„Keine deutliche Senkung realistisch“ – Strompreis bleibt teuer: Das sagt der EWE-Chef
VonMarkus Knall
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Anne-Christine Merholz
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Wann wird Strom endlich wirklich billiger und wie gut sind wir in Deutschland vor Attacken auf unser Stromnetz geschützt? Der EWE-Chef im Interview.
Oldenburg – Deutsche Verbraucher zahlen europaweit mit die höchsten Strompreise – allein 2024 importierte Deutschland fossile Rohstoffe für über 80 Milliarden Euro. Gleichzeitig sorgen sich viele Bürger, ob bei Dunkelflaute und Kälte der Strom sicher fließt. Stefan Dohler kennt diese Sorgen. Er führt seit 2018 den norddeutschen Energieversorger EWE und ist seit Juni Präsident des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft.
Der promovierte Ingenieur verspricht: Strompreise können um über zehn Prozent sinken. In der Interview-Serie „Big Business Boss“ im Münchner Merkur von Ippen.Media erklärt er, wie das gelingen soll, warum EWE täglich hunderte Cyberattacken abwehrt – und weshalb Windräder für ihn zur deutschen Landschaft gehören wie Kirchtürme.
„Keine deutliche Senkung realistisch“: Warum der Strompreis teuer bleibt
Herr Dohler, wenn Sie in 15 Jahren Ihrem heutigen Ich einen Rat geben könnten, was würden Sie ihm sagen?
Kurs halten, sich nicht von kurzfristigen Themen aus der Ruhe bringen lassen, sondern eine Linie halten und dafür auch einzutreten.
Viele Menschen in Deutschland schauen mit großer Sorge auf ihre Stromrechnung. In Europa gehört Deutschland zu den teuersten Märkten. Wie kommt das?
Das hat viele Gründe. Wir haben eine sehr starke Abhängigkeit von fossilen Brennstoffimporten. Deutschland importiert 70 Prozent der gesamten Energie aus dem Ausland – letztes Jahr für über 80 Milliarden Euro allein fossile Rohstoffe. Durch den Krieg in der Ukraine sind die Gaspreise massiv nach oben gegangen und noch lange nicht auf dem Niveau vor der Krise. Weil Gas auch zur Stromerzeugung genutzt wird, sehen wir auch hier höhere Kosten. Dann gibt es strukturelle Themen. Wir bauen gerade das System auf eine nachhaltige Energieversorgung um. Wir investieren einerseits in die grüne Erzeugung und andererseits in die Netzinfrastruktur. Dazu kommen noch staatliche Zuschläge und Abgaben. Sie haben einen nicht unerheblichen Anteil an den Gesamtkosten für Verbraucher. Das alles zusammengenommen führt dazu, dass wir tatsächlich im europäischen Vergleich hohe Strompreise haben.
Wann wird es günstiger?
Wir haben ja gerade einen Beschluss, der noch nicht final umgesetzt ist. Es soll 6,5 Milliarden Euro Zuschüsse zum Betrieb der Übertragungsnetze geben. Das macht dann eine Reduktion von etwa zwei Cent pro Kilowattstunde für unser Netzgebiet aus. Wenn dann auch die Stromsteuersenkung für Endverbraucher käme, würde das noch mal zwei Cent bedeuten. Das wären dann in Summe eine Strompreissenkung von deutlich über zehn Prozent.
Und ist perspektivisch eine deutliche Senkung in Sicht?
Kurzfristig ist keine deutliche Senkung des Strompreises realistisch, weil wir den Umbau der Infrastruktur refinanzieren müssen. Perspektivisch ja, weil wir die Importabhängigkeit senken und die Infrastruktur besser auslasten und damit die Kosten auf breitere Schultern verteilen.
Was ist für Sie eine der größten Sorgen beim Thema Energie?
