Serie „Zukunft der Rente“

Renten-Expertin: „Die Regierung hat nicht den Mut, klar zu sagen, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt“

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Die Merz-Regierung streitet darüber, wie die Rente zukunftsfest gemacht werden kann. Eine Expertin hat mit Ippen.Media darüber gesprochen, welche Reformen sinnvoll wären.

Jena – Der „Herbst der Reformen“ naht und in der schwarz-roten Koalition kriselt es. Das liegt auch daran, dass CDU/CSU und SPD sehr unterschiedliche Ideen davon haben, wie der Sozialstaat und das Rentensystem reformiert werden sollen. Beschlossen wurden bei der Rente bisher nur teure Wahlgeschenke wie die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent und die Ausweitung der Mütterrenten.

Doch das reicht nicht, um die Rente zukunftsfest zu machen, erklärt Silke Übelmesser, Professorin für Finanzwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie hat mit Ippen.Media darüber gesprochen, welche Reformen sinnvoll wären, um das deutsche Rentensystem fit für die Zukunft zu machen und ob sich Deutschland dabei an internationalen Vorbildern orientieren sollte.

Expertin kritisiert Rentenpaket der Merz-Regierung: „Kostet viel Geld, sehr viel Geld“

Meinen Sie, dass die schwarz-rote Koalition auf dem richtigen Weg ist, um das deutsche Rentensystem zu stabilisieren?
Da kann ich mit einem klaren Nein antworten. Das Rentensystem muss zukunftsfest gemacht werden. Die Regierung ist sich auch dessen bewusst, weil es ja noch eine Kommission gibt, die Lösungen erarbeiten soll. Die Problematik verschiebt man damit aber einfach in die Zukunft. Denn die beschlossene Haltelinie bei 48 Prozent und die Verbesserung der Mütterrenten sind das
Gegenteil davon, was man unter einer Stabilisierung des Rentensystems verstehen würde. Beides kostet viel Geld, sehr viel Geld, und es ist noch mal eine umfangreiche Leistungsausweitung.
Was muss denn im deutschen Rentensystem geändert werden?
Ich denke, man muss an mehreren Stellschrauben drehen, denn eine Zauberlösung gibt es tatsächlich nicht. Man kann zum Beispiel versuchen, über die Lebensarbeitszeit nachzudenken. Dazu kann gehören, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartungsentwicklung zu koppeln. Ich würde mir dabei wünschen, dass wir es schaffen, das für viele sehr emotionale Thema Lebensarbeitszeit nüchterner zu diskutieren – zu überlegen, für wen es möglich ist, länger zu arbeiten, und dann auch
zu überlegen, wie man Personen und Berufsgruppen helfen kann, für die eine solche Verlängerung problematisch wäre.
Silke Übelmesser, Professorin für Finanzwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Ein weiterer Punkt ist, dass die Abschläge, wenn man vorzeitig in Rente geht, zu günstig kalkuliert sind. Das macht es für viele attraktiv, früher in Rente zu gehen. Auch da müsste die Regierung nachjustieren. Darüber hinaus sollte man die Rente für besonders langjährig Versicherte in den Blick nehmen. Versicherte, die 45 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben, können abschlagsfrei vor Erreichen ihrer Regelaltersgrenze in Rente gehen. So verliert der Arbeitsmarkt aber viele gut ausgebildete Fachkräfte. Gleichzeitig erhöht sich die Zahl der Rentnerinnen und Rentner. 

Ich würde mir wünschen, dass klar kommuniziert wird, was die Fakten sind. 

Silke Übelmesser
Die Regierung plant dazu ja die Aktivrente, die Senioren freiwillig zum längeren Arbeiten animieren soll – reicht die nicht?
Die Aktivrente ist Teil des Ideen-Komplexes, die Lebensarbeitszeit zu erhöhen – aber statt das Problem systematisch anzugehen, setzt man einfach was drauf. Rentner, die nach Erreichen des gesetzlichen Rentenalters freiwillig weiterarbeiten, sollen dann bis zu 2.000 Euro pro Monat steuerfrei hinzuverdienen dürfen. Damit will man gegen die Fehlanreize ansteuern, die man mit anderen Maßnahmen wie der Möglichkeit, abschlagfrei früher in Rente zu gehen, gesetzt hat. Das ergibt natürlich nicht viel Sinn und macht es teurer für die Steuer- und Beitragszahler, als es sein müsste.

Übelmesser hat Vorschläge, wie das Rentensystem reformiert werden sollte

Und wie kann man, abseits der Lebensarbeitszeit, noch Druck aus dem Rentensystem nehmen?
Wichtig finde ich noch die Frage, wie die Renten in Zukunft steigen sollen. Die Renten sind jetzt an die Lohnentwicklung gekoppelt und es wird immer wieder diskutiert, dass man die Renten stattdessen an die Preisentwicklung koppeln könnte. Da kann man sich auch an anderen Ländern ein Vorbild nehmen – wie Österreich, zum Teil auch Schweiz oder Finnland. Das würde dann nicht bedeuten, dass die Renten sinken, lediglich der Anstieg wäre etwas geringer. Und die Kaufkraft der Renten würde gleich bleiben.
Man könnte auch die Renten etwas höher beginnen und dann etwas weniger stark steigen lassen. Das hätte sogar noch den Nebeneffekt, dass gerade diejenigen, die eine geringere Lebenserwartung haben, davon mehr profitieren. Und die, die aufgrund ihres weniger körperlich anstrengenden Berufslebens, ihres guten Verdienstes und ihrer guten Gesundheit länger leben, die würden vielleicht später ein bisschen weniger bekommen als ohne die Umstellung, aber die könnten das auch finanziell
verkraften.
Sie haben gerade Österreich und Finnland erwähnt – würde sich ein Blick auf andere Länder lohnen?
Es ist schon sinnvoll, sich anzuschauen, wie andere Länder die Problematik angehen. Aber man muss sich trotzdem bewusst sein, dass bei uns nicht alles umsetzbar ist. Manchmal sieht auf den ersten Blick ein einzelnes Element in einem ausländischen Rentensystem sehr attraktiv aus, aber man übersieht, dass in dem Land alles ein bisschen anders organisiert wird und man das nicht so einfach übertragen kann. Natürlich kann man sich aber inspirieren lassen und sollte über gute Beispiele ernsthaft nachdenken.
Das deutsche Rentensystem braucht dringend Reformen. (Symbolbild)

