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Banktransaktionen, Navigation, Wetter: All das funktioniert nur mit Satelliten. Doch die wichtige Infrastruktur im Erdorbit scheint in Gefahr zu sein.
Berlin – Als die damalige Sowjetunion im Oktober 1957 erstmals einen Satelliten in den Erdorbit schickte, war die Anspannung im Westen gewaltig: Plötzlich kreiste ein sowjetisches Gerät über den eigenen Köpfen – und man wusste nicht, was das Land im Kalten Krieg damit alles anstellen konnte. Der Sputnik-Schock ist längst vorbei und mittlerweile kreisen viele tausend Satelliten um die Erde. Was sie dort oben machen, wird von den meisten Menschen täglich genutzt, an eine Gefahr denkt niemand mehr.
Dabei scheint die jetzt wiederzukommen – wenn auch anders, als man es im Kalten Krieg befürchtete. In einer Rede vor dem BDI-Weltraumkongress warnte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD): „Unsere Abhängigkeit vom Weltraum wächst jeden Tag“. Gleichzeitig hätten Russland und China in den letzten Jahren ihre Fähigkeiten zur Kriegsführung im Weltall „rasant ausgebaut“. Der Verteidigungsminister zählte auf: „Sie können Satelliten stören, blenden, manipulieren oder kinetisch zerstören.“
Knapp 13.000 Satelliten umkreisen die Erde – manche von ihnen könnten spionieren oder mehr
Laut einer Datenbank, die der Astrophysiker und Satelliten-Beobachter Jonathan McDowell führt, befinden sich derzeit knapp 13.000 aktive Satelliten im Erdorbit. Mehr als 8.000 davon gehören zur „Starlink“-Konstellation von SpaceX. Doch unter den anderen Satelliten befinden sich auch zahlreiche militärische Satelliten und Satelliten, bei denen nicht bekannt ist, was ihre Aufgabe ist.
Zwei russische Luch-Olymp-Aufklärungssatelliten würden derzeit zwei IntelSat-Satelliten verfolgen, die auch die Bundeswehr mitnutzt, beschwerte sich Pistorius in seinem Vortrag. Tatsächlich sind diese „Inspektor-Satelliten“ bekannt dafür, dass sie sich in die Nähe westlicher Satelliten bewegen, um unter anderem herauszufinden, welche Funktion diese haben, schreiben Rod Thornton und Marina Miron vom Freeman Air & Space Institute des King‘s College London in einer Studie über die russischen militärischen Fähigkeiten im Weltall.
Satellitenaufnahmen der Welt zeigen kleinste Details der Erde aus Weltraumsicht




Russische Satelliten spionieren offenbar andere Satelliten im Erdorbit aus
Analysten des Center for Strategic and International Studies (CSIS) schrieben im vergangenen Jahr, dass die Luch-Olymp-Satelliten möglicherweise auch ein Einsatzkonzept für zukünftige Angriffe aus dem Orbit validieren, „oder, wie einige spekulieren, möglicherweise eine Nutzlast für elektronische Angriffe in Form von Satellitenstörern transportieren“.
Ein Luch-Olymp-Satellit sorgte beispielsweise 2024 für Aufsehen, als er sich einem Satelliten im geosynchronen Orbit auf bis zu zehn Kilometer näherte. Der damalige amerikanische UNO-Botschafter Robert Wood beklagte beim UN-Sicherheitsrat, dass Russland einen Satelliten in den Erdorbit geschossen habe, von dem die USA ausgingen, dass es sich „wahrscheinlich um eine Waffe im Weltall“ handele, die „vermutlich in der Lage ist, andere Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn anzugreifen“. Schon zuvor hätten die Russen solche Satelliten ins Weltall geschossen.
In dem Bericht „Space Threat Assessment 2025“ schreiben CSIS-Analysten, dass Luch-Olymp-Satelliten sich in der Nähe von Kommunikations- und Rundfunksatelliten aufgehalten hätten, die unter anderem Afrika, Europa, den Mittleren Osten und Südamerika versorgen. Luch-Olymp-2 sei im Juli 2024 bis auf fünf Kilometer an einen Satelliten herangeflogen, im Januar 2025 habe er sich einem anderen Satelliten auf unter einen Kilometer genähert. „Da es sich vermutlich um einen Satelliten zur Signalsammlung handelt, ist es nicht verwunderlich, dass Luch-Olymp-2 in der Nähe von Satelliten kreiste, die Daten- und Rundfunkdienste über Europa bereitstellen“, heißt es in dem Bericht.
