- VonMark Simon Wolfschließen
Die EU ist im weltweiten Rennen um Künstliche Intelligenz ein Außenseiter. Die harte Regulierung der EU lähmt die Industrie – ein Fall aus dem Rüstungssektor zeigt jedoch, wie es klappen könnte.
Paris – Seit Montag versammeln sich Politiker, Wissenschaftler, Investoren und Vertreter verschiedenster Branchen in Paris. Anlass ist der internationale AI Action Summit – ein Gipfeltreffen zur Künstlichen Intelligenz (KI), das von Frankreich und Indien geleitet wird. Zum Auftakt kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Initiative „InvestAI“ an, mit der 200 Milliarden Euro für KI-Investitionen mobilisiert werden sollen.
Allein 20 Milliarden Euro sollen davon mittels eines Europa-Fonds in den Bau einer KI-Gigafabrik fließen. Von der Leyen vergleicht die KI-Offensive mit einem „CERN für KI“ – in Anspielung auf eines der weltweit führenden Forschungszentren für Teilchenphysik im Schweizer Genf. Und spricht von einem „eigenen europäischen Ansatz, der auf Offenheit, Zusammenarbeit und herausragenden Talenten beruht“. Bei diesem müsse allerdings der „jetzt der Turbo angeworfen werden“. Das Problem: Der Aufbruchsstimmung und den Ankündigungen auf der Bühne lässt die EU allerdings wenig Taten folgen – eher im Gegenteil.
Europa hinkt bei Künstlicher Intelligenz hinterher – Investoren und Experten kritisieren EU-Regulierung
Mit ihrer Regulierungs-Offensive rund um den bereits verabschiedeten AI Act sowie dem noch geplanten General-Purpose AI Code of Practice, einem Verhaltenskodex für den Einsatz von KI, gehen die EU-Bürokraten im Hintergrund allerdings einen entgegengesetzten Weg. Experten kritisieren, dass der AI Act zu einer Überregulierung führt, die insbesondere kleinere und mittelständische Unternehmen in ihrer Innovationskraft hemmen könnte. Speziell die Compliance-Kosten seien für viele Firmen ein unkalkulierbares Risiko. Für Entwickler eigener KI-Modelle stellt die unklare Rechtslage im Bereich Urheberrecht eine erhebliche Hürde dar: So soll etwa das Europäische Amt für KI die Regeln auf diesem Gebiet festlegen, obwohl der AI Act eine solche Einmischung nicht vorsieht. Die Leidtragenden wären Firmen, die bei Urheberrechtsverletzungen als Sekundärschuldiger haften müssen, selbst sie nichts konkrete falsch gemacht hätten. Unter Experten kursiert die zynische Theorie, dass die EU mit ihren weitgefassten wie strengen Regularien ihre eigenen ambitionierten Zukunftspläne manipuliert.
Einer dieser Kritiker ist etwa Andrew Ng – ehemaliger KI-Entwickler für Google und Baidu. Heute gilt Ng als einer der führenden KI-Experten, da er sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch die praktische Anwendung in der Wirtschaft kennt und aktiv mitgestaltet hat. Speziell Startups werde durch die Regulierung der EU den Weg auf den Markt erschwert. „Europa verliert an Relevanz“, sagte er unlängst gegenüber der FAZ.
China und USA sind längst enteilt – nur 12 Prozent deutscher Unternehmen nutzten 2024 KI
Gerade im Wettrennen mit China und den USA werde es für Europa zunehmend schwieriger aufzuschließen. Dafür sei die dortige KI-Infrastruktur bereits zu komplex und weit fortgeschritten – auf die EU kämen enormen Kosten zu. Eine Auswertung des Münchner ifo-Instituts zeigte zuletzt, dass nur 12 Prozent der Unternehmen in Deutschland eine KI-Anwendung verwendet hätten. Neben fehlender Anwendungskompetenz bei den Beschäftigten seien auch rechtliche Bedenken und Unsicherheiten für diese schwache Quote verantwortlich, resümiert ifo-Professor Oliver Falck. Zudem fehle es an Investitionen, wie Chris-Oliver Schickentanz, Vorstandsmitglied beim Vermögensverwalter Capitell, gegenüber tagesschau.de erklärt.
