„Mehr Tagtraum als Realität“

Zukunftstechnologie stößt an Grenzen – Auto-Antrieb kurz vor dem Scheitern?

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Grüner Wasserstoff gilt als Technologie der Zukunft. Jedoch tauchen Hindernisse bei der Nutzung auf. Für die Kfz-Branche kündigt sich bereits der Abgesang an.

Köln – Die Mobilitätswende muss wohl weitgehend ohne Wasserstoff in Gang kommen. Davon ist Ferdinand Dudenhöffer überzeugt. Im ntv-Interview betont der Wirtschaftswissenschaftler: „Im Fall eines technologischen Durchbruchs würde grüner Wasserstoff sicherlich in vielen Bereichen Anwendung finden, aber nicht im Mobilitätsbereich. Die Strategie für den Pkw ist das batterieelektrische Auto. Wasserstoff ist mehr Tagtraum als Realität.“

So seien Wasserstoff- oder Brennstoffzellenautos den batteriebetriebenen Fahrzeugen in vielerlei Hinsicht unterlegen: „In technischer Hinsicht, in der Umweltbilanz, Energieeffizienz, bei den Kosten und der Infrastruktur.“ Dudenhöffer sieht Wasserstoff ebenso wie SynFuels zwar als Option „für Schiffe, Flugzeuge und bei der Stahlproduktion“, jedoch eben nicht für Pkws oder Lkws.

Wasserstoff als Auto-Antrieb: Dudenhöffer zweifelt nach Entscheidung bei Daimler

Zudem nennt er ein weiteres Problem: „Wir wissen bisher nicht einmal, wo der ganze Wasserstoff herkommen soll. Also die Forderung nach Technologie-Offenheit bei Autoantrieben ist mehr Wunschdenken als ein tragfähiges Konstrukt.“

Sieht Wasserstoff für den Fahrzeug-Antrieb her als „Tagtraum“: Der Wirtschaftswissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer ordnet die Entwicklung bei den Autobauern ein.

Als Rückschlag für die Wasserstoffmobilität sei der Plan von Daimler Truck anzusehen, den Startschuss für die Fertigung wasserbetriebener Lkws von 2027 auf 2030 zu verschieben. Damit werde das Projekt quasi ad acta gelegt.

„Zusammen mit dem Aus für Wasserstoffantriebe bei Stellantis am Opel-Standort in Rüsselsheim dürfte es das Ende der Brennstoffzelle im Pkw in Europa einläuten“, schlussfolgert der Gründer des privatwirtschaftlichen Forschungsinstituts CAR – Center Automotive Research. Nun werde wohl auch bei BMW diskutiert werden, „ob sich das Hobby noch lohnt“.

Europas „Green Deal“ wackelt: „Wasserstoff-Wirtschaft scheitert an nicht eingehaltenen Versprechen“

Eine Mitverantwortung für die jüngste Entwicklung gibt Dudenhöffer auch der Politik. Denn die Idee, Co2-freie Kraftstoffe durch hohe Steuern auf fossile Kraftstoffe attraktiver zu machen, gehe nicht mehr auf, „weil die Amerikaner sich nicht mehr für eine Co2-freie oder -neutrale Welt interessieren. ‚Drill, Baby, Drill‘ lautet jetzt das Motto.“

In Europa gebe es für den einst propagierten „Green Deal“ zudem immer mehr Gegenwind. „Nicht nur einzelne Länder wie Ungarn sind inzwischen dagegen, auch in Brüssel hat sich die Meinung geändert. Brennstoffzellenfahrzeuge und die Wasserstoff-Wirtschaft scheitern also auch an den nicht eingehaltenen Politikerversprechen“, fasst der 74-Jährige zusammen.