Jeder Mensch nutzt täglich Dienste aus der Raumfahrt – und will sie nicht missen
Die Raumfahrt erscheint vielen weit weg und abstrakt – doch tatsächlich nutzt jeder Mensch tagtäglich Dienste, die ohne Raumfahrt nicht funktionieren würden. Pistorius nennt in seiner Rede unter anderem die naheliegende Satellitennavigation, doch auch in anderen Bereichen sind Satelliten heute nicht mehr wegzudenken.
Beispielsweise nutzen Banken Satelliten, um Transaktionen zu synchronisieren, Kommunikation läuft über Satelliten, genau wie die Wettervorhersage oder Fernsehsender auf Satelliten aufbauen. Und nicht zu vergessen sind die Satelliten, die die Erde beobachten, um beispielsweise den Klimawandel zu erforschen oder aber auch feindliche Stellungen in einem Krieg aus der Luft zu erkennen.
Auch von der Erde aus können Satelliten angegriffen werden
Doch die Satelliten sind nicht nur im Erdorbit anfällig – auch von der Erde aus können Satelliten gestört oder gar zerstört werden. „Zusätzlich zu seinen Gegenmaßnahmen im Weltraum betreibt Russland auch Stör- und Manipulationsmaßnahmen von GPS-Signalen auf der Erde“, heißt es im „Space Threat Assessment 2025“. Dieses sogenannte „Jamming“ kommt beispielsweise im russischen Krieg gegen die Ukraine öfter zum Einsatz.
Betroffen sind davon nicht nur Navigations-Satelliten, sondern auch Satelliten zur Kommunikation oder Erdbeobachtung. Seit 2024 hätten sich die russischen Bemühungen zur Störung und Manipulation von GPS-Signalen auf viele andere Regionen ausgeweitet, heißt es in dem Bericht.
Es gibt auch Cyberangriffe oder Anti-Satelliten-Waffen
Das Stören von Satelliten-Signalen ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, von der Erde aus auf Satelliten im Erdorbit Einfluss zu nehmen. Das ist beispielsweise auch durch Cyberangriffe möglich oder durch sogenannte Anti-Satelliten-Waffen (ASAT), die von der Erde aus gestartet werden, um gezielt einen Satelliten im Erdorbit zu zerstören. Der Test einer russischen im Anti-Satelliten-Waffe im November 2021 sorgte im Erdorbit für zahlreiche Trümmer, die teils heute noch die Raumfahrt behindern. Auch China hat einen solchen Test bereits durchgeführt und hat ebenfalls Spionage-Satelliten im Einsatz.
Der „Space Threat Assessment“-Bericht fasst den Stand der Bedrohung im Weltall so zusammen: „China und Russland sowie in geringerem Maße auch der Iran und Nordkorea arbeiten aktiv daran, neue Technologien und Einsatzkonzepte im Weltraum zu testen, die eindeutig für die Entwicklung von Weltraumwaffen geeignet und nutzbar sind.“ Gleichzeitig habe sich die Störung und Manipulation von GPS-Signalen verbreitet und auch „Cyberangriffe gegen Weltraumsysteme finden weiterhin statt“.
Deutschland will mehr Geld für Weltraumprojekte bereitstellen
Die Reaktion Deutschlands auf diese Entwicklung: Die Bundesregierung will in den kommenden fünf Jahren 35 Milliarden Euro für Weltraumprojekte und eine Sicherheitsarchitektur im Weltall bereitstellen. Ziel sei eine belastbare Struktur aus Satellitenkonstellationen, Bodenstationen, gesicherten Startfähigkeiten ins All und den nötigen Services.
„Wir härten unsere Systeme gegen Störungen und Angriffe. Das schließt ganz ausdrücklich die Cybersicherheit für alle Weltraumsysteme ein“, so Pistorius, der auch über Offensivfähigkeiten im Weltall sprechen will. „Auch im Weltraum müssen wir abschrecken können, um verteidigungsfähig zu sein“, sagte der Verteidigungsminister. (Quellen: Freeman Air & Space Institute, Datenbank von J. McDowell, Verteidigungsministerium, Center for Strategic and International Studies, dpa, eigene Recherche) (tab)
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