscheidung für Deutschland?
Die EU-Kommission plant, die Zulassung von Glyphosat für weitere zehn Jahre zu verlängern. Der Einsatz soll jedoch an Bedingungen geknüpft sein. Landwirte müssen mindestens fünf Meter breite Pufferstreifen einhalten, wenn sie Glyphosat auf ihren Feldern einsetzen. Die Sikkation, also das gezielte Austrocknen von Pflanzen vor der Ernte, soll mit Glyphosat verboten werden. Zum Schutz der Tiere können die EU-Staaten die Menge und Häufigkeit des Pestizideinsatzes beschränken. Die Entscheidung liegt dann beim jeweiligen Mitgliedsstaat.
In Deutschland ist Glyphosat seit 1974 zugelassen und wird intensiv von Landwirten und Gärtnern genutzt. Auch im privaten Bereich und in öffentlichen Parks war der Einsatz des Unkrautvernichters lange Zeit üblich. Seit 2021 ist dies jedoch verboten. Eine entsprechende Verordnung hat auch die Verwendung im landwirtschaftlichen Bereich eingeschränkt. Die Deutsche Bahn hat Glyphosat lange zur „Vegetationskontrolle“ entlang des Schienennetzes eingesetzt. 2019 kündigte das Unternehmen an, künftig darauf zu verzichten. (wal/afp/dpa)
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