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Die Bosch-Beschäftigten wollen ihre Arbeitsplätze nicht beerdigen lassen. Die Grablichter vor dem Werk II im Schießtal leuchten mindestens drei Monate.
Schwäbisch Gmünd. Die roten Grablichter stechen schon von weitem ins Auge. Und das soll mindestens drei Monate so bleiben. Der symbolische Friedhof vor dem Werk II im Schießtal soll täglich an den geplanten Jobabbau bei Bosch erinnern. Bei dem Protest am Donnerstagabend sagt die Gewerkschaft IG Metall dem Unternehmen den Kampf an. Und kündigt weitere Aktionen an.
Hüseyin Ekinci: Erst die Geburt, dann der Protest
Hüseyin Ekinci erlebt am vergangenen Donnerstag ein Gefühls-Beben. Zuerst feiert der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende und Vertrauenskörperleiter die Geburt seines Sohnes. Nur wenige Stunden später kämpft er vor dem Werk II gegen den Tod von weiteren 1300 Arbeitsplätzen bis 2030 in Gmünd. Ekinci kritisiert den geplanten Jobabbau bei Bosch scharf. Und lässt eine Kampfansage folgen: „Wenn der Arbeitgeber zündelt, muss er damit rechnen, dass Gegenmaßnahmen ergriffen werden, und das wird in den nächsten Monaten geschehen.“ Der symbolische Friedhof mit rund 100 Kreuzen und Grablichtern ist die erste Maßnahme. Dass dazu nur rund 50 Beschäftigte eingeladen worden sind, „haben wir bewusst so gewählt“. Denn: „Das ist nur die Vorspeise. Wir haben keinen Sprint vor uns, sondern einen Marathon. Wir müssen unseren Atem so einteilen, dass wir diesen Marathon durchhalten können. Wir wollen einen ganz großen Widerstand aufbauen.“
Tamara Hübner: Bosch sagt nichts über Zukunftspläne
Klare Worte findet auch die 1. Bevollmächtigte Tamara Hübner von der IG Metall Schwäbisch Gmünd/Aalen. „Die Geschäftsführung hat uns mit der Hiobsbotschaft einen wahnsinnigen Schrecken versetzt“, sagt Hübner. Bosch befinde sich derzeit in einer Umstrukturierung, und „der Arbeitgeber setzt die nächste obendrauf, ohne etwas über die Zukunftspläne für Schwäbisch Gmünd zu sagen“.
Engin Yilmaz: "Es geht hier um Menschen"
Das Vorhaben betreffe nicht nur die Arbeitsplätze der Bosch-Mitarbeiter. „Es betrifft auch den Bäcker, den Metzger in Gmünd, und eurem Arbeitgeber als Stiftungs- und Traditionsbetrieb ist es egal, wie er handelt.“ Es gehe hier um die gesellschaftliche Verantwortung, „der Arbeitgeber kann sich nicht einfach davonschleichen“. Mit dem Mahnmal soll verdeutlicht werden, dass „wir hier unsere Arbeitsplätze nicht begraben. Wir lassen uns das nicht gefallen. Das ist erst der Anfang.“ Engin Yilmaz betont, dass „es hier um Menschen und nicht um Zahlen“ gehe. „Seit der Übernahme von Bosch werden die Arbeitsplätze aber sinnbildlich begraben“, sagt der stellvertretende Vertrauenskörperleiter.
Tim Bückner: "Das Verhalten ist unmöglich"
Von der Politik bekommen die Beschäftigten die volle Unterstützung zugesichert. Oberbürgermeister Richard Arnold hat das bereits im Vorfeld vor der Aktion getan. Und vor Ort bekräftigt dies Tim Bückner. „Wenn ihr in den nächsten Monaten Unterstützung braucht, ich stehe an eurer Seite“, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete und stellt klar, dass „ich das Verhalten von Bosch unmöglich finde“. Er finde es gut, dass die Beschäftigten auf die Straße gehen und um ihre Arbeitsplätze kämpfen.
Wird der Standort Gmünd ganz geschlossen?
Hüseyin Ekinci strahlt an diesem nasskalten Dezemberabend allerdings wenig Optimismus aus, dass sich alles zum Guten wendet. „Ich befürchte, dass unser Arbeitgeber seine Pläne durchzieht“, sagt er. Und geht einen Schritt weiter: „Für die Zukunft von Bosch in Gmünd sehe ich schwarz. Ich befürchte, dass der Standort irgendwann ganz geschlossen wird, aber wir werden kämpfen, um genau das zu verhindern.“
Mustafa Simsek: "Das Spiel ist fast zu Ende"
Mustafa Simsek ist seit 28 Jahren als Industriemechaniker im Schießtal tätig. Auch er macht sich wenig Hoffnung. „Ich denke nicht, dass die Geschäftsleitung die Androhung rückgängig macht. Das Spiel ist fast zu Ende. Wir können durch die Friedhofsaktion nur noch eine Verlängerung erzwingen, also eine zeitliche Verzögerung des Abbaus“, sagt er. Schon seit längerem würden die Abteilungen schrumpfen. „Wir werden jetzt vollends ausgepresst. Dann ist der Ofen aus.“
Ekinci sieht das genauso und sagt, dass „wir mit dieser Aktion nur gewinnen können“. Zu verlieren gebe es nichts mehr.