Warum Wasserstoff-Autos den besseren Antrieb bieten

Umweltfreundlichkeit: Wasserstoff-Autos sind umweltfreundlicher als Autos mit Verbrennungsmotoren, da sie nur Wasserdampf als Abgas produzieren. Wasserstoff kann auch aus erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind erzeugt werden, was zu einer vollständigen Dekarbonisierung des Verkehrssektors beitragen kann.
Umweltfreundlichkeit: Wasserstoff-Autos sind umweltfreundlicher als Autos mit Verbrennungsmotoren, da sie nur Wasserdampf als Abgas produzieren. Wasserstoff kann auch aus erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind erzeugt werden, was zu einer vollständigen Dekarbonisierung des Verkehrssektors beitragen kann. © IMAGO/Tyler Olson.
Schnelles Betanken: Das Betanken eines Wasserstoff-Autos dauert nur wenige Minuten, im Gegensatz zu Elektroautos, bei denen das Aufladen Stunden dauern kann.
Schnelles Betanken: Das Betanken eines Wasserstoff-Autos dauert nur wenige Minuten, im Gegensatz zu Elektroautos, bei denen das Aufladen Stunden dauern kann. © IMAGO/Hans Martin Issler
Reichweite: Wasserstoff-Autos haben eine größere Reichweite als Elektroautos und können mehrere hundert Kilometer mit einer Tankfüllung zurücklegen.
Reichweite: Wasserstoff-Autos haben eine größere Reichweite als Elektroautos und können mehrere hundert Kilometer mit einer Tankfüllung zurücklegen. © IMAGO/Jochen Tack
Leistung: Wasserstoff-Autos bieten eine vergleichbare Leistung wie herkömmliche Autos mit Verbrennungsmotor und sind in der Lage, hohe Geschwindigkeiten zu erreichen.
Leistung: Wasserstoff-Autos bieten eine vergleichbare Leistung wie herkömmliche Autos mit Verbrennungsmotor und sind in der Lage, hohe Geschwindigkeiten zu erreichen. © IMAGO
Keine CO2-Emissionen: Im Gegensatz zu herkömmlichen Autos mit Verbrennungsmotoren stoßen Wasserstoff-Autos keine Kohlendioxid-Emissionen aus.
Keine CO₂-Emissionen: Im Gegensatz zu herkömmlichen Autos mit Verbrennungsmotoren stoßen Wasserstoff-Autos keine Kohlendioxid-Emissionen aus. © IMAGO/Kabir Jhangiani
Keine Geräuschemissionen: Wasserstoff-Autos sind leiser als Autos mit Verbrennungsmotoren und tragen somit zur Reduzierung des Lärms in der Umgebung bei.
Keine Geräuschemissionen: Wasserstoff-Autos sind leiser als Autos mit Verbrennungsmotoren und tragen somit zur Reduzierung des Lärms in der Umgebung bei. © IMAGO/Michael Gstettenbauer
Weniger Wartung: Wasserstoff-Autos haben weniger Verschleißteile als Autos mit Verbrennungsmotoren und erfordern somit weniger Wartung.
Weniger Wartung: Wasserstoff-Autos haben weniger Verschleißteile als Autos mit Verbrennungsmotoren und erfordern somit weniger Wartung. © IMAGO
Verfügbarkeit: Wasserstoff ist das häufigste Element im Universum und kann aus verschiedenen Quellen wie Erdgas, Biomasse und Wasser erzeugt werden.
Verfügbarkeit: Wasserstoff ist das häufigste Element im Universum und kann aus verschiedenen Quellen wie Erdgas, Biomasse und Wasser erzeugt werden. © IMAGO/Ulrich Stamm
Sicherheit: Wasserstoff ist sicherer als Benzin und Diesel, da es leichter als Luft ist und bei einer Leckage schnell verfliegt.
Sicherheit: Wasserstoff ist sicherer als Benzin und Diesel, da es leichter als Luft ist und bei einer Leckage schnell verfliegt. © IMAGO/Christoph Hardt
Technologischer Fortschritt: Die Entwicklung von Wasserstoff-Autos trägt zur weiteren Verbesserung der Technologie bei und fördert die Innovation in der Automobilbranche.
Technologischer Fortschritt: Die Entwicklung von Wasserstoff-Autos trägt zur weiteren Verbesserung der Technologie bei und fördert die Innovation in der Automobilbranche. © IMAGO/Wladimir Bulgar

EU und ihre Wasserstoff-Projekte: Wird bis 2030 nicht mal ein Fünftel realisiert?

