Debatte um Bas‘ Rentenpaket

Plötzliche Kostenexplosion bei der Rente – woher kommt die 115-Milliarden-Lücke?

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Union und SPD hatten sich beim Rentenniveau auf eine Haltelinie bis 2031 geeinigt. Nun stellten sich junge Unionsabgeordnete quer. Darum geht es ihnen.

Berlin – In ihrem im Mai beschlossenen Koalitionsvertrag hatten sich Union und SPD auf eine Reihe von Änderungen geeinigt, um das Rentensystem trotz des demografischen Wandels langfristig zu stabilisieren. Zu den anvisierten Renten-Neuerungen der schwarz-roten Regierungskoalition gehören die Aktiv- und Frühstart-Rente ebenso wie die neue Mütterrente III. Daneben soll auch das Rentenniveau bis 2031 stabil bei 48 Prozent gehalten werden. Doch eben jener Aspekt des Rentenpakets sorgte jüngst für reichlich Diskussionen innerhalb der Koalition: Denn 18 junge Unionsabgeordnete drohten, den von Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) vorgelegten Gesetzentwurf im Bundestag zu blockieren. Warum aber erst jetzt, ein knappes halbes Jahr nach dem Beschluss des schwarz-roten Koalitionsvertrags?

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Pascal Reddig ist der Vorsitzende der Jungen Gruppe. 

Junge Unionsabgeordnete stören sich an Bas’ Gesetzentwurf zum Rentenniveau

Um dem Grund für die Aufregung um die Rentenniveau-Haltelinie näher zu kommen, empfiehlt sich zunächst ein genauerer Blick auf den Wirkmechanismus des Rentenniveaus. Grundlegend ist das Rentenniveau ein statistischer Wert, mit dem sich die Leistungsfähigkeit des Rentensystems einschätzen lässt. Dies geschieht, indem das Rentenniveau das Verhältnis einer standardisierten Rente – berechnet auf Grundlage von 45 Beitragsjahren mit durchschnittlichem Einkommen – zum durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers darstellt, wie die Deutsche Rentenversicherung informiert.

Der SPD ging es schon bei der Ausarbeitung des Koalitionsvertrags darum, das Rentenniveau in den kommenden Jahren stabil zu halten. Die Renten sollen damit stets in gleichem Maße wachsen wie die Löhne. Ausgedrückt wird das durch die sogenannte Haltelinie, die Union und SPD bis einschließlich 2031 auf 48 Prozent festlegten. Obwohl die Union im Koalitionsvertrag die Haltelinie als Kompromiss mittrug, drohten die 18 jungen Unionsvertreter im Bundestag nun wegen genau dieses Aspekts mit der Blockade von Bas’ Gesetzesentwurf. Oder genauer gesagt, wegen der Ausgestaltung der Haltelinie bis 2031.

Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering

Otto von Bismarck brachte im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag.
Der Name Bismarck hallt bis heute nach. Auch weil Otto von Bismarck im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag brachte. Die Geburtsstunde der Rente in Deutschland. © Photo 12/www.imago-images.de
Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880.
Altersrente gab es damals aber erst ab dem vollendeten 70. Lebensjahr – die Lebenserwartung betrug damals nicht mal 50 Jahre. Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880. © imago stock&people/Imagebroker
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen.
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen. Rentenversichert waren zunächst Arbeiter und „kleine Angestellte“ mit Einkommen bis 2.000 Mark. Die Beiträge zahlten Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen. © IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive
Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt.
Größere Reformen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt. Sie konnten schon ab 65 Jahren in Rente gehen – anders als Arbeiter. © imago stock&people/Arkivi
Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Rentenversicherungsanstalten Überschüsse, die sie etwa in Wohnungsbau steckten. Entlassungswellen und Hinterbliebenenrenten änderten das schnell. Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich. © imageBROKER/GTW
Frauen im Ghetto Warschau bei erzwungener Näharbeit
Im NS-Regime werden Jüdinnen und Juden und andere verfolgte Gruppen aus der Rentenversicherung ausgeschlossen. Millionen von Zwangsarbeitern - im Foto: Frauen 1941 im Ghetto Dambrowa Gornicza bei erzwungener Näharbeit – bleiben ohne Rentenansprüche. Überschüsse der Kassen flossen in Kriegsanleihen. © Imago/Reinhard Schultz
Bundeskanzler Konrad Adenauer (r) gibt in Bonn seine Stimme für die Bundestagswahl 1957 ab
„Keine Experimente“ lautete Konrad Adenauers Slogan zur Bundestagswahl 1957. Bei der Rente wagte er aber eine Reform. Bis dato waren die Renten enorm gering, 50 DM war der Mindestsatz, der Durchschnitt nur unwesentlich höher. Nun änderte sich die Berechnung, Arbeiterrenten stiegen um etwa 60 Prozent. © DB/picture alliance/dpa
Willy Brandt im Jahr 1972.
Die nächste große Neuerung gab es unter Willy Brandt. Seit (dem Wahljahr) 1972 können auch Nicht-Pflichtversicherte in die Rentenversicherung einzahlen – etwa Selbstständige und Hausfrauen. Letzteres war ein Schritt zur Unabhängigkeit von den Ehemännern. Ab 1977 gab es dann auch einen „Versorgungsausgleich“ bei Scheidung. © Imago/Sven Simon
Norbert Blüm klebt Rentenplakat
„Die Rente ist sicher“: Auch mit diesem Satz blieb der mittlerweile verstorbene Arbeitsminister Norbert Blüm in Erinnerung. Auch Blüm kümmerte sich aber um die Lage der Rentnerinnen – er führte 1986 die „Mütterrente“ ein. Seither zählen Kindererziehungszeiten für die Rentenhöhe. © Peter Popp/picture-alliance/dpa
13 09 1985 Berlin Deutsche Demokratische Republik DDR Alte Frauen unterhalten sich
Die nächste große Herausforderung ist die Eingliederung der Bürger der ehemaligen DDR (hier ein Foto aus Ostberlin 1985) in die bundesdeutsche Rentenkasse. Die Deutsche Rentenversicherung preist rückblickend die Stärke des umlagefinanzierten Systems: „Die Rentenversicherung zahlte von einem Tag auf den anderen fast vier Millionen zusätzlicher Renten. Das wäre in einem kapitalgedeckten Rentensystem nicht vorstellbar gewesen.“ © imago stock&people/Franksorge
Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel
Die nächste Reform folgt dennoch – Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel (li.) müssen sparen, auch angesichts der alternden Bevölkerung. Ab 1992 steigen Altersgrenzen. Frauen und Arbeitslose (bislang bis 62 Jahren) und langjährige Versicherte (bis 63) müssen nun bis 65 arbeiten. Nur noch ein Jahr Kindererziehungszeit ist anrechenbar. © Michael Jung/dpa/picture-alliance
Koalitionsverhandlungen Riester Schröder
Auch Gerhard Schröders Rot-Grün hat ebenfalls Rentenpläne im Gepäck. Arbeitsminister Walter Riester leiht der „Riester-Rente“ seinen Namen – der Staat fördert auf ihrem Wege private Altersvorsorge. Das Modell gilt mittlerweile aber als Flop. Riester arbeitete später auch für Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD, dem die Reform gelegen gekommen sein dürfte. © picture-alliance / dpa | Hermann_J._Knippertz
Franz Münterfering und Angela Merkel 2007 im Bundestag.
Heikle Operation: SPD-Vizekanzler Franz Müntefering brachte 2007 die „Rente mit 67“ auf den Weg. Angela Merkels GroKo plante allerdings lange Übergangsfristen, noch bis 2031 dauert die Anhebung des Eintrittsalters an. Für Menschen, die 45 Jahre einzahlten, gab es eine Sonderregel. © Imago/Metodi Popow
Angela Merkel und Andrea Nahles 2017 bei einer Kabinettssitzung.
Müntefering war nicht mehr dabei als Merkels zweite GroKo 2017 das nächste „Rentenpaket“ schnürte. Arbeitsministerin war nun Andrea Nahles. Diesmal ging es um Erleichterungen. Langjährig Versicherte konnten nun ab 63 in Rente, die Mütterrente wurde ausgeweitet. 2018 kamen im „Rentenpakt“ (ohne drittes e) „Haltelinien“ für Beiträge und Rentenniveau hinzu. © Michael Kappeler/dpa/picture alliance
19 02 2017 Angleichung der Rente Rente Ostrente Westrente Ost West Altersruhegeld Angleichu
Fast 35 Jahre wird es gedauert haben – aber ab 2025 werden für die Rente in Ost- und Westdeutschland die gleichen Berechnungsgrößen gelten. Ein durchaus historischer Schritt. Beschlossen wurde er schon 2017. © imago stock&people/Steinach
Arbeitsminister Hubertus Heil – zuständig auch für die Rente – im Bundestag.
Die Evolution der Rente geht weiter: Seit 2021 gibt es die Grundrente als Zuschlag für Menschen, die unterdurchschnittlich verdient haben. Es wird nicht der Schlusspunkt sein: Angedacht – aber umstritten – ist die Aktienrente. Zugleich altert die deutsche Bevölkerung weiter, das Umlagesystem ist unter Druck. Ist die Rente sicher, auch über die Amtszeit von Hubertus Heil hinaus? Die Zukunft wird es zeigen. © Hannes P. Albert/dpa/picture-alliance

