Entgegen des Trends

Krieg als „Jobmotor“: Rüstungsindustrie auf intensiver Fachkräfte-Suche

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Der Verteidigungssektor verzeichnet höhere Investitionen. Die Rüstungsindustrie etabliert sich als „Jobmotor“. Unternehmen rekrutieren eifrig Fachkräfte.

München – Der Krieg in der Ukraine sei eine „Zeitenwende“, hatte der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz erklärt. Die damalige Koalition hatte ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr aufgestellt. Die Nachfolgerregierung, nun unter CDU-Chef Friedrich Merz als Kanzler, will ebenfalls massiv in Rüstung investieren.

Rüstungsindustrie investiert Milliarden – und braucht Fachkräfte für die „Zeitenwende“

Die zunehmende Zahl an Konflikten – neben der Ukraine führt Israel Krieg in Gaza und gegen den Iran – beschert der Rüstungsindustrie Milliarden-Aufträge. So investiert etwa der deutsche Waffenhersteller Rheinmetall massiv – etwa in Drohnen oder in Kooperationen mit anderen Rüstungskonzernen.

Durch die Auftragslage ergibt sich auch ein neuer Fachkräftebedarf innerhalb der Rüstungsindustrie. Unternehmen suchen nach neuen Beschäftigten. Das macht sich auf dem Stellenmarkt bemerkbar. Die Zahl der Ausschreibungen in der europäischen Rüstungsindustrie sei aktuell rund 40 Prozent über dem Niveau des Ukraine-Kriegs, erklärte die Jobseite Indeed auf Basis einer eigenen Auswertung. Das sei entgegen dem Trend, denn der Gesamtmarkt liege darunter.

Entgegen dem Trend: Rüstungsindustrie wird zum „Jobmotor“

Insgesamt sei der Stellenmarkt seit Juli 2022 rückläufig und leicht unter dem Niveau von 2021. „Der europäische Stellenmarkt schrumpft seit Mitte 2022 – nicht zuletzt wegen des Ukraine-Kriegs, der daraus resultierenden Energiekrise und einer konjunkturellen Abkühlung“, erklärte Virginia Sondergeld, Ökonomin bei Indeed.

Die Investitionen in Waffen und Militär nehmen zu – und damit der Fachkräftebedarf der Branche. (Symbolfoto)

„Die Rüstungsindustrie hingegen hat sich diesem Trend entgegengesetzt: Der Krieg hat nicht nur die Bedeutung von Verteidigungsfähigkeit in Europa erhöht“, sagte Sondergeld. Die Branche habe dagegen im November 2023 ihren Höhepunkt erreicht und befinde sich auch heute noch rund 41 Prozent über dem Stand von vor vier Jahren. „Mit der Lockerung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben in Deutschland und weiteren erwarteten Investitionen dürfte die Rüstungsbranche auch künftig ein wichtiger Jobmotor in Europa bleiben“, so die Erwartung der Indeed-Arbeitsmarktexpertin.

Besonders gefragt sind Fachkräfte aus technischen und IT-Berufen. 10,6 Prozent der Ausschreibungen richteten sich an Ingenieure aus dem Bereich Maschinenbau und Elektrotechnik, 10,2 Prozent an IT-Fachkräfte aus der Softwareentwicklung, 10,5 Prozent an Beschäftigte im Bereich IT-Support und Infrastruktur.

Rüstungsindustrie nur „kleiner Wirtschaftszweig“ – und kann Autoindustrie nicht ersetzen

Die Rüstungsindustrie ist damit für Beschäftigte aus der Autoindustrie interessant. Die steckt derzeit in der Krise – mehrere Konzerne treiben Stellenstreichungen voran. Indeed-Expertin Sondergeld bremst jedoch die Hoffnung, dass die boomende Branche die Fachkräfte von Autokonzernen aufnimmt. Denn die Rüstungsindustrie sei im Vergleich ein „kleiner Wirtschaftszweig“ in Deutschland und Europa.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

„Deshalb wird die Branche kaum in der Lage sein, die Schwächen dieses Sektors auszugleichen bzw. dortige Arbeitsplatzverluste vollständig aufzufangen“, erklärte Sondergeld. „Trotzdem kann eine starke Rüstungsindustrie wichtige Impulse setzen, die über eigene Branche hinausgehen.“ Rüstungsfirmen investierten etwa in Technologien wie Künstliche Intelligenz, Sensorik und Cybersicherheit.

Fachkräfte wenden sich Waffenherstellern zu – seit Kriegsbeginn in der Ukraine steigt Interesse

Den Trend erkennen mittlerweile auch die Arbeitnehmer selbst. Das Interesse am Rüstungssektor nimmt laut der Indeed-Analyse zu. Das Suchvolumen nach Rüstungsjobs liege seit Beginn des Ukraine-Krieges konstant über dem Vorkriegsniveau. Im März 2025, als die Lockerung der Schuldenbremse für Rüstungsausgaben diskutiert wurde, habe es den Höchststand erreicht.

Rubriklistenbild: © Philipp Schulze/dpa

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