Aber nicht nur bei der Mobilität wird Wasserstoff als Technologie der Zukunft ausgebremst. Die Westwood Global Energy Group, ein Energiemarktforschungs- und Beratungsunternehmen, stellte bereits im April fest, dass Europa seine Ziele in der Wasserstoff-Produktion für das Jahr 2030 „trotz Ambitionen und umfangreicher Finanzierungszusagen“ deutlich verfehlen wird. Ohne weitere Marktinterventionen werden wohl nur 17 Prozent der geplanten EU-Projekte bis dahin realisiert.

In einem durchgespielten Best-Case-Szenario könnten 70 Prozent der aktuellen EU-Pipeline realisiert werden, „wenn die geplanten Rahmenbedingungen effektiv entwickelt und umgesetzt werden“. Dann wären die Produktionsziele der EU bis 2030 erreichbar, was unterstreiche, wie wichtig effektive Fortschritte sind.

Allerdings stellte Jun Sasamura, Wasserstoff-Manager bei Westwood, fest: „Die Kluft zwischen Anspruch und Realität im europäischen Wasserstoffsektor vergrößert sich.“ Eine schlechte Figur mache dabei vor allem Großbritannien, hier sei eine stärkere Koordinierung und ein klarerer, nachfrageorientierter Ansatz nötig.

Hier kann Wasserstoff getankt werden: Die Infrastruktur für die klimafreundliche Technologie lässt aber in Europa noch zu wünschen übrig.

Wasserstoff als Technologie der Zukunft: Unternehmer und Experten zweifeln

Von der internationalen Nachrichtenagentur Reuters gesammelte Stimmen aus den Unternehmen verdeutlichen die schlechten Zukunftsaussichten in Europa. So sagt Miguel Stilwell d’Andrade, Chef des portugiesischen Energiekonzerns EDP: „Was fehlt, ist die Nachfrage. In Spanien und Portugal gibt es Subventionen von 400 Millionen Euro für Wasserstoff. Aber wir brauchen jemanden, der den Wasserstoff auch kauft.“ Er spricht von einer überzogenen Erwartung, „die sich in ein Tal der Enttäuschungen verwandelt hat“.

Roman Diederichs, Geschäftsführer der Schmiede Dirostahl im Bergischen Land, zufolge kostet grüner Wasserstoff nicht weniger als 150 Euro je Megawattstunde (MWh), Erdgas gibt es demnach für 30 bis 35 Euro. „Man will es vielleicht nicht wirtschaftlichen Selbstmord nennen, aber in der Praxis wäre es genau das“, wird er deutlich.

Grüner Wasserstoff als Energiequelle

In einem als Elektrolyse bekannten Verfahren wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Der dazu benötigte Strom wird bei grünem Wasserstoff klimaneutral aus erneuerbaren Energien produziert.

Mit dem so gewonnenen grünen Wasserstoff kann durch die Zugabe von Kohlenstoff (beispielsweise Kohlenstoffdioxid, CO₂) unter anderem ein klimaneutrales Brenngas (Power-to-Gas) oder ein synthetischer flüssiger Kraftstoff (Power-to-Liquid) produziert werden. Diese sogenannte Power-to-X-Technologie (PtX) gilt als wichtiger Baustein für ein Energiesystem, das vollständig auf erneuerbaren Energiequellen basiert.

Quelle: Wirtschaftsministerium

Auf das Problem der fehlenden Infrastruktur verweist Arturo Gonzalo. Laut dem Chef des spanischen Gasnetzbetreibers Enagas hofft Spanien auf ein betriebsbereites Netz bis etwa 2030, für die europäische Infrastruktur müsse aber mit Verzögerungen von zwei bis drei Jahren gerechnet werden. „Infrastruktur entsteht nicht erst, wenn der Markt bereits läuft. Sie muss entstehen, damit der Markt überhaupt erst ins Laufen kommt“, betont er.

Dudenhöffer befürchtet in dem bereits erwähnten Interview, dass auch in der Stahlindustrie eine Entwicklung zuungunsten des grünen Wasserstoffs losgetreten wird. „Fördergelder und Politikerwünsche helfen da nicht“, moniert er: „Und wer soll den teuren Stahl kaufen in einer Welt, in der Donald Trump kaum Verständnis für grünen Stahl haben dürfte? Verbindliche Abnehmergarantien für grünen Stahl scheinen ebenso zu fehlen.“ (mg)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Arnulf Hettrich, IMAGO / Funke Foto Services

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