Die größte Sorge ist, dass wir jetzt getriggert durch US-Präsident Donald Trump und Konsorten plötzlich wieder einen Rückschritt haben und die Chancen nicht nutzen. In der Energiewende liegt Innovationskraft. Wir stehen am Übergang weg von der fossilen Welt in eine nachhaltige Zukunft, die auch das Klima massiv entlasten wird. Jetzt nicht in die Energiewende zu investieren, halte ich für total fahrlässig. Deutschland ist mit Innovation und Technologieführerschaft groß geworden. Jetzt zu sagen: Wir gehen zurück ins fossile Zeitalter, führt Deutschland ins Industriemuseum. Da fällt mir nichts mehr zu ein. Warum ist das so?
Wir waren doch schon mal weiter …
Es ist ein hochkomplexes Thema. In Deutschland wird plötzlich gesagt, wir haben Angst vor der eigenen Courage oder es gibt Druck aus der Automobil-, Stahl- oder Chemieindustrie. Die können teilweise in anderen Ländern günstiger produzieren. Aber Europa muss sich einfach sammeln und den Weg weitergehen. Dieses gefühlte Zurück zu fossiler Energie wird nur anderen Ländern und nicht Europa und nicht Deutschland nutzen. Wir haben ganz andere Stärken und sollten den global absehbaren Technologiesprung gerade in der Industrie forcieren und fördern, nachdem wir den KI-Zug verpasst haben. Es macht mich ehrlich gesagt fassungslos, dass der Ausbau auf erneuerbare Energie nicht mit so einer klaren Konsequenz weitergetrieben wird.
Es wird jetzt auch wieder über die Energiewende diskutiert. Wie bewerten Sie das?
Über die Klimaziele sollten wir nicht diskutieren müssen. 2045 in Deutschland klimaneutral zu sein, wird ja von der schwarz-roten Regierung nicht infrage gestellt. Wir haben als Branche, auch als EWE, ganz viele Ideen auf den Tisch gelegt, wie wir die Kosten für das System senken können. Die Kosten, jetzt zu handeln, liegen um ein Vielfaches unter den Kosten, das nicht zu tun. Letztere zahlen aber unsere Kinder und deren Kinder und Enkel.
Sind Sie im Großen und Ganzen zufrieden, wie die Energiewende von der aktuellen Regierung gestaltet wird?
Nein, wir haben einen langen Katalog an Themen, die wir mit der Regierung diskutieren möchten. Viele der Themen hat Energieministerin Katherina Reiche erstmal richtig aufgerissen, auch die Priorisierung von dem, was jetzt im Monitoringbericht steht. Ihre zehn Ableitungen für den Strommarkt halte ich alle für richtig. Wir sehen aber in der Umsetzung teilweise einen Widerspruch. Es schwingt mit: „Lass uns mal auf die Bremse treten, ein bisschen langsamer machen“. Das wird mit „technologieoffen“ umschrieben. Wir sind an der Schwelle weg vom fossilen Zeitalter hin zu einem digitalen und erneuerbaren Zeitalter. Zu glauben, dass man jetzt mit einem Schritt zurück in die fossile Welt Deutschland im Wettbewerb mit anderen Nationen nach vorne bringt, ist eine gefährliche Illusion. Weltweit waren über 90 Prozent der im Jahr 2024 installierten Stromerzeugungsleistungen erneuerbar. Eine Renaissance der Kernkraft gibt es nicht. Mit einem klaren Kurs zur Klimaneutralität machen wir eine technologische und ökologische Wende. Da drin liegt ganz viel Chance für Innovationen.
Diese abwartende Haltung, die Sie gerade beschrieben haben: Welches Risiko liegt darin?
Diejenigen, die sich in der Industrie auf den Weg gemacht haben – übrigens auch mit Steuergeldern –, bekommen jetzt plötzlich das Signal: Das war unklug von euch. Jetzt belohnen wir die, die sich nicht bewegt haben. Das ist dann nur eine lebensverlängernde Maßnahme, und Deutschland wandert ins Industriemuseum. Das ist fatal, weil ich dadurch keine Grundlage für Innovationen schaffe. Zu glauben, durch Bremsen kann ich überholen, ist eine steile These.
