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Russland sieht sich wegen des Ukraine-Kriegs Sanktionen aus dem Westen ausgesetzt. Die Folgen sind besonders in der Luftfahrt zu erkennen.
Moskau – Auch wenn Wladimir Putin und sein Führungszirkel es nicht wahrhaben wollen. Und der Kreml-Chef aufgrund der im kommenden Jahr anstehenden Präsidentenwahl am liebsten die Augen davor verschließen würde. Neueste Zahlen aus der Flugbranche zeigen einmal mehr, wie sehr die Sanktionen infolge des Ukraine-Kriegs Russland doch treffen.
Russland und die Sanktionen: Flugbranche verzeichnet viele Zwischenfälle
Laut dem US-Portal Newsweek hat sich die Zahl der Defekte an russischen Linien- und Frachtflugzeugen im Vergleich zum Vorjahr nämlich verdreifacht. Allein von Anfang September 2023 bis zum 8. Dezember 2023 habe es 60 Vorfälle gegeben. Darunter fielen Notlandungen, Triebwerksbrände oder Fehlfunktionen. 15 der Vorfälle ereigneten sich demnach im September, 25 im Oktober, zwölf im November und bereits acht an den ersten acht Dezember-Tagen.
Hintergrund dürfte der Mangel an Ersatzzeilen sein. Bereits vor einigen Monaten hatte der Business Insider zwar geschrieben, dass russische Unternehmen die westlichen Sanktionen im Luftverkehr zu umgehen versuchten, indem sie gebrauchte Flugzeuge aus dem Iran und China kauften oder vorhandene Jets ausschlachteten. Schon damals wurde jedoch auf „unnötige Sicherheitsrisiken“ verwiesen. Trotz allem werden jedoch weiterhin Urlaubs-Paradiese angeflogen.
Laut dem russischen Onlinemedium Verstka hatten die vier größten russischen Fluglinien Aeroflot, S7, Pobeda und Rossiya von Jahresbeginn bis Anfang August 2023 Ersatzteile im Wert von zusammen rund 110 Millionen US-Dollar – also rund 102 Millionen Euro – importiert. Der Großteil davon sei im Westen hergestellt worden. So kam Aeroflot demnach an Equipment im Wert von 14,5 Millionen US-Dollar allein von den US-Unternehmen Honeywell, Woodward und Boeing.
Russland und die Flugbranche: 2023 mehr Zwischenfälle bis August als sonst im ganzen Jahr
Trotz allem begann die Misere in der Luft schon früher. So berichtete die russisch und englischsprachige Online-Zeitung Novaya Gazeta Europe schon im September, dass es in den ersten acht Monaten des Jahres zu mehr als 120 Flugunfällen von russischen Passagiermaschinen gekommen sei. Zum Vergleich: In den Jahren 2018 bis 2020 waren es im Schnitt 55 Flugunfälle auf zwölf Monate verteilt. Schon im August war der Höchstwert für ein ganzes Jahr erreicht.
Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) versah Russland bereits im September 2022 wegen der Sicherheitsrisiken mit der „Red Flag“. Damit gehört Putins Land neben Bhutan, der Demokratischen Republik Kongo, Liberia und Simbabwe zu den fünf Nationen, in denen explizit vor den Gefahren im Luftverkehr gewarnt wird.
Ein nicht näher benannter Luftfahrt-Experte sagte der in Lettlands Hauptstadt Riga sitzenden Novaya Gazeta: „Leider ist der ‚Red-Flag‘-Status nicht einfach eine politische Geste, wie viele Beobachter denken könnten. Er spiegelt wider, wie die Situation wirklich ist.“
Prigoschin stirbt bei Flugzeug-Katastrophe – Bilder vom Unglücksort




Russland und die Gefahr im Flugzeug: 1712 Todesfälle durch Unfälle seit dem Jahr 2000
Mit russischen Flugzeugen abzuheben, war jedoch schon vor Putins Invasion ein Spiel mit dem Feuer. So liefert die Zeitung auch eine Statistik, wonach seit dem Jahr 2000 bei Unfällen mit russischen Flugzeugen 1712 Menschen ums Leben kamen – das ist der traurige Höchstwert weltweit. Es folgen die USA mit 1349 und Indonesien mit 1300. Außerdem kommt nur noch der Iran mit 1139 auf eine vierstellige Zahl.
In Russland gab es jedoch auch immer wieder Zwischenfälle, die Fragen aufwarfen. Wie etwa der Tod des Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin durch einen Flugzeugabsturz, dessen Ursache offenbar nicht weiter verfolgt wird. Allerdings hatte sich der langjährige Weggefährte von Putin während des Ukraine-Kriegs ungewöhnlich forsch in den Vordergrund gespielt, die Militärführung wiederholt öffentlich angezählt und sogar einen Marsch auf Moskau begonnen, der als letztlich abgeblasener Putschversuch interpretiert wurde. Es lässt sich also festhalten: Sein Ableben kam Putin zumindest nicht ungelegen.
Fliegen in Russland: Zeitung listet schon zwölf Zwischenfälle binnen zehn Dezember-Tagen auf
Über die jüngsten Zwischenfälle berichtet auch The Moscow Times. Via Telegram listet die in Moskau erscheinende englische Internet-Zeitung bereits zwölf Zwischenfälle mit russischen Flugzeugen im Dezember auf. Am 10. Dezember habe ein Flieger von Iraero mit 106 Personen an Bord das Fahrwerk nicht einfahren können. Zwei Tage zuvor musste demnach eine Rossiya-Maschine mit 111 Menschen wegen eines Druckverlusts in der Kabine notlanden, zudem hatte eine Boeing 737 Triebwerksprobleme.
Am 7. Dezember habe das Triebwerk einer Tupolew-Tu-204 Feuer gefangen. Der Co-Pilot einer Boeing 777 der Aeroflot bemerkte am Nikolaustag einen Brand infolge eines Kurzschlusses in der Verkabelung unter seinem Sitz. Am Tag zuvor versagte das Steuerungssystem einer Antonow An-12, eine weitere Maschine kämpfte mit dem Stabilisierungssystem.
Luftfahrt in Russland: Triebwerk, Klimaanlage oder Autopilot versagen den Dienst
Am 2. Dezember musste ein Airbus A321 der Aeroflot wegen eines Triebwerksausfalls notlanden, ein Superjet 100 der Jamal-Airline wurde von technischen Problemen ausgebremst. Der 1. Dezember war nicht der Tag von Aeroflot: In einem Airbus A321 der größten russischen Fluggesellschaft funktionierte die Klimaanlage im Cockpit nicht, bei einer Boeing 737 gab es Anzeichen eines Druckabfalls im Triebwerk, was eine Notlandung zur Folge hatte. Am selben Tag erwischte es auch eine Iraero-Maschine, bei der Autopilot und Landeklappen den Dienst versagten.
Auch wenn alle diese Zwischenfälle offenbar glimpflich ausgegangen sind, könnte der Dezember also ein besonders schwarzer Monat für die russische Luftfahrt werden. Irgendwann wird wohl auch Putin nicht mehr über diese erschreckende Entwicklung hinwegsehen können. (mg)

