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Alexander Haagschließen
Die CDU-Bundestagskandidatin Dr. Inge Gräßle spricht über eine Rückkehr an die Regierung, die Konsequenzen und darüber, wie sie mit Social Media umgeht.
Schwäbisch Gmünd. Nein, Angst habe sie nicht. Aber großen Respekt vor dem, was kommt. Die Bundestagskandidatin Dr. Inge Gräße will mit der CDU am 23. Februar zurück an die Regierung. Dabei weiß die 63-Jährige ganz genau, dass ihre Partei liefern muss. „Wir haben nur noch eine Patrone“, sagt Gräßle.
Frau Gräßle, hat sich Ihr Alltag durch die Vorverlegung der Bundestagswahl verändert?
Inge Gräßle: Ich habe vielleicht ein Drittel mehr Termine als sonst, weshalb ich nun bis zum Wahltag keinen einzigen Abend mehr frei habe. Und: Ich habe eine Wette verloren.
Um was ging‘s dabei?
Gräßle: In der Woche, als die Ampel auseinandergebrochen ist, habe ich um eine Flasche Sekt gewettet, dass das nicht passiert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man aus Angst vor dem Tod Selbstmord begeht ...
Nach der Prognose dürften Sie künftig Abgeordnete der Kanzler-Partei sein.
Gräßle: Es ist nichts entschieden. Deshalb: Wählen gehen und so wählen, dass wir eine stabile Regierung bilden und wirklich einen Politikwechsel erreichen können. Die AfD liegt in Umfragen immer niedriger als tatsächlich. Es darf nicht so kommen wie in Frankreich und Österreich, dass extreme Parteien bürgerliche Mehrheiten verhindern.
Wie bewerten Sie das, was die AfD vorhat?
Gräßle: Das AfD-Programm passt nicht zur Union. Die Brandmauer steht. Und die muss auch stehen bleiben, solange die AfD so verfasst ist. Solange sie raus aus der EU, raus aus dem Euro, raus aus der Nato will. Solange sie diesen Remigrationskurs, der völlig verfassungswidrig ist, einschlägt. Das ganze Programm beruht auf Rechtsbruch – international und national. Solange das so ist, gibt es keine Gemeinsamkeit.
Trotzdem erreicht die AfD viele Menschen.
Gräßle: Ich kann nur davor warnen, zu glauben, dass Protest die Lösung ist. Im übrigen: Die neue amerikanische Regierung will ein schwaches Deutschland, ein schwaches Europa. Der Weg zu einer schwachen Regierung führt über die AfD. Ich bin bestürzt, dass viele Wähler und Wählerinnen das nicht sehen.
Spüren sie das im Alltag?
Gräßle: Ja, die Debatten gibt es, dass wir mit der AfD zusammenarbeiten sollen. Das wird sicher nicht passieren, weil es nicht zusammen geht.
In Schwäbisch Gmünd steht das Thema Arbeitsplätze weit oben – durch den geplanten Stellenabbau bei Bosch. Durch die ungewisse Zukunft von Aspen.
Gräßle: Wir müssen für den nächsten Finanzrahmen der EU die Zuschussbedingungen verändern. Baden-Württemberg muss wirtschaftliches Fördergebiet werden. Erst dann haben wir die Möglichkeit, mit EU-Geldern etwas in Aspen zu machen. Das dürfen momentan nur zwei Bundesländer nicht: neben Baden-Württemberg noch Hamburg.
Befürchten Sie, dass Bosch den Standort Gmünd irgendwann ganz aufgibt?
Gräßle: Die Frage darf sich nicht stellen. Ich kann nur davor warnen, dass man mit künftig schlechten Nachrichten die aktuell schlechten Nachrichten toppt. Wir müssen alles für den Erhalt des Standorts tun – und zwar jetzt!
Kehrt die CDU an die Regierung zurück, steht sie gewaltig unter Druck. Haben Sie auch Angst?
Gräßle: Ich habe keine Angst vor dem, was kommt. Aber ich habe gehörigen Respekt. Weil mir klar ist, dass wir eine große Verantwortung haben, wenn wir tatsächlich die Regierung bilden – und dass wir den Politikwechsel wuppen müssen. Dass wir liefern müssen. Und wir wissen, dass wir nur eine Patrone haben. Wir haben einen Schuss frei. Jetzt gilt es, es geht um die Demokratie, um unseren Staat, um unsere Freiheit, um unseren Wohlstand.
Blicken Sie mit Sorge nach Österreich, wo die extrem rechte FPÖ vielleicht bald regiert?
Gräßle: Ich finde es haarsträubend, dass sich die demokratischen Parteien jenseits der FPÖ nicht zusammengerauft haben. Das ist verantwortungslos hoch zehn.
Social Media spielt bei der jungen Generation die große Rolle. Markus Söder ist in der Union der Trendsetter. Was machen Sie?
Gräßle: Ich treibe eine Instagram- und Facebook-Kanal um, mache ein bisschen was auf X und Linkedin. Ich will nicht Teil eines Politikbetriebs sein, der vor allem Nabelschau betreibt und sich an seiner eigenen Aufgeregtheit berauscht. Wo es darum geht, der Mittelpunkt seiner eigenen kleinen Welt voller Eitelkeiten zu sein…
Welcher Typ sind Sie?
Gräßle: Ich bin Problemlöserin und Kümmerer, mich interessiert nicht das gepostete Essen, die Frisur oder irgendein Pulli. Ich beobachte das, aber ich finde diese Art von Social Media eine unfassbare Form der Zeitverschwendung. Ich habe einen anderen Politikstil und andere Erwartungen an mich. Und bei manchem würde ich mich in Grund und Boden schämen. Für mich ist es wichtig, seriös zu bleiben und ernst genommen zu werden. Politik hat nach wie vor sehr viel mit Inhalten und anderen Menschen zu tun. Ich bin eine Politikerin und kein Pausenclown.
Ein privates Video von Ihnen – beispielsweise bei Ihrer Leidenschaft Schwimmen – wird es also nicht geben?
Gräßle: Nein. Ich habe mir überlegt, ob ich nicht mehr 30-Sekünder machen müsste. Im vergangenen Jahr habe ich ein Kurz-Video gepostet, das hatte 120.000 Klicks. Das war auf dem Kalten Markt in Ellwangen, als Landwirtschaftsminister Cem Özdemir die Halle betreten hat und ein gellendes Pfeifkonzert ertönte. Danach habe ich mir gedacht: Das brauche ich nicht.
Sie haben aber viele Menschen erreicht?
Gräßle: Ja, aber was habe ich erreicht?
Aufmerksamkeit.
Gräßle: Ja, aber wofür?
Frau Gräßle, gibt es etwas, was Sie für die Zukunft auch positiv stimmt?
Gräßle: Ich glaube, dass die leise Mehrheit sich bei der Wahl äußern wird, ich möchte gerne Stimme für diese leise Mehrheit sein. Ich will auch nicht, dass wir denken, dass alles furchtbar ist. Alles ist lösbar und bin optimistisch, dass wir es zum Besseren verändern können.
Inge Gräßle: fast 30 Jahre Erfahrung in Parlamenten
Dr. Inge Gräßle ist 1976 in die CDU eingetreten. Von 1996 bis 2004 war sie Landtagsabgeordnete für Heidenheim. Von 2004 bis 2019 saß sie im Europäischen Parlament. 2021 gewann Gräßle für die CDU das Direktmandat für den Bundestagswahlkreis Backnang/Schwäbisch Gmünd und zog in den Bundestag ein.