Junge Gruppe der Union stört sich an enormen Mehrkosten durch Haltelinie ab 2031

Ein Dorn im Auge ist den Angehörigen der sogenannten Jungen Gruppe der CDU- und CSU-Fraktionen im Bundestag nicht die Haltelinie des Rentenniveaus von 48 Prozent bis 2031, sondern seine Wirkweise über das Jahr 2031 hinaus: Bas’ Gesetz, schreibe nämlich enorme Mehrausgaben für den Bund von 2032 bis 2040 fest, wie mitunter der Spiegel jüngst unter Berufung auf die Junge Gruppe berichtete. „Auch über 2040 hinaus“ würden damit enorme Kosten anfallen, bemängeln die jungen Unionsabgeordneten weiter. Damit wirke Bas’ Gesetzentwurf für einen Zeitraum weiter, für den im Koalitionsvertrag überhaupt keine Vereinbarung getroffen wurde. Wie aber kann das sein?

Um zu erklären, woran sich die Junge Gruppe genau stört, wird ein Blick in die Rentenanpassungsformel nötig. Sie wird benutzt, um den aktuellen Rentenwert jährlich neu anzupassen, indem sie die Bruttolohn-Entwicklung mit Beitragsänderungen und dem Verhältnis von Rentnern und Beitragszahlern ins Verhältnis stellt. Sie berechnet den Rentenwert jedoch nicht jedes Mal gänzlich neu, sondern stützt sich auf die Werte des Vorjahres. 2005 wurde zudem der Nachhaltigkeitsfaktor als Konstante in die Rentenanpassungsformel eingeführt, 2021 jedoch bis Juli 2025 zugunsten des Rentenniveaus von 48 Prozent ausgesetzt, das sonst nicht haltbar gewesen wäre.

Junge Gruppe beklagt Kosten von „mehr als 115 Milliarden Euro“ durch Rentenniveau-Haltelinie ab 2031

Bas’ Plänen zufolge soll der Nachhaltigkeitsfaktor auch bis 2031 ausgesetzt bleiben, danach soll er wieder greifen. Die Kritik der Jungen Gruppe stützt sich darauf, von welchem Niveau aus er dann greifen wird: von den politisch stabilisierten 48 Prozent oder unter Bezugnahme des Nachhaltigkeitsfaktors dann eigentlich wirksamen 47 Prozent Rentenniveau. Bis 2040 würde das Rentenniveau zudem aktuellen Prognosen zufolge weiter auf 45 Prozent sinken, wie der Spiegel anmerkte. 

Geht es nach Bas’ Entwurf, der in den Reihen der Jungen Gruppe für Proteste sorgte, würde das Rentenniveau bis 2040 jedoch nur auf 46 Prozent sinken. Jener Unterschied mag auf den ersten Blick zwar nicht gravierend wirken, verursacht laut der Jungen Gruppe aber enorme Kosten für den Bundeshaushalt in den Folgejahren nach 2031. Bis 2031 fallen für die Haltelinie nämlich aktuellen Berechnungen zufolge nur knapp 24 Milliarden Euro aus Steuermitteln an. Für die Jahre 2032 bis 2040 sind es auf Grundlage der Angaben im Gesetzentwurf hingegen insgesamt mindestens 114 Milliarden Euro, wahrscheinlich jedoch „mehr als 115 Milliarden Euro“, wie es die 18 jungen Unionsabgeordneten kritisieren. Pascal Reddig, Vorsitzender der Jungen Gruppe, bezeichnete das im Gespräch mit phoenix als „nicht tragfähig“.

Nach Bekanntwerden der Boykott-Pläne von Bas’ Gesetzentwurf seitens der Jungen Gruppe zeigten sich die Vertreter der jungen SPD-Gruppe Jusos zunächst zurückhaltend, dann jedoch meldete sich Juso-Chef Philipp Türmer zu Wort. Er forderte, eine ganz andere Gangart zu wählen, um das Rentensystem angesichts des demografischen Wandels zukunftsfest zu machen. Türmer schlug vor, andere Berufsgruppen wie Beamte, Abgeordnete oder auch Freiberufler mit in die gesetzliche Rentenversicherung aufzunehmen, um das drohende Ungleichgewicht schwindender Beitragszahler und Neurentner der Babyboomer-Generation ab 2030 abzufedern. (Quellen: Spiegel, Deutsche Rentenversicherung, phoenix)(fh)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka

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