Russlands Wirtschaft vor der Rezession – Zentralbank warnt Putin
VonLars-Eric Nievelstein
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Mit umfangreicher Militärproduktion hat Wladimir Putin Russlands Wirtschaft stimuliert. Nun folgt die Stagnation. Die Zentralbank warnt.
Moskau – Russlands Wirtschaft soll schneller in die Rezession rutschen als gedacht. Die russische Zentralbank unter Elvira Nabiullina hat prognostiziert, dass das Wachstum sich dann drei Quartale in Folge verlangsamt haben soll. Das würde einen weiteren Rückschlag für die Führung im Kreml bedeuten – denn die Wirtschaft kämpft ohnehin mit einer ganzen Reihe von Problemen.
Russlands Wirtschaft in der Krise – Zentralbank geht von Schrumpfkurs aus
Nach Angaben des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung wuchs das BIP im Zeitraum Juli bis September im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,6 Prozent, nach einem Wachstum von 1,1 Prozent im zweiten Quartal, 1,4 Prozent im ersten und 4,5 Prozent im vierten Quartal 2024.
Die neue Vorhersage fällt deutlich geringer aus: Für das vierte Quartal rechnet die Zentralbank mit einem Bruttoinlandsprodukt zwischen minus 0,5 und plus 0,5 Prozent. Im Juli war die Institution noch von einem Wachstum zwischen null und einem Prozent ausgegangen. Ein Schrumpfen im vierten Quartal würde den ersten Rückgang beim BIP seit dem ersten Quartal 2023 markieren – das Wirtschaftsdatenportal Trading Economics zeigt für dieses Quartal einen Rückgang um 0,9 Prozent.
Wladimir Putin in Samara, Russland (Symbolfoto). Mit massiver Militärproduktion hat Wladimir Putin Russlands Wirtschaft angekurbelt. Jetzt folgt die Stagnation. Die Zentralbank warnt.
Offizielle gaben dazu an, dass die Überhitzung der Wirtschaft nachlasse. Auf der Kehrseite leidet das Land immer noch unter einem leergefegten Arbeitsmarkt, einer hartnäckig über vier Prozent verbleibenden Inflation und alle Prognosen gehen davon aus, dass die Überhitzung länger anhält als vorher gedacht. Der Effekt könnte sich bis in die erste Jahreshälfte 2026 fortsetzen. In der Konsequenz hat die Zentralbank bereits signalisiert, dass die Leitzinsen bis auf Weiteres auf dem aktuellen Niveau verbleiben müssten (17,5 Prozent).
Russland-Unternehmen im „Überlebensmodus“ – Firmen fahren Ausgaben zurück
In der Ukraine hört man das gern – immerhin bedeutet eine Schwächung von Russlands Wirtschaft gleichzeitig eine Schwächung des Kriegseinsatzes. Der ukrainische Geheimdienst hat allerdings noch drastischere Nachrichten hinsichtlich des Wachstums als die russische Zentralbank. Viele Unternehmen innerhalb Russlands seien in eine Art „Überlebensmodus“ eingetreten. Eine Auswertung des dritten Quartals habe ergeben, dass die Firmen vor allem unter drei hauptsächlichen Faktoren leiden: verspätete Zahlungen von Geschäftspartnern, eine schrumpfende Nachfrage und ein Engpass am Arbeitskapital.
Fast 39 Prozent der russischen Unternehmen sollen Zahlungsrückstände berichtet haben (von 25 Prozent im Jahr 2024). Der Bedarf für Güter und Dienstleistungen ist für 34 Prozent der Unternehmen zurückgegangen, 32 Prozent stehen vor Liquiditätsproblemen.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Darüber hinaus will der Geheimdienst einen deutlichen Anstieg an Logistikproblemen beobachtet haben. 15 Prozent der Unternehmen hätten von Unterbrechungen berichtet, verglichen mit zehn Prozent früher im Jahr. 68 Prozent der Firmen haben damit begonnen, Ausgaben drastisch zu beschneiden. 80 Prozent sollen im Schnitt auf Administrationskosten entfallen. Dabei gilt es zu beachten, dass die Ukraine ein natürliches Interesse daran hat, von Russlands Schwäche zu berichten; eine unabhängige Überprüfung ist nicht möglich.
Zwischen Treibstoffkrise und Banken-Rettung – Putin steckt in der Klemme
Jedoch fügen sich die ukrainischen Erkenntnisse direkt in das Bild ein, das die russische Wirtschaft seit einigen Monaten vermittelt. Dass scharenweise Arbeitskräfte das Land verlassen haben, weil sie entweder zum Kriegsdienst eingezogen wurden oder diesen aktiv vermeiden wollten, ist lange bekannt. Ebenso ist bekannt, dass die Ukraine seit August eine Drohnenkampagne gegen russische Infrastruktur fährt – von Ölraffinerien bis Eisenbahnknotenpunkte zerstört sie gezielt wichtige Elemente, die die Wirtschaft eigentlich am Laufen halten.
Darum leidet das Land nach wie vor unter einer ungekannten Treibstoffkrise. Ganze Regionen mussten Öl rationieren und in mehreren Landesteilen schlossen Tankstellen ihre Tore. Innerhalb der vergangenen Monate kam es auch aus dem Kreml wiederholt zu Warnungen. In den wichtigen Großbanken wurde bereits eine Rettungsaktion der Regierung besprochen.
Ökonomen hatten die jetzt von Russland prognostizierten Probleme bereits vor vielen Monaten vorausgesehen. Kreml-Chef Wladimir Putin habe die gesamte Wirtschaft auf Kriegswirtschaft umgeschaltet und durch eine extreme Militärproduktion für gute wirtschaftliche Zahlen gesorgt, gaben Experten des Center for Strategic and International Studies (CSIS) an. Allerdings ist das keine Grundlage für ein nachhaltiges Wachstum. Im Gegenteil: Die produzierten Güter fließen in die Ukraine, wo sie mehr oder weniger nach Plan zerstört werden. (verwendete Quellen: Moscow Times, United24media, CSIS; laernie)