VonClaus-Jürgen Göpfertschließen
Die viertgrößte sächsische Stadt ist seit 2020 wichtiger Standort für die E-Auto-Produktion. Nun bangt man dort um die Zukunft des ansässigen Volkswagen-Werks – und das friedliche Zusammenleben der Menschen vor Ort.
Das Hotel „Merkur“ wirkt wie aus der Zeit gefallen. Anklänge von Jugendstil im Inneren, dunkle Holztäfelung. Seit 1912 führt die Familie von Jörg Huhndorf das Haus nicht weit vom Hauptbahnhof der sächsischen Stadt Zwickau. „Ich habe die Wende überstanden und Corona“, sagt der Inhaber. Aber jetzt sorgt sich der Mann im Pensionärsalter um die Zukunft. „Wenn VW hustet, ist Zwickau krank“. Ein abgegriffener Satz? Für die Menschen hier ist er bittere Wirklichkeit. Und Thomas Knabel, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Zwickau, ein Mann sachlicher Worte, kein Schaumschläger, kündigt an: „Wir werden entschieden Widerstand leisten.“
VW-Krise: Zwickauer Werk spürt Probleme massiv
Die Ankündigung des Volkswagen-Vorstands, Werksschließungen und betriebsbedingte Entlassungen seien kein Tabu mehr, trifft Zwickau hart. Denn das dortige VW-Werk war ab 2020 das Erste im gesamten Konzern, in dem nur noch Elektroautos produziert wurden. Die Automobile also, deren Verkauf in diesem Jahr um 70 Prozent eingebrochen ist. Das Produkt also, das massiv unter billiger chinesischer Konkurrenz leidet.
Im Zwickauer Werk spüren sie die Krise seit Jahren massiv. Wurden 2021 noch 360.000 Fahrzeuge gebaut, waren es 2023 nur noch 250.000. Dieses Jahr werden es noch viel weniger sein. Von den drei Schichten rund um die Uhr in den Hallen sind weniger als zwei geblieben. Die Zahl von ehemals knapp 11.000 Beschäftigten schrumpfte auf noch 9400.
Könnte jetzt ganz Schluss sein in Zwickau? Keiner in der Stadt will das aussprechen. Am Donnerstagnachmittag war Betriebsversammlung bei Volkswagen. Tausende von Mitarbeitenden empfingen VW-Markenvorstand Thomas Schäfer mit Pfiffen und Buh-Rufen. „Die Kumpels haben die Schnauze voll“: So bringt es Gewerkschafter Knabel auf den Punkt. Die Beschäftigten wollen nicht die Zeche zahlen für die Fehler, die das VW-Management aus ihrer Sicht gemacht hat.
VW-Krise: „Das alles trägt zum Erfolg der AfD bei“
Im Rathaus von Zwickau muss René Hahn versuchen, irgendwie mit den politischen Folgen der VW-Krise umzugehen. „Das alles trägt zum Erfolg der AfD bei“, weiß der Fraktionsgeschäftsführer der Linken im Stadtparlament. Bei der Kommunalwahl am 9. Juni 2024 erlebten nicht nur die Linken ein Debakel. Die Parteien der Bundesregierung schrumpften in Zwickau auf Splitter-Format. SPD 6,92 Prozent, Grüne 3,19 Prozent, FDP 3,08 Prozent. Den Linken blieben von ehemals elf Prozent noch 4,43. Die AfD triumphierte mit 32,28 Prozent, die CDU brachte es noch auf 20,78. Das neu gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) erzielte 12,99 Prozent.
In ihrer Not schmiedeten die demokratischen Parteien im Stadtparlament ein Not-Bündnis: Die Fraktion der „progressiven Demokraten“, bestehend aus den Resten von SPD, Linken, Grünen und FDP, insgesamt neun Stadtverordnete. „Das sind kleine Erfolge angesichts der schrecklichen Situation,“ sagt der Linke. Unter den Menschen, die AfD wählten, sind, so schätzt Hahn, auch viele VW-Beschäftigte. „Die Krise von VW schürt Angst um den Arbeitsplatz.“
Mehr noch: Die AfD setze in ihrer politischen Propaganda „weiter auf das Verbrenner-Auto“. Sie profitiere davon, dass der „Verbrenner noch immer des Deutschen liebstes Kind“ sei. Diese Analyse bestätigt auch der Industrie-Soziologe Klaus Dörre. „Die Krise von VW ist das Einfallstor für die AfD“, urteilt der Wissenschaftler der Universität Jena. Er untersucht seit Jahrzehnten gerade die politische Stimmung in der Automobilindustrie, hat mit seinem Team viele Gespräche auch mit VW-Beschäftigten geführt. Seine Einschätzung: Bei den VW-Arbeitenden in Zwickau gebe es „große Vorbehalte gegen die E-Mobilität“.
