- VonHanna Gersmannschließen
Jährlich landen hierzulande rund acht Millionen Matratzen im Sperrmüll und werden verbrannt. Dabei wäre eine Wiederverwendung der Rohstoffe möglich.
Im Schnitt verschläft der Mensch etwa ein Drittel seines Lebens. Und plötzlich liegt man nicht mehr richtig, die Matratze hat mindestens eine Kuhle, eine neue muss her. Die alte wird ausrangiert, letztlich verbrannt. Das soll in Zukunft anders werden, geht es nach Umweltpolitikern und -politikerinnen, dem Umweltverband Nabu, dem Fachverband Matratzenindustrie, auch nach dem schwedischen Möbelkonzern Ikea. Sie alle setzen auf Recycling. Geht das?
Viele Matratzen werden aus Erdöl hergestellt – ein Problem für das Klima
Die Bundesbürger:innen werfen in einem Jahr rund sechs Millionen Matratzen aus ihren Wohnungen und Häusern, meist nach zehn bis 14 Jahren. Noch nicht eingerechnet sind die rund zwei Millionen Matratzen, die nach etwa fünf bis acht Jahren aus Krankenhäusern, Altenheimen, Hotels auf dem Müll landen.
Besonders beliebt: Kaltschaummatratzen, deren Kern in der Regel auf Erdöl basiert. Sie machen zwei Drittel des Marktes aus, Federkernmatratzen ein knappes Drittel. Deren Polsterung zwischen den Stahlfedern besteht zu großen Teilen meist aus Polyester, also einer Kunstfaser aus Erdöl. Matratzen aus Naturkautschuk oder Rosshaar, also aus nachwachsenden Rohstoffen, gibt es, sind aber selten.
Doch aus klimapolitischen Gründen ist der Druck groß, vom Öl wegzukommen, den fossilen, endlichen Rohstoff zu ersetzen. Erst im Juni haben die Umweltminister:innen aller 16 Bundesländer auf ihrer gemeinsamen Konferenz ein besseres Recycling von Matratzen gefordert. Das schwarz-rote Hessen hatte den Vorstoß gemacht. Noch gibt es Haken, Schmutz zum Beispiel.
Matratzen landen im Sperrmüll - wie kann sie recycelt werden?
Hat die Matratze ihre besten Tage hinter sich, landet sie im Sperrmüll. Dazu karrt man sie auf den nächst gelegenen Wertstoffhof. Dort kommt sie mit anderem Kram in einen Container und die Müllpresse, sie wird verformt, auch schmutzig. Mancherorts wird sie auch direkt vor der Haustür abgeholt. Dann bugsiert man sie am Vorabend schon auf den Gehsteig, selbst wenn es regnet. Verschmutzt und nass lässt sie sich aber nicht mehr recyceln.
Die Sammlung sei „bislang das größte Problem“, sagt Indra Enterlein, die beim Umweltverband Nabu die Ressourcenpolitik verantwortet. Sie fordert: „Es muss ein neues System etabliert werden.“ Denkbar sei: Wird eine neue Matratze geliefert, nimmt der Händler die alte immer gleich mit. Abwegig ist das nicht. Der Fachhandel mache das bereits heute, sagt Claudia Wieland vom Fachverband Matratzenindustrie.
Geht es nicht zunächst darum, das Leben einer Matratze zu verlängern, sie besser zu pflegen? Die Matratze regelmäßig wenden, damit man nicht immer auf derselben Stelle liegt und sie nicht einseitig belastet, zudem die Ummantelung immer mal wieder waschen – die Tipps sind im immer gleich. Neuerdings gibt es zudem Spezialunternehmen, die die gesamte Matratze waschen. Matwash in Wien zum Beispiel. Marcel Krejc, Chef des Start-ups, holt mit seinem Team Matratzen ab, reinigt sie in einer Riesenwaschmaschine, trocknet sie dann und bringt sie nach zwei bis drei Tagen wieder zurück.
120 Euro für eine Ersatzmatratze - doch nicht in Deutschland
Für die Zeit dazwischen gibt es eine Ersatzmatratze. Das kostet für eine Matratze der Größe 90 mal 200 Zentimeter derzeit 120 Euro, allerdings im Raum Wien. Sollte es in Deutschland Altenheime, Hotels, Krankenhäuser geben, die Interesse hätten, würde Kreijc seinen Service auch hierzulande anbieten. Erledigt hat sich das Müllproblem damit allerdings nicht.
Selbst die am besten gepflegte Matratze sei irgendwann durchgelegen, erklärt Nabu-Expertin Enterlein. Das Material gebe einfach nach. Dann also zumindest die Rohstoffe retten. Doch wer sich mal mit Matratzen beschäftigt hat, weiß, wie viele Unterschiede es gibt – super atmungsaktiv, besonders elastisch, mit Komfortzonen, mit Memory-Schaum. Das macht das Recycling nicht einfach.
Es gebe zwei Möglichkeiten, erklärt Matratzenverbandsfrau Wieland. Grob gesagt werde – erste Möglichkeit – der Schaumstoff geschreddert. Aus den dann zusammengeklebten Flocken entstünden Dämmplatten oder Teppichunterseiten. Die Experten sprechen vom Downcycling. Es entsteht ein geringwertigeres Produkt, also in diesem Fall aus der alten keine neue Matratze. Ideal ist das nicht.
Chemisches Recycling schluckt viel Energie – besser als nichts?
Zweite Möglichkeit, im Gegensatz zum mechanischen Recycling chemisches Recycling genannt: Der Schaumstoff wird wieder in seine molekularen Grundbausteine zerlegt und kann dann erneut in die Schaumstoffproduktion fließen. Wieland schränkt ein: „Allerdings klappt das bisher nur im kleinen Maßstab als 20-prozentige Beimischung, die Qualität ist anders.“
Umweltschütz:innen sehen das chemische Recycling ohnehin skeptisch, denn es braucht viel Energie. Nabu-Expertin Enterlein aber sagt: „Bei Matratzen gibt es dazu anders als bei Plastik derzeit keine Alternative. Es ist in jedem Fall besser, als Matratzen nicht zu recyceln.“ Noch gebe es die Anlagen hierzulande dafür nicht, aber zum Beispiel schon in den Niederlanden.
Deutschland hinke hinterher, sagt Enterlein. So hätten die Niederlande, aber auch Belgien und Frankreich die Matratzenhersteller bereits verpflichtet, sich um die Rücknahme und das Recycling ihrer Waren zu kümmern. Die Bundesregierung müsse da ebenfalls ran, auch um Planungssicherheit für nötige Investitionen zu gewährleisten.
Matratzen sollen mit Blick auf Recycling hergestellt werden
Enterlein will, dass die Hersteller sich um ein Sammelsystem kümmern und ihre Matratzen zudem so designen müssen, dass sie leicht zu recyceln sind. Sie hat Wieland und den Fachverband Matratzenindustrie an ihrer Seite, ebenso Ikea, einen der Marktführer bei Matratzen. In den Niederlanden hat der Möbelkonzern schon in die Recyclinginfrastruktur investiert.
„Es braucht viel Energie und Ressourcen, eine Matratze zu produzieren und zu transportieren“, sagt Walter Kadnar, der Ikea Deutschland leitet, „wir möchten, dass mit uns alle weiteren Hersteller, Einzelhändler und Importeure für die Finanzierung der Organisation, der Sammlung und des Recyclings von Altmatratzen verantwortlich sind.“
Werden Matratzen dann teurer? Ikea erklärt: „Das ist derzeit nicht geplant.“
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