VonMoritz Maierschließen
KI und Roboter werden Millionen Jobs ersetzen, nicht nur in Fabriken, besonders in Büros. Wieso das aber kein Horrorszenario sein muss.
Berlin – Zwar wird bereits seit Langem über das Potenzial von Künstlicher Intelligenz (KI), Robotern und Automatisierung gesprochen, der Einfluss neuer Technik am Arbeitsmarkt hält sich aber noch in Grenzen. Das dürfte sich nun schnell ändern. Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) spricht von einer sich anbahnenden KI-Revolution. Dass KI nicht nur automatische Fließbänder bedeutet, weiß Thomas Rohrbach, Experte für digitale Transformation. Er prophezeit, dass besonders Bürojobs im Mittelstand von Robotern ersetzt werden.
Automatisierung und Probleme der deutschen Wirtschaft
Die deutsche Wirtschaft strauchelt. Die Konjunktur will nicht so recht anlaufen, es fehlen Azubis und Fachkräfte. Außerdem beklagen viele Expertinnen und Experten Innovationsstau sowie fehlende Digitalisierung bei deutschen Unternehmen. In dieser schwierigen Gemengelage wird Automatisierung nun zu grundlegenden Veränderungen führen, sagt Transformationsexperte Rohrbach, der mit seinem Unternehmen Neonex Unternehmen berät. „Das ist keine Entwicklung, die seit gestern erst bekannt ist. Das Problem ist, dass viele deutsche Unternehmen die Wichtigkeit der Automatisierung zu spät erkannt haben und jetzt ein wenig überrannt werden.“
Automatisierung betrifft zum einen Jobs in Fabriken. Durch technische Neuerungen und fallende Preise lohnen sich Roboter immer mehr. „In Japan gibt es solche Beispiele schon. Dort bauen Roboter sich selbst und in der Fabrik arbeitet quasi kein Mensch drin“, sagt Rohrbach, der auf das Ausland als technischen Vorreiter verweist. Dabei bleibt es laut Rohrbach aber nicht. „Automatisierung und Robotik wird nicht nur Jobs in den Fabriken betreffen. Es geht dabei auch um Hunderttausende von Büro-Angestellte aus der Mittelschicht, die beispielsweise Informationen von einem System ins andere übertragen, daraus Reportings erstellen oder etwas berechnen und zwischen Schnittstellen arbeiten.“
Bank- und Versicherungsangestellte werden obsolet
„Das sind klassische Angestellte aus Banken oder Versicherungen. Dort, im klassischen Mittelstand, wird die Automatisierung wie eine Bombe einschlagen“, sagt der Digitalisierungsexperte. „Dort wird es künftig entweder bessere IT-Systeme geben, die die Schnittstellen obsolet machen oder es kommen Softwareroboter zum Einsatz, die dann den klassischen Bürojob erledigen.“ Diese Systeme erleben Rohrbach zufolge gerade einen enormen Preisfall, sodass der klassische Mittelstandsbetrieb bald auf Softwareroboter statt Büroangestellte setzen kann.
Mit dieser Einschätzung ist Rohrbach nicht allein. Die OECD geht in ihrem aktuellen Arbeitsmarktbericht davon aus, dass KI besonders bei geringer qualifizierten und jüngeren Arbeitskräften zu riesigen Automatisierungswellen führen wird. „In Deutschland entspricht der Anteil der Tätigkeiten mit dem höchsten Automatisierungsrisiko 28,7 Prozent der Beschäftigung“, heißt es im Bericht.
Automatisierung als Glücksfall?
Dass etliche Jobs der Automatisierung zum Opfer fallen werden, ist also kein fernes Zukunftsszenario mehr. Dafür sprechen zum einen die sinkenden Preise für die Technik und andererseits das sich verstärkende Problem der fehlenden Angestellten. Laut Rohrbach ist das deshalb keineswegs ein Horrorszenario. „Das Thema Automatisierung wird besonders mit Blick auf den Fachkräftemangel wichtig“, sagt der Experte. „Und das ist auch nichts Schlechtes, weil die Arbeitskräfte anderswo gebraucht werden.“
Tatsächlich werden laut Arbeits- und Sozialministerium zusätzlich zum bereits bestehenden Fachkräftemangel bis 2030 etwa sieben Millionen weitere Arbeitskräfte durch die in Rente gehende Babyboomer-Generation wegfallen. Für Unternehmen und den deutschen Wohlstand kann die Automatisierung also eine Chance sein. Da KI und Roboter besonders weniger anspruchsvolle Aufgaben übernehmen, müssen Unternehmen schon jetzt auf Fortbildungen ihrer Angestellten setzen. Laut einer OECD-Umfrage beschäftigen sich deshalb bereits 71 Prozent der Unternehmen in der Herstellung und 64 Prozent der Finanzunternehmen damit, ihre Angestellten weiterzubilden.
„Entwicklungen lassen sich nicht mehr aufhalten“
Auch für Transformationsexperte Rohrbach ist die Automatisierung mehr Gelegenheit als Bedrohung. „Das Ziel ist nicht die menschenleere Fabrik, weil der Mensch für die Wertschöpfung nach wie vor elementar ist.“ Stattdessen müssen die weniger werdenden Angestellten in Deutschland hoch qualifizierte Arbeiten verrichten, für die sie auch entsprechend bezahlt werden.
Rohrbach verweist als Beispiel auf die Bahn und den kürzlich beigelegten Tarifstreit mit Klaus Weselskys GDL, die deutlich attraktivere Gehälter forderte. „Dann muss man als Unternehmen schauen, dass man an anderer Stelle durch Automatisierung einsparen kann, um den hoch qualifizierten Kräften dann auch ein entsprechendes Gehalt zu bezahlen.“ Für den Experten ist die Automatisierung aufgrund des wirtschaftlichen Drucks alternativlos. „Am Ende lassen sich solche Entwicklungen auch nicht aufhalten.“
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