Im Silicon Valley hätten den Trend früh erkannt und investiert: „Ich muss zunächst mal investieren, um dann überhaupt die Kapazitäten zu haben, meine Modelle zu trainieren und KI dann auch sinnvoll einzusetzen.“
Rüstungssektor offen für Synergien – Start-up Helsing baut KI-Drohne und kooperiert mit Mistral
Ein Wirtschaftszweig, der in Deutschland Hoffnung macht, ist der Rüstungssektor. Kleine Startups wie Helsing forschen und entwickeln seit einigen Jahren mithilfe von Künstlicher Intelligenz innovative Waffensysteme. Am Montag gab das Münchner Unternehmen zudem eine Partnerschaft mit Mistral bekannt. Das französische Start-up gilt mit einer Bewertung von 6,4 Milliarden US Dollar als Leuchtturm der europäischen KI-Landschaft und arbeitet an eigenen Large-Language-Sprachmodellen, die es durchaus als einzige Alternative zu den Modellen aus den USA und China gesehen werden. Helsing will die Synergien mit dem KI-Popstar aus Europa nutzen, um effektive Verteidigungstechnologien zu entwickeln. Die kürzlich vorgestellte HX-2-Drohne von Helsing sei aufgrund der integrierten KI gegen feindliche Maßnahmen der elektronischen Kriegsführung immun und komme auch ohne GNSS-Signal oder kontinuierliche Datenverbindung zum Ziel, heißt es in einer Unternehmensmitteilung.
In den USA ist es bereits seit Jahren üblich, dass KI-Modelle Anwendung im militärischen Sektor erfahren – zumal Donald Trump unlängst die gesetzlichen Vorgaben zur Kontrolle von KI aufgehoben hat. In China lässt sich die Kooperation der beiden Sektoren nur erahnen, allerdings dürfte sie ähnlich verzahnt sein. Doch auch das Potenzial in Deutschland – und Europa generell – ist gigantisch. Seit 2020 haben sich die Investitionen von Wagniskapital in europäische Rüstungs-Start-ups mehr als verdoppelt und lagen 2024 bei 5,2 Milliarden US Dollar.
Potenziale in Europa vorhanden – Wagniskapital und Infrastruktur für KI-Start-ups fehlen
Nun müsste „nur“ noch der KI-Sektor nachziehen und weitere Startups wie Mistral oder auch Aleph Alpha und Celonis aus Deutschland hervorbringen. Das Hauptproblem liegt jedoch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene: Es mangelt an Wagniskapital für die Branche. 2023 flossen aus der Privatwirtschaft in den USA allein 67 Milliarden US Dollar in den KI-Sektor – in Deutschland waren es im selben Zeitraum nur 1,91 Milliarden US Dollar. Für Unternehmen wie Helsing sind die Voraussetzungen für Vernetzung laut Vorstandschef Gundbert Scherf gegeben – immerhin stammen zwei Drittel seiner rund 300 Mitarbeiter aus der Tech-Branche, wie er der FAZ erklärte. Ähnliche Kooperationsansätze wie von Helsing und Mistral gibt es zudem in der Pharmaziebranche, etwa zwischen Bayer und dem britischen KI-Unternehmen Exscientia. Auch hier versprechen potenzielle KI-basierte Neuentdeckung von Medikamenten nicht nur medizinische Innovationen, sondern gleichermaßen einen Milliarden-Markt.
Ganz so düster wie Ng sieht deshalb auch Mistral-Gründer Arthur Mensch die Zukunft der KI in Europa nicht. Auf dem KI Summit in Paris gibt er sich kämpferisch: „Die Franzosen und die ganze Welt erkennen nun, dass europäische Akteure zählen und Spitzentechnologie anbieten.“ Es gehe darum, europäische Champions aufzubauen.
Rubriklistenbild: © Philippe Buissin/EP