Wie robust sind wir aktuell gegen weitere geopolitischen Schocks wie dem Ukraine-Krieg bei der deutschen Energieversorgung?
Aktuell sind die Gasspeicher gut gefüllt. Im Moment ist die dringendste Aufgabe, Reservekraftwerke an den Start zu bringen, weil wir ansonsten nicht ewig lange alte Kohlemeiler für die gegen Dunkelflauten erforderliche Reserve aufrechterhalten können. Mit dem Weg hin zu mehr Erneuerbaren werden wir auch die Abhängigkeit von Importen reduzieren können.
Ein anderer Aspekt sind ja Angriffe auf die Infrastruktur, die wir in Deutschland erleben. Wie groß ist aktuell die Gefahr?
Wir sind sehr wachsam sowohl bei der Cybersicherheit als auch beim Schutz der physischen Infrastruktur. Unsere Betriebssysteme, mit denen wir Netze schalten und Kraftwerke fahren, haben wir in den kritischen Bereichen vom Internet getrennt, um Angriffe gar nicht erst möglich zu machen. Was wir beobachten: Es fliegen deutlich mehr Drohnen über unsere Standorte. Gemeinsam mit Bundesbehörden machen wir Übungen, um uns dagegen zu wappnen. Durch ein dezentrales System der Stromversorgung haben wir mehr Sicherheit, aber es gibt keinen hundertprozentigen Schutz. Wir haben den großen Vorteil in Deutschland, dass, wenn eine Komponente ausfällt, es immer eine Reserve, eine Umschaltmöglichkeit gibt, um dann die Energieversorgung anderweitig zu gewährleisten. Das ist in beispielsweise den USA ganz anders.
Wann gab es zuletzt Angriffe auf die Infrastruktur bei EWE?
Also Cyberattacken haben wir täglich in die hunderte. Physische Attacken im Sinne von Angriffen haben wir nicht. Überfliegungen gibt es, aber da weiß man oft nicht, ob es jetzt jemand Privates ist, der da Spaß mit seinem neuen Spielzeug hat, oder ob es ein professioneller Spähangriff ist.
Können Sie eine hundertprozentige Garantie geben, dass auch an kalten, windstillen Tagen der Strom fließen wird?
EWE hat heute in Deutschland, und sogar in Europa, die höchste Versorgungssicherheit im Stromnetz. Wir haben die geringsten Ausfallminuten im bundesweiten und europäischen Vergleich. Deutschland liegt bei elf Minuten pro Jahr pro Haushalt – wir liegen bei drei Minuten. Wir sind also in der besten Region Deutschlands, obwohl wir sehr viel erneuerbare Energieeinspeisung haben. Das wird ja immer gerne gegeneinander ausgespielt, was komplett falsch ist.
Zur erneuerbaren Energie gehört auch die Windkraft, die gerade hier im Norden eine große Rolle spielt. Aber viele Menschen wollen keine Windräder vor der Haustür …
Windräder sind mittlerweile Teil unseres Landschaftsbilds. Was ist denn die Alternative? Dass wir wieder zurück zu Kohle und fossilen Energien gehen, die wir importieren müssen, weil wir keine eigenen haben? Der Schlüssel für die Akzeptanz ist, den Nutzen für die Menschen vor Ort erkennbar zu machen. Unsere eigene Windtochter Alterric, einer der führenden Onshore-Windparkbetreiber in Deutschland, bietet zum Beispiel Modelle an, um die Bürger vor Ort zu beteiligen. So haben die das Gefühl, ich habe eine Windmühle vor der Haustür stehen, aber ich habe auch etwas davon. Dann wird das ein faires Miteinander.
Haben Sie bei sich zu Hause in Sichtweite ein Windrad?
Ich wohne mitten in Oldenburg, da gibt es natürlich keine. Aber ich kann aus meinem Büro Windräder sehen und freue mich darüber.