Rente: Expertin lobt schwedisches Modell - und spricht über Frühstart-Rente

Zum Beispiel wird das schwedische Modell oft gelobt.
In Schweden zahlt man 16 Prozent seines Bruttoeinkommens in eine klassische, umlagefinanzierte Rentenversicherung und noch mal 2,5 Prozent in einen kapitalmarktbasierten Fonds. Dieser Fonds ist langfristig orientiert: In jungen Jahren gibt es meist einen höheren Aktienanteil, der dann, wenn man älter wird, Schritt für Schritt reduziert wird. Man kann zwischen verschiedenen Fonds wählen, aber es gibt auch einen gut organisierten Standardfonds, den man nehmen kann, wenn man sich nicht mit
dem Thema auseinandersetzen kann oder möchte. Man bezahlt zudem sehr wenig Verwaltungsgebühren – das ist wichtig, weil dadurch nicht viel von seinen Ersparnissen aufgezehrt wird. Das machen die Schweden seit 2000 so, und ich denke, dass das eine gute Sache ist.
Wenn man die Idee jetzt auf Deutschland überträgt, ist natürlich die erste Frage, wie das finanziert werden könnte. Man kann ja nicht von den Beiträgen zur Rentenversicherung zweieinhalb Prozent abknapsen, die würden ja dann fehlen. Es muss also eine zusätzliche Ersparnis sein, die dann zumindest für bestimmte Bevölkerungsgruppen staatlich gefördert werden kann.

Das wäre kein Systemwechsel, aber eine wichtige Ergänzung.

Silke Übelmesser über die Frühstart-Rente
Eine Idee der Regierung dahingehend wäre ja die Frühstart-Rente.
Genau. Bei der Frühstart-Rente zahlt der Staat jedem Kind vom 6. bis zum 18. Lebensjahr 10 Euro im Monat auf ein Altersvorsorgedepot ein. Dieses Geld wird dann erst bei Erreichen der Regelaltersgrenze ausgezahlt. Damit hätte man also individuelle Depots und es wäre eine kapitalmarktbasierte Altersvorsorge, die unser gesetzliches Rentensystem ergänzen könnte. Das wäre kein Systemwechsel, aber eine wichtige Ergänzung. Sie kann der Einstieg in eine stärkere Eigenvorsorge sein und das Bewusstsein dafür schärfen, dass jeder selbst etwas für seine Vorsorge tun muss. Das könnte die Altersvorsorge nachhaltiger machen. Allerdings ist klar: das ist keine Maßnahme, die kurzfristig wirkt. Und für alle, die über 18 Jahre alt sind, braucht es vergleichbare Ansätze. Denn für sie ist die Eigenvorsorge noch dringlicher.

Übelmesser: „Die Regierung hat nicht den Mut, klar zu sagen, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt“

Und was ist mit Österreich und seinen hohen Renten?
Das stimmt, die Renten in Österreich sind im Durchschnitt tatsächlich höher als bei uns. Allerdings muss man genau hinschauen, warum das so ist. Fast die Hälfte dieser höheren Renten kommt nämlich daher, dass der Beitragssatz und die Bundesmittel höher sind. Das österreichische Rentensystem ist also noch mal teurer, als das deutsche. Und da stellt sich die Frage: wollen wir das?
Wollen wir die Beitragszahlungen weiter anheben? Und können wir uns das leisten, die Bundesmittel nochmal höher zu setzen? Nein, ich glaube nicht. Hinzu kommt, dass in Deutschland die privaten und betrieblichen Renten eine größere Rolle spielen. Das macht den direkten Vergleich zwischen den beiden Ländern schwierig.
Was wünschen Sie sich noch von der Politik?
Ich würde mir wünschen, dass klar kommuniziert wird, was die Fakten sind. Die demografische Entwicklung bringt Herausforderungen mit sich. Mich stört, dass man die Bevölkerung seit Jahrzehnten in Sicherheit wiegt, statt offen anzusprechen, was kommt. Jeder, der kann, sollte privat vorsorgen. Die sozialen Leistungen müssen viel zielgenauer auf die ausgerichtet werden, die es alleine nicht schaffen. Die Regierung hat nicht den Mut, klar zu sagen, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Es geht nicht darum, Panik zu schüren, sondern um vorausschauende Planung und nachhaltige Reformen. Natürlich würde das anfangs nicht auf so viel Zustimmung stoßen. Aber Veränderungen, die das System stabiler machen, wären am Ende ein Gewinn für alle – die Jüngeren ebenso wie für die Älteren.

Rubriklistenbild: © Montage: Imago/Christian Spicker/Silke Übelmesser, Friedrich-Schiller-Universität Jena

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