Top-Ökonomen zerlegen Renten-Plan: „Am Kernproblem ändert das nichts“
VonMax Schäfer
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Eine Anhebung des Rentenalters soll es nicht geben. Dafür will die Merz-Regierung einen Steuerbonus für Arbeit neben der Rente. Top-Ökonomen fällen ein deutliches Urteil.
Berlin – Mit der Aktivrente glauben Union und SPD einen Kompromiss für ein Problem gefunden haben, das immer offensichtlicher wird. Die gesetzliche Rente gerät finanziell unter Druck, weil immer weniger Erwerbstätige immer mehr Renten finanzieren müssen. Durch die Demografie nimmt das Problem zu. Ökonomen fordern dazu immer wieder die weitere Anhebung des Renteneintrittsalters über 67 Jahre hinaus. Denn damit würde die Zahl der Erwerbstätigen steigen. Bei möglichen Wählerinnen und Wählern ist das jedoch unbeliebt – und damit ein heißes Eisen für die Politik.
Aktivrente ändert am „Kernproblem“ nichts: Nicht mehr Fachkräfte am Arbeitsmarkt
„Am Kernproblem ändert die Aktivrente nichts: Zu wenige Erwerbstätige müssen zu viele Rentner finanzieren“, erklärte etwa das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Eine nachhaltige Entlastung gelingt nur, wenn Menschen tatsächlich länger im Beruf bleiben – und Fehlanreize zur Frühverrentung konsequent abgebaut werden“, so das arbeitgebernahe Institut. Wer einmal im Ruhestand sei, „fängt eher selten an, wieder zu arbeiten“.
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„Das Ziel der Bundesregierung, deutlich mehr Fachkräfte für den Arbeitsmarkt zu erhalten, wird damit wohl nicht erreicht“, erklären die Forschenden zur Aktivrente. „Denn die meisten älteren Beschäftigten arbeiten aus Freude an ihrer Tätigkeit oder wegen sozialer Kontakte – nicht aus finanziellen Gründen.“ Das zeige eine IW-Umfrage. Damit bleibe auch die „erhoffte Entlastung der Rentenkasse aus“, so die Fachleute. Für arbeitende Rentnerinnen und Rentner wären Beiträge in die gesetzliche Versicherung ohnehin freiwillig. Lediglich der Arbeitgeber muss einen Anteil zuschießen.
Top-Ökonom räumt Merz‘ Renten-Plan nur „überschaubarem“ Effekt zu – und warnt vor hohen Kosten
Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist angesichts des Renten-Plans skeptisch. „Es ist richtig, die Beschäftigung älterer Menschen zu fördern“, räumte Peter Haan, Leiter der Abteilung Staat, ein. Hier liege ein „wichtiges Potenzial, um den Fachkräftemangel zu reduzieren und das Rentensystem zu stabilisieren“. Doch der DIW-Ökonom sagte auch: „Der Effekt der Aktivrente dürfte aber überschaubar sein.“
Beide Wirtschaftsforschungsinstitute kritisierten die hohen Kosten der Aktivrente. In einer früheren Studie hatte das DIW festgestellt, dass sich die vom Finanzministerium auf rund 900 Milliarden Euro pro Jahr geschätzten Kosten erst ab 75.000 zusätzlichen Erwerbstätigen rechneten. Im Unterschied zu Lars Klingbeils Ministerium geht das IW sogar von bis zu 1,4 Milliarden Euro an Mindereinnahmen aus.
Fachleute sehen andere Baustellen für eine Rentenreform
Die Rente sollte „so reformiert werden, dass es keine Anreize gibt, früher aus der Beschäftigung zu gehen“, forderte das DIW dazu. „Reformen bei der Rente für besonders langjährig Versicherte (‘Rente mit 63‘) oder bei der steuerlich geförderten Altersteilzeit sollten an erster Stelle stehen.“ Dazu hatten sich die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute kürzlich für eine Anpassung der Rentenerhöhungen ausgesprochen. Statt an Löhnen und Gehältern sollten sich die Renten an der Inflation orientieren – und damit langsamer steigen.