VonMarkus Hofstetterschließen
Deutsche sollen laut Politik mehr arbeiten, Feiertage sollen weichen. Ein Ökonom hält das für Symbolpolitik und schlägt Alternativen vor.
Berlin – Mit der Arbeitsmoral der Deutschen scheint es schlecht bestellt zu sein, wenn man Studien Glauben schenken will. So kommt eine aktuelle Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zu dem Ergebnis, dass die Deutschen deutlich weniger arbeiten als die Menschen in fast allen anderen OECD-Staaten.
Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist das Arbeitszeitvolumen aller Beschäftigten in Deutschland leicht zurückgegangen, während die Zahl der Erwerbstätigen leicht gestiegen ist. Die US-Finanznachrichtenagentur Bloomberg stellte in einem Artikel sogar die Frage: „Haben die Deutschen ihre berühmte Arbeitsethik vergessen“
So will Fratzscher die Zahl der Arbeitsstunden erhöhen: Abschaffung eines Feiertags zeugt von Ignoranz
Die Forderungen aus Politik und Wirtschaft lassen nicht lange auf sich warten. Christian Lindner (FDP) und Friedrich Merz (CDU) waren sich bereits vor einem Jahr einig: Die Deutschen könnten mehr arbeiten. Der Präsident des ifo-Instituts in München, Clemens Fuest, hat sich erneut für die Streichung eines Feiertags ausgesprochen. Eine geplante Steuerbefreiung für Überstunden soll Beschäftigte zu mehr Arbeit motivieren.
Der Ökonom Marcel Fratzscher, aktueller Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), nennt die Behauptung, die Deutschen seien faul, in seinem Blog eine „erstaunliche Ignoranz gegenüber dem tatsächlichen Potenzial unseres Arbeitsmarkts“. Maßnahmen wie die geplante Steuerbefreiung von Überstunden oder die Abschaffung eines Feiertags seien fehlgeleitet und lösten nicht die wirtschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahre.
So will Fratzscher die Zahl der Arbeitsstunden erhöhen: Mehr Erwerbstätigkeit von Frauen
Auch Fratzscher möchte die Zahl der Arbeitsstunden in Deutschland erhöhen. Doch erreichen möchte er dieses Ziel vor allem mit vier Maßnahmen:
- Gleichstellung von Frauen und Männern
- Gezielte Zuwanderung und bessere Integration von Geflüchteten
- Mehr Investitionen ins Bildungssystem
- Reformen in den Unternehmen
Laut Fratzscher könnten Frauen wesentlich mehr arbeiten, denn Deutschland hat eine der höchsten Teilzeitquoten bei ihnen. Viele der Frauen wollen auch mehr arbeiten, werden auf dem deutschen Arbeitsmarkt jedoch stärker diskriminiert als in anderen Ländern. Als Beispiele führt er unter anderem den hohen Gender Pay Gap und die schlechteren Karrierechancen an.
Aber auch die Politik macht es Frauen schwer, wenn sie mehr arbeiten wollen. Durch das Ehegattensplitting verlieren sie oft fast die Hälfte ihres Einkommens durch Steuern und Abgaben. Aufgrund der mangelnden Betreuungssituation in Kitas und Schulen sind Eltern, vor allem Mütter, ungewöhnlich hoch belastet. Auch die Ausweitung von Minijobs trägt dazu bei.
Gezielte Zuwanderung und bessere Integration – sollen laut Fratzscher die Arbeitsstunden erhöhen
Um den Arbeitskräftemangel zu bewältigen, fordert Fratzscher eine gezielte Zuwanderung. Deutschland müsse attraktiver für junge Zuwanderer werden – nicht nur für Hochqualifizierte.
Bereits hier lebende Schutzsuchende sollten besser und schneller integriert werden. Dazu gehören die Anerkennung von Qualifikationen, der Zugang zu Sprachkursen, Unterkünften und zu sozialer Absicherung.
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Höhere Bildung soll zu mehr Fachkräften führen
Um zu verhindern, dass Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen oder keinen Berufsabschluss erreichen, sind laut Fratzscher umfassende Investitionen in Bildung und Ausbildung nötig. Ihm zufolge gelten rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland als grundsätzlich erwerbsfähig. Aufgrund fehlender Chancen, mangelnder Qualifikation und gesundheitlicher Einschränkungen sind sie jedoch dauerhaft oder über lange Zeit ohne Beschäftigung.
Fratzscher nimmt auch die Unternehmen in die Pflicht. Sie hätten in der Vergangenheit zu wenig in Qualifizierung, Digitalisierung und neue Technologien investiert. Sie sollten ihre Beschäftigten fördern, Prozesse entschlacken und moderne Arbeitsweisen etablieren, um junge, motivierte Menschen als Mitarbeitende zu gewinnen.
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