Die Krise bei Volkswagen führt Dörre „in hohem Maße auf Fehler des VW-Managements“ zurück. Die Elektroautos von VW seien zu teuer, „ihre Reichweite ist zu gering und die Ladekapazitäten in Deutschland ebenfalls.“ Hinzu komme die anhaltende Politik von CDU/CSU und FDP auf Bundesebene gegen ein Verbrenner-Aus.
Viele Arbeitsplätze in der Region hängen von Volkswagen ab
Aber wird das VW-Management deshalb tatsächlich das Werk Zwickau schließen? Gewerkschafter Knabel rechnet vor, dass in der Region rund um Zwickau einschließlich der Zuliefererindustrie rund 60.000 Arbeitsplätze von VW abhingen. Auch Hotelier Huhndorf weiß: „Wir haben zu wenig andere Industrie!“ Rund 3000 Menschen hatte VW bei der Produktions-Umstellung 2020 zusätzlich befristet eingestellt. Mehr als ein Drittel davon mussten mittlerweile wieder gehen.
Es steht also viel auf dem Spiel in Zwickau – und das in einer Stadt, die schon seit langem gebeutelt ist. Vor der Wende 1989 lebten 120 000 Menschen in Zwickau. Viele machten sich in den 90er Jahren auf den Weg in den Westen – und kamen nicht zurück. Leerstand ist überall in der Stadt zu sehen: Leere Gebäude, unbebaute Grundstücke, nachdem zuvor leere Häuser abgerissen worden waren.
Für viele Menschen in Zwickau ein Symbol: Die denkmalgeschützte Markthalle im Stadtzentrum aus dem Jahr 1841, ursprünglich ein Hospital. Die Halle steht seit Jahren leer. Für 2025 hatte ein Investor die Eröffnung eines Einkaufszentrums angekündigt, aber Arbeiten gibt es noch nicht.
Die Tradition Zwickaus im Automobilbau reicht weit zurück. Sie begann im Jahre 1904, als der Industrielle August Horch die gleichnamige Autofabrikation gründete. In der DDR produzierten die VEB Sachsenring Automobilwerke den Trabant, im April 1991 stellte man die Produktion endgültig ein. Am 12. Dezember 1990 hatte VW die Volkswagen Sachsen GmbH gegründet, schon im Mai 1990 wurde in Zwickau der erste VW Polo hergestellt.
„Es wird ganz schwer werden, Standortschließungen durchzusetzen“
Gegen die Schließung deutscher VW-Werke hat die Gewerkschaft IG Metall erbitterten Widerstand angekündigt. „Es wird ganz schwer werden, Standortschließungen durchzusetzen“, urteilt der Soziologe Klaus Dörre. Linken-Politiker Hahn im Zwickauer Rathaus hofft: „VW kann es sich nicht leisten, das Werk Zwickau zu schließen.“ In seinen Augen ist der Umbau der Automobilindustrie hin zur E-Mobilität unumkehrbar. Allerdings müsse das VW-Management daran arbeiten, „dass die Fahrzeuge von den Menschen besser angenommen werden.“ Es brauche ein „besseres Preis-Leistungs-Verhältnis“, mit anderen Worten: Die E-Autos müssten endlich bezahlbar werden.
Wissenschaftler Dörre weist darauf hin, dass angesichts gerade der Konkurrenz aus der Volksrepublik China mit preiswerteren Fahrzeugen das VW-Management unter hohem Druck stehe. Für das nötige Umsteuern im Konzern „läuft die Zeit davon“. Wenn die Konzernführung nicht rasch handele, „dann wird das E-Auto der Zukunft chinesisch sein.“ Die ökologische Transformation der Automobilindustrie verteidigt aber auch der Soziologe grundsätzlich: „Es führt kein Weg an E-Mobilität vorbei.“
Jenseits des aktuellen Konflikts um VW sorgt sich Linken-Politiker Hahn angesichts der Erfolge der AfD um die Zukunft der Stadt und die Chancen, in Zwickau noch friedlich miteinander zu leben. Als am 31. August zum vierten Mal der Christopher Street Day gefeiert wurde, unter dem Motto „Für Respekt und Vielfalt“, kamen etwa 800 Menschen zusammen. 500 Polizeibeamte mussten den Zug gegen etwa 400 Gegendemonstranten der Rechten schützen, so Hahn. Seine Einschätzung: „Es ist ein neuer Kulturkampf entstanden.“ Hotelier Jörg Huhndorf will dennoch bleiben und sein Haus offenhalten: „Ich mache weiter.“

