- VonTheresa Breitschingschließen
Droht ein Verteilungskampf um landwirtschaftliche Flächen durch den Ausbau von Photovoltaik? Immer mehr Eigentümer verpachten ihre Grundstücke für Solaranlagen – oft auf Kosten der Landwirte.
Trier – Der Solaranlagen-Ausbau in Deutschland geht zügig voran. 3,4 Millionen Photovoltaikanlagen zählte das Statistische Bundesamt im April 2024 in Deutschland. Dabei wurden nur Anlagen erfasst, die Strom ins öffentliche Netz speisen, kleinere Solarmodule wie Balkonkraftwerke wurden nicht mit einberechnet. Für den Solaranlagenbau werden auch Freiflächen in Deutschland herangezogen. Nun berichtet ein Landwirt, es sei ein regelrechter Verteilkampf um die Flächen entstanden, denn die Solaranlagenanbieter können mehr Geld anbieten, als die Landwirte.
Photovoltaikanlagen nehmen Landwirtschaft fruchtbaren Platz weg - entsteht ein Flächenkampf?
Bis 2030 sollen in Deutschland Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von 215 Gigawatt auf Dächern und Freiflächen aufgestellt werden. Im ersten Halbjahr 2024 wurden über eine halbe Million neue Solaranlagen mit rund 7,6 Gigawatt Leistung in Betrieb genommen. Ab 2026 soll sogar mehr als dreimal so viel Solarenergie zugebaut werden wie bisher, liest man auf der Website der Bundesregierung.
Freiflächen-Photovoltaikanlagen beanspruchen große Flächen, die in der Region Trier, im Westen Deutschlands, den Landwirten jedoch für den Landwirtschaftsbetrieb fehlen. So zeichnet sich dort bereits ein Wettbewerb um verfügbare Grundstücke ab, berichtet Agrarheute. Stefan Fiedler, ein Landwirt, der zusammen mit seinem Sohn einen Betrieb mit rund 350 Tieren, darunter Milchkühe, Rinder, Kälber und Mastbullen, führt, befürchtet, dass Milchviehbetriebe in Zukunft aufgrund der Solarparks aufgeben müssen. Denn für Flächeneigentümer sind Solaranlagen auf Ackerflächen und Grünland eine attraktivere Einnahmequelle als Landwirtschaften. Die landwirtschaftlichen Betriebe besäßen jedoch oft nur bedingt eigenes Land – und sind aufs Pachten angewiesen.
Über 50 Prozent der Milchkühe von Rheinland-Pfalz befinden sich in der Region Trier, berichtet das SWR. „Es sind in unserer Region teilweise die besten Böden“, so Fiedler, der neben seiner Tätigkeit als Landwirt auch Vorsitzender des Kreisbauernverbandes im Eifelkreis Bitburg-Prüm ist. Er befürchtet, dass viele Milchviehbetriebe aufgeben müssen, denn um die großen Ackerflächen und Grünland sei ein regelrechter Kampf zwischen Landwirten und Investoren, die Solaranlagen bauen möchten, entstanden.
Pachtpreise steigen massiv: Während sie für Landwirte zu teuer sind, können Solar-Investoren zahlen
Wegen der hohen Nachfrage nach den Böden, steigen die Pachtpreise in der Region an. Sie hätten sich in den letzten fünfzehn Jahren circa verdreifacht und kosten laut Bauernverband inzwischen bis zu 600 Euro pro Hektar. Laut der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz belaufen sich die Pachtzahlungen für Photovoltaikanlagen stellenweise auf 3.000 bis 4.000 Euro pro Hektar – und ist daher eine attraktivere Einnahmequelle für Grundstückseigentümer.
Die Landwirtschaftskammer berichtet, dass Landwirte zum Teil unter erheblichen Druck gesetzt werden, um keine Einwände gegen geplante Photovoltaikanlagen zu erheben. Landwirte, die sich dagegen auflehnen und mehrere Pachtflächen bewirtschaften, müssen befürchten, sämtliche andere gepachteten Flächen zu verlieren. Hilfe von den Gemeindeverwaltungen sei zudem nicht zu erwarten, da die Gemeindekassen durch den Bau der Solaranlagen aufgebessert werden sollen. Immer öfter käme es laut Fiedler zu einem weiteren Problem: In den Pachtverträgen an die Landwirte werden immer öfter Klauseln eingefügt, nach denen der Landwirt die Fläche abgeben muss, falls eine Solaranlage errichten werden sollte.
Ausbau von Solaranlagen auf Dächern: „Ländlicher Raum darf nicht verbaut werden“
Letztes Jahr forderte der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Bernhard Krüsken, in Hinblick auf die Photovoltaik-Strategie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz den Photovoltaik-Ausbau vorrangig auf Dächern und Gebäuden zu forcieren. „Den PV-Ausbau auf die Fläche zu schieben ist der falsche Ansatz und wird auch die Akzeptanz von Photovoltaik schädigen. Ertragreiche Landwirtschaftsflächen müssen geschützt werden. Der ländliche Raum darf nicht verbaut werden, um für die Städte Strom zu produzieren“, heißt es in einer Mitteilung.
Wenn der Ausbau bis 2030 weiterhin stark auf klassische Freiflächenanlagen fokussiert bleibt, könnte dies laut dem Deutschen Bauernverband zu einem zusätzlichen Verlust landwirtschaftlicher Nutzfläche von etwa 80.000 Hektar führen. Das würde im Durchschnitt einem Verlust von rund 20 Hektar pro Tag für die Landwirtschaft entsprechen. Verpächter sollten in den Verträgen auch die langen Laufzeiten bedenken. „Bei Pachtverträgen mit Laufzeiten von 20 bis 30 Jahren sollte niemand übereilt unterschreiben. Überlegen Sie sich vorher, was mit der Fläche nach 30 Jahren ist“, meint etwa Rechtsanwalt Mandus Fahje von der Kanzlei Geiersberger Glas & Partner zu top agrar. Es könnte dann passieren, dass die Fläche über den langen Zeitraum den Ackerstatus verliert. Fazit: „Grundstückseigentümer verpachten nur einmal und müssen 30 Jahre mit den getroffenen Regeln leben“.
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