Pflegereport

Pflege auf der Kippe: Studie warnt vor Beitragserhöhungen noch 2024

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Eine Studie warnt vor „Kipppunkten“ in der Pflege. Die Finanzierung sei nicht gesichert und Beitragserhöhungen schon Ende 2024 nötig.

Berlin – Erst im vergangenen Jahr hat der Bundestag eine Reform der Pflegeversicherung beschlossen. Die Beiträge stiegen, um die Versicherung zu stabilisieren. Nun müssen sich Beitragszahler:innen auf die nächste Erhöhung einstellen. Bereits zum Jahreswechsel 2025 könnte diese nötig sein, lautet das Ergebnis des Pflegereports der Krankenkasse DAK, der am Dienstag, 9. April, herauskam. Die Deutsche Presse-Agentur berichtete über die Studie.

Grund der Erhöhung ist laut Studie die steigende Zahl der Pflegebedürftigen. Bereits für das vierte Quartal 2024 zeichneten sich deutliche Finanzierungslücken ab. Diese machten „voraussichtlich Beitragssatzerhöhungen noch vor der Bundestagswahl im kommenden Jahr erforderlich“, heißt es im DAK-Report zum Stand der Pflegeversicherung.

Studie sieht Finanzierung der Pflege gefährdet – zu Lasten der jüngeren Generation

Eigentlich hätte die Finanzierung der Pflegeversicherung durch die Reform im vergangenen Jahr bis 2025 gesichert sein sollen. Für Kinderlose stieg der Beitrag auf vier Prozent, bei einem Kind auf 3,4 Prozent. Der Anteil der Arbeitgeber erhöhte sich auf 1,7 Prozent. „Das von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach im vergangenen Jahr abgegebene Versprechen einer zumindest kurzfristigen Stabilisierung der Pflegefinanzen bis zum Ende der laufenden Wahlperiode ist wohl nicht mehr zu halten“, erklärte Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit.

Die Krankenkasse warnt vor einer großen Belastung jüngerer Generationen durch die Kosten der Pflege. Eine zusätzliche kapitalgedeckte Pflegezusatzversicherung helfe dagegen nicht, um den größeren Bedarf zu decken. Als Grund nennt die Krankenkasse, dass sie erst dann greife, „wenn der Peak an Pflegebedürftigkeit, der durch die Boomer ausgelöst wird, verstrichen ist“.

DAK-Report warnt wegen dem Fachkräftemangel vor „Kipppunkten“ in der Pflege

Auch bei der Zahl der Beschäftigten in der Pflege schlägt das Freiburger Sozialforschungsinstitut Alarm, das den Report im Auftrag der DAK erstellt hat. Die Arbeitsmarktreserve schrumpfe. Immer mehr Beschäftigten gehen in den kommenden Jahren in Rente. Dagegen nehme die Zahl an Nachwuchskräften ab. Noch in den 2020er Jahren werde es nicht mehr ausreichend nachrückende Absolvent:innen der Pflegeschulen geben, um die Lücke der ausscheidenden Babyboomer zu schließen, berichten die Forschenden. Sie sprechen von „Kipppunkten“ der Pflege.

Das Netzwerk „Pflege in Not“ demonstriert 2023. Eine Studie warnt nun vor „Kipppunkten“ in der Pflege aufgrund des Fachkräftemangels. (Symbolfoto)

Laut der Studie gab es über 1,14 Millionen Pflegekräfte in Deutschland. Mehr als ein Fünftel von ihnen gehe in den nächsten zehn Jahren in Rente. Der konkrete Bedarf variiere zwischen 19,7 Prozent in Sachsen und 26,5 Prozent in Bremen. „In einzelnen Bundesländern werden noch in diesem Jahrzehnt Kipppunkte erreicht, an denen deutlich mehr Pflegende in den Ruhestand gehen als Nachwuchskräfte in den Beruf einsteigen“, so der Report. In Bremen und Bayern werde dies bereits 2029 der Fall sein, erklären die Forschenden.

Schon jetzt leiden die Pflegekräfte unter starken gesundheitlichen Belastungen. Vor allem Erkrankungen des Bewegungsapparates und psychische Belastungen seien ursächlich für die überdurchschnittlich hohen Krankheitstage der Beschäftigten in der Alterspflege. „Die Personalsituation ist alarmierend“, sagte Andreas Storm. „Mittelfristig wird dieser Mangel so gravierend, dass unser Pflegesystem an seine Belastungsgrenze kommt.“

Als Lösung nennt der Report eine Stärkung der Kompetenzen der Pflegekräfte. „Wir können es uns nicht leisten, unsere Fachkräfte weiter mit fachfremden Aufgaben zu beschäftigen und bürokratisch zu kontrollieren, wie bisher“, sagte Thomas Klie vom Institut AGP Sozialforschung.

Diakonie-Präsident wird deutlich: „Sehenden Auges in eine Katastrophe“ – und stellt Forderungen

Zuvor hatte auch Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch vor dem Fachkräftemangel in der Pflege gewarnt und eine grundlegende Reform gefordert. „Wir laufen bei der Pflege sehenden Auges in eine Katastrophe“, sagte Schuch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Montag, 8. April. Die Folgen des Fachkräftemangels verglich er mit einer Schraube, „die sich immer weiter nach oben dreht, bis das System auseinanderbricht“.

Angehörige sollten nur einen Sockelbetrag zahlen, die Kosten darüber hinaus sollen die Pflegeversicherung und der Staat mithilfe von Steuereinnahmen tragen, so die Forderung des Diakonie-Chefs. Er räumte jedoch auch ein, dass höhere Beiträge zur Pflegeversichung damit nicht ausgeschlossen werden könnten. (ms mit Agenturen)

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/dpa

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