- VonMark Simon Wolfschließen
Google bindet in seine Suchmaschine KI ein – und verändert damit die Klickrate ganzer Branchen. Was hinter dem Modell steckt – und wem es besonders schadet.
Berlin – Seit fast 30 Jahren dominiert Google die Internetsuche – doch im Zeitalter von KI wächst nach und nach die Bedrohung für das Geschäftsmodell des Tech-Riesen. ChatGPT, Perplexity und Co. sorgen mit ihren KI-gestützten Antwortassistenten auf direkte Antworten statt auf lange Linklisten. Als Reaktion installierte Google Mutterkonzern Alphabet bereits Ende März eine KI-Erweiterung in seiner herkömmlichen Suchmaschine. Was für den Konzern als neue Ertragsquelle gedacht ist, hat seit einigen Monaten spürbare Auswirkungen auf den Traffic von Verlagen, Medienhäusern sowie weiteren Content-Portalen.
Google setzt bei Suchmaschinen auf Künstliche Intelligenz statt normale Suche – und ändert alles
Konkret baut Google die Suche zu einer Art maschineller Antwort um. Oberhalb der klassischen Treffer erscheinen KI-Antwortblöcke mit kompakten Zusammenfassungen und Quellenhinweisen. Nutzer erhalten damit bereits eine Antwort, ohne eine Website anklicken zu müssen. Seit Oktober steht in Europa außerdem ein chatähnlicher Modus innerhalb von Google zur Verfügung.
Dieser Modus bietet ein größeres Eingabefeld, erlaubt Rückfragen und übernimmt kleine Aufgaben wie das Kürzen eines Textes oder das Erstellen einer Tabelle. Beide Services werden von Googles Modellen der Reihe „Gemini“ angetrieben. Zwar bietet Google noch immer eine „Web“-Filter-Ansicht, die nach wie vor die reine Linkliste ohne KI-Box verwendet, doch setzt der Konzern stark auf das Potenzial des neuen KI-Interface. Die Hoffnung des US-Konzerns: Diese Maßnahmen sollen zunehmend die Notwendigkeit externer Klicks verringern und die Antwort direkt in der Suchoberfläche bereitstellen.
Chat statt Suche: Der neue Modus bindet Nutzer in der Oberfläche – Google profitiert deutlich
Besonders kommerziell soll sich das Geschäft bald lohnen: Lukrative Anzeigenplätze können direkt über und unter dem KI-Antwortblock erscheinen. Diese Premium-Slots – so plant es das Unternehmen – sollen dann kontextbezogen direkt dort erscheinen, wo Nutzer eine Antwort lesen. Bisher scheint das Modell zu funktionieren.
Die US-Analystenhäuser Jefferies und Evercore ISI erhöhten ihr Kursziel jeweils um 285 US-Dollar bzw. 300 US-Dollar, nachdem sie die KI-Strategie des Konzerns für gewinnbringend eingeschätzt hatten. Zuletzt lag der eigentliche Kurs der Aktie rund um 245 US-Dollar.
Google-Mutter erhofft sich dicke Erlöse – Content-Branche erlebt erheblichen Traffic-Einbruch
Während Alphabet auf neue Erlöse hofft, hat die Neuerung erhebliche Auswirkungen auf den Traffic verschiedener Internetseiten. Für Medienhäuser, Blogs und andere Content-Portale, die bei Google auf Platz eins stehen, bedeutet der KI-Antwortblock deutlich weniger Klicks. Das zeigen erste Analysen.
Das Unternehmen Seokratie hat anonymisierte Daten von mehr als einhundert Unternehmens-Websites ausgewertet, die im Zeitraum vom 26. März bis 17. September rund siebzig Millionen Besuche verzeichneten. In den ersten Wochen lagen die Verluste stellenweise bei bis zu 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr, danach pendelte sich der Rückgang im Mittel bei etwa sieben Prozent ein. Seokratie führt den Rückgang vor allem auf die Google-eigene KI-Übersicht zurück und nicht auf andere KI-Plattformen wie ChatGPT.
Strategien für Verlage: Direkte Zugriffe stärken, App-Services ausbauen und Formate erweitern
Auch eine Untersuchung der Agentur Wordsmattr kam in den ersten Wochen nach Einführung zu dem Ergebnis, dass die Klicks auf Google um rund 17,8 Prozent zurückgingen. Dabei sank die sogenannte Click-Through-Rate (CTR) – also die Rate, wie viele Menschen von hundert Sichtkontakten tatsächlich auf ein Google-Ergebnis klickten – um 14 Prozent. Die Impressionen blieben zudem fast unverändert und gingen nur um 1,2 Prozent zurück.
Auch hier lautet das Ergebnis, dass die Einträge weiterhin gesehen werden, Nutzer aber seltener klicken, weil die KI-Antwort bereits oben steht. Für Verlage, Medienhäuser, Blogs sowie Vergleichs-, Bildungs- und Suchdienstportale wächst damit der Druck auf Reichweite und Erlöse. Geringere Zuleitungen gefährden Seitenaufrufe, Abo-Abschlüsse und Werbeeinnahmen. Als Gegenmaßnahme rückt nun wieder der Aufbau direkter Zugriffe stärker in den Fokus, etwa über Newsletter, eigene Apps und wiederkehrende Formate, die Leserinnen und Leser gezielt ansteuern.
Regulatorische Unschärfe: Prüfungen in EU und USA – doch der Kurs bleibt „Antwort vor Klick“
Doch noch ist die neue Suche nicht ausgereift. Nach skurrilen KI-Antworten, die in den sozialen Medien die Runde machten, reduzierte Google die Sichtbarkeit der Antwortblöcke bei sensiblen Themen, passte die Quellenfilterung an und kündigte schnellere Nachschulungen der Modelle an. Die strategische Linie bleibt: erst die zusammengefasste Antwort, dann die Links.
Im Hintergrund läuft derzeit allerdings eine Überprüfung durch die Wettbewerbshüter in den Vereinigten Staaten und in der Europäischen Union. Die Behörden prüfen, ob Google mit den integrierten KI-Antworten seine Marktmacht unzulässig ausweitet. Nach dem Traffic-Rückgang durch die KI-Antworten bedeutet diese Ankündigung für Verlage und andere Content-Websites eine weitere Unsicherheit – und lässt den direkten Handlungsspielraum weiter schrumpfen.
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