Überschwemmungen in Italien enträtselt: Forscher belegen, wie Berge zur tödlichen Flutfalle werden
VonJulian Mayr
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Die Emilia-Romagna wurde 2023 und 2024 von heftigen Überschwemmungen heimgesucht. Experten enthüllen den Grund. Auch andere Mittelmeergebiete sind bedroht.
Bologna – Die Bilder gingen um die Welt: Überflutete Straßen, weggerissene Autos, verzweifelte Menschen auf Hausdächern und Vermisste. Im Mai 2023 suchten schwere Unwetter die italienische Region Emilia-Romagna heim. Sie verursachten nicht nur Schäden in Milliardenhöhe, sondern forderten auch 17 Todesopfer. Tausende Menschen mussten ihre Behausungen verlassen.
2023 wurde die italienische Region Emilia-Romagna von einem verheerenden Hochwasser heimgesucht. Nun beschreiben Forscher unter der Leitung von Enrico Scoccimarro erstmals, was die Ursache für tagelange Regenfälle gewesen sein könnte. (Collage)
Auf eine der verheerendsten Fluten seit langem in der Region folgte nicht einmal anderthalb Jahre später das nächste Hochwasser. Erneut standen 2024 tausende Menschen in der Emilia-Romagna und anderen Teilen des Landes vor dem Ruin. Viele Betroffene stellten sich unweigerlich die Frage, wie es sein kann, dass ein Gebiet binnen kurzer Zeit von mehreren solchen rekordverdächtigen Unwetter-Ereignissen heimgesucht werden könne. Italienische Klimaforscher könnten nun eine Antwort darauf gefunden haben.
Wenn Berge den Regen einfangen: Forscher ergründen Ursache für verheerende Unwetter in Italien
In einer neuen Studie im Nature-Fachmagazin Scientific Reports beschreiben Wissenschaftler des Euro-Mediterranean Center on Climate Change (CMCC) einen „Cul-de-Sac-Effekt“ – eine meteorologische Sackgasse, die das Wettergeschehen zur Katastrophe werden ließ. „Das Ereignis in der Emilia-Romagna war nämlich kein extremes Regenereignis von wenigen Stunden, sondern ein mittelstarker Regen, der sich über drei Tage erstreckte“, erklärt Studienleiter Enrico Scoccimarro gegenüber dem Münchner Merkur von Ippen.Media.
Statistisch sollte ein solches Extremereignis nur alle 500 Jahre auftreten. Doch bereits im September 2024 wiederholte sich das Szenario in derselben Region – mit ähnlichen Wettermustern und erneut schweren Schäden. Drei Akteure haben dem CMCC-Experten zufolge zu den schweren Unwettern beigetragen:
„Ein stationäres Tiefdruckgebiet an einer bestimmten Position (in diesem speziellen Fall über Mittelitalien), das konstante Winde erzeugt, die lange Zeit über die Meeresoberfläche wehen (speziell Scirocco-Winde über der Adria).“
„Das Meer, das von diesen konstanten Winden überströmt wird und die darüber liegende Luftsäule mit Wasser auflädt, das dann in die gleiche Richtung wie die Winde transportiert wird (in diesem Fall in Richtung Emilia-Romagna).“
„Die Berge (in diesem Fall Alpen und Apennin), die dazu führen, dass der oben erwähnte, mit Wasser beladene Luftstrom, der in diesem Fall aus Südosten kommt, über der Region Emilia-Romagna eingeschlossen wird und eine Konvergenz erzeugt.“
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Das Zusammenspiel feuchter Luftmassen, die von der Adria aus Richtung Landesinnere zogen und dabei vom Gebirgsmassiv der Apenninen blockiert wurden, sorgten somit für die fatale Mischung. Die Berge blockierten letztendlich die Feuchtigkeit wie eine natürliche Barriere und zwangen sie zum Abregnen über dem Gebiet. Ohne das Gebirge würde die feuchte Luft laut Scoccimarro schlicht weiterziehen.
Wissenschaftler warnen: Anderen Mittelmeerregionen drohen ähnliche Effekte
Der Fachmann nennt weitere Faktoren, die die verheerenden Überschwemmungen in der Region begünstigt haben, darunter den durch die Adria-Winde dynamische angestiegenen Meeresspiegel an Flussmündungen oder auch ein bereits durch vorherige Regenfälle gesättigter Boden. Wichtig sei den Forschern jedoch festzuhalten, dass die Unwetter in der Emilia-Romagna zwar beispiellos waren, jedoch auch andere Gebiete durch die beschriebenen Effekte gefährdet sind.
Prinzipiell könne die gesamte Poebene in Norditalien durch ihre territoriale Lage vor den Alpen von ähnlichen Wetterlagen betroffen sein. Erst Ende September kam es in Teilen der Lombardei, Venetiens oder des Piemonts zu heftigen Unwettern. Der CMCC-Experte nennt zudem die Küste Albaniens, zwei südfranzösische Regionen (Okzitanien und die Provence) sowie Valencia und Katalonien auf der iberischen Halbinsel als potenzielle Entstehungsgebiete für derartige Unwetter-Ereignisse.
„Unsere Analyse zeigt, dass die Art langlebiger Tiefdruckgebiete, die 2023 und 2024 die Fluten in Emilia-Romagna verursachte, nicht einzigartig für diese Region ist“, erklärt Scoccimarro. „Andere mediterrane Gebiete mit ähnlicher Geografie könnten den gleichen Risiken ausgesetzt sein – und diese Ereignisse könnten mit dem fortschreitenden Klimawandel häufiger werden.“
Bodenverbrauch in Italien-Region befeuert Hochwassergefahr
Angesichts ernüchternder Ergebnisse Hinblick auf den Kampf gegen die Klimaerwärmung scheinen Schutz- und Anpassungsmaßnahmen für die Menschen in Risikogebieten unausweichlich. Dafür müssten in erster Linie „frühere Fehler“ in der Raumplanung behoben werden, die laut Scoccimarro „bei der Urbanisierung in der Region gemacht wurden: Ein Teil der überfluteten Gebiete befindet sich auf dem alten Flussbett und ist Opfer der vom Menschen verursachten Überflutung geworden.“
Generell war die Emilia-Romagna laut Daten der des italienischen Instituts für Umweltschutz- und Forschung (ISPRA) Spitzenreiterin unter den italienischen Regionen, was den Bodenverbrauch in den letzten Jahren anbelangte. Ein menschengemachter Faktor, der die Entstehung von verheerenden Hochwassern mit begünstigen kann.
Die Forscher erhoffen sich durch ihre Arbeit jedoch Fortschritte im Bereich der Vorhersage derartiger Extremwetter-Katastrophen. Die Studie sei laut dem leitenden Autor nur ein erster Schritt auf dem Weg „zur Entwicklung von Frühwarnsystemen für Hochwasserereignisse auf saisonaler Zeitskala am CMCC“. (Quelle: Studie Scientific Reports, ISPRA, Pressemeldung CMCC, eigene Recherche) (jm)