Arbeit im Alter

Top-Ökonomen zerlegen Renten-Plan: „Am Kernproblem ändert das nichts“

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Eine Anhebung des Rentenalters soll es nicht geben. Dafür will die Merz-Regierung einen Steuerbonus für Arbeit neben der Rente. Top-Ökonomen fällen ein deutliches Urteil.

Berlin – Mit der Aktivrente glauben Union und SPD einen Kompromiss für ein Problem gefunden haben, das immer offensichtlicher wird. Die gesetzliche Rente gerät finanziell unter Druck, weil immer weniger Erwerbstätige immer mehr Renten finanzieren müssen. Durch die Demografie nimmt das Problem zu. Ökonomen fordern dazu immer wieder die weitere Anhebung des Renteneintrittsalters über 67 Jahre hinaus. Denn damit würde die Zahl der Erwerbstätigen steigen. Bei möglichen Wählerinnen und Wählern ist das jedoch unbeliebt – und damit ein heißes Eisen für die Politik.

Friedrich Merz und seine Kolleginnen und Kollegen haben die Aktivrente beschlossen. Doch ihre Pläne stoßen auf große Skepsis.

Die Aktivrente soll dagegen einen positiven Anreiz setzen. Durch den Steuerbonus von bis zu 2000 Euro, den arbeitende Rentnerinnen und Rentner monatlich erhalten, sollen mehr ältere Menschen zum Arbeiten animiert werden. Doch Fachleute äußern nun Zweifel, ob das Ziel, die Zahl der Erwerbstätigen zu steigern, erreicht wird.

Aktivrente ändert am „Kernproblem“ nichts: Nicht mehr Fachkräfte am Arbeitsmarkt

„Am Kernproblem ändert die Aktivrente nichts: Zu wenige Erwerbstätige müssen zu viele Rentner finanzieren“, erklärte etwa das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Eine nachhaltige Entlastung gelingt nur, wenn Menschen tatsächlich länger im Beruf bleiben – und Fehlanreize zur Frühverrentung konsequent abgebaut werden“, so das arbeitgebernahe Institut. Wer einmal im Ruhestand sei, „fängt eher selten an, wieder zu arbeiten“.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

„Das Ziel der Bundesregierung, deutlich mehr Fachkräfte für den Arbeitsmarkt zu erhalten, wird damit wohl nicht erreicht“, erklären die Forschenden zur Aktivrente. „Denn die meisten älteren Beschäftigten arbeiten aus Freude an ihrer Tätigkeit oder wegen sozialer Kontakte – nicht aus finanziellen Gründen.“ Das zeige eine IW-Umfrage. Damit bleibe auch die „erhoffte Entlastung der Rentenkasse aus“, so die Fachleute. Für arbeitende Rentnerinnen und Rentner wären Beiträge in die gesetzliche Versicherung ohnehin freiwillig. Lediglich der Arbeitgeber muss einen Anteil zuschießen.

Top-Ökonom räumt Merz‘ Renten-Plan nur „überschaubarem“ Effekt zu – und warnt vor hohen Kosten

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist angesichts des Renten-Plans skeptisch. „Es ist richtig, die Beschäftigung älterer Menschen zu fördern“, räumte Peter Haan, Leiter der Abteilung Staat, ein. Hier liege ein „wichtiges Potenzial, um den Fachkräftemangel zu reduzieren und das Rentensystem zu stabilisieren“. Doch der DIW-Ökonom sagte auch: „Der Effekt der Aktivrente dürfte aber überschaubar sein.“

Beide Wirtschaftsforschungsinstitute kritisierten die hohen Kosten der Aktivrente. In einer früheren Studie hatte das DIW festgestellt, dass sich die vom Finanzministerium auf rund 900 Milliarden Euro pro Jahr geschätzten Kosten erst ab 75.000 zusätzlichen Erwerbstätigen rechneten. Im Unterschied zu Lars Klingbeils Ministerium geht das IW sogar von bis zu 1,4 Milliarden Euro an Mindereinnahmen aus.

Fachleute sehen andere Baustellen für eine Rentenreform

Die Rente sollte „so reformiert werden, dass es keine Anreize gibt, früher aus der Beschäftigung zu gehen“, forderte das DIW dazu. „Reformen bei der Rente für besonders langjährig Versicherte (‘Rente mit 63‘) oder bei der steuerlich geförderten Altersteilzeit sollten an erster Stelle stehen.“ Dazu hatten sich die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute kürzlich für eine Anpassung der Rentenerhöhungen ausgesprochen. Statt an Löhnen und Gehältern sollten sich die Renten an der Inflation orientieren – und damit langsamer steigen.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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