VonJürgen Steckschließen
In der Klinik-Debatte stellt Aalen Analyse zur Erreichbarkeit des Ostalb-Klinikums am Standort Kälblesrain vor - und will damit Argumente aus dem Westen widerlegen.
Aalen. In maximal 30 Minuten zum Ostalb-Klinikum: Die Stadt Aalen hat am Freitag ein Gutachten präsentiert, nachdem dies im Prinzip von allen Bereichen im Ostalbkreis aus möglich sein soll - wenn die Klinik an die B 29 angeschlossen wird. Und teils sogar ohne diese Anbindung. Gerade im Schwäbisch Gmünder Raum war die Erreichbarkeit immer wieder ein wichtiger Punkt, wenn es darum geht, wo künftig der Regionalversorger stehen könnte. "Bis Essingen und keinen Meter weiter", so hatte sich der Schwäbisch Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold mehrfach geäußert. Und auch aus der Ärzteschaft und dem Rettungswesen im Westen des Ostalbkreises war ein möglicher Standort Aalen kritisch betrachtet worden.
Kurz vor der Klausur des Kreistages
Nun, kurz bevor sich der Kreistag am Montag in Klausur begibt, um darüber zu beraten, wo der Standort der Zentralklinik sein soll, hat Aalen nun neue Argumente geliefert, die für den Ausbau des Ostalb-Klinikums zum Regionalversorger sprechen sollen. "Nahe am geografischen Mittelpunkt des Ostalbkreises gelegen, ist für die Kliniken am Standort Kälblesrain eine gute Erreichbarkeit gegeben", heißt es in einer Mitteilung der Stadt. Eine weitere Verbesserung bringe die als Teil der Aalener Kombi-Lösung vorgestellte direkte Anbindung des Ostalb-Klinikums an die B29. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Erreichbarkeitsanalyse, die von einem nach Aalener Angaben "renommierten Verkehrsplanungsbüro" im Auftrag der Stadt Aalen erstellt worden sei. Die Bernard Gruppe habe auf Grundlage der vom Ostalbkreis definierten Vorgaben für einen Regionalversorger-Standort mehrere Szenarien zur Erreichbarkeit ausgearbeitet.
Mit dem Auto und mit dem Einsatzfahrzeug
Untersucht worden seien drei Radien rund um den Standort des Ostalb-Klinikums im Kälblesrain, die eine Erreichbarkeit mit dem Auto in zehn, zwanzig oder dreißig Minuten sicherstellen. Die Analyse wurde sowohl für das bestehende Straßennetz, die aktuelle Anbindung des Klinikums, aber auch für eine Anbindung mit einem eigenen Zubringer an die B29 durchgeführt. Zudem wurden auch die Zeiten für Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn ermittelt.
Daten an den Landkreis und an Gutachter
Die Ergebnisse seien in mehreren Landkarten eingearbeitet, die das Büro als Ergebnis der Analyse vorgelegt hat. Die Stadt Aalen hat dem Landkreis, dem Klinikvorstand und dem Büro Endera die Erreichbarkeitsanalyse zur Verfügung gestellt, damit die Daten in die Bewertung einfließen können. Hintergrund: Am Montag geht der Kreistag in Klausur, am 26. Februar tagt der Verwaltungsausschuss Kliniken und am 5. März wird im Kreistag eine Entscheidung erwartet. Im Rennen sind neben dem Standort Aalen die Gemeinden Essingen und Mögglingen, wo jeweils komplette Klinik-Neubauten geplant sind – im Gegensatz zu Aalen, wo das Ostalb-Klinikum zum Regionalversorger weiterentwickelt werden soll.
Stadt: Klinik bereits jetzt gut erreichbar
Die Analyse des bestehenden Verkehrsnetzes habe bestätigt, so die Stadt weiter, "dass bereits jetzt das Ostalb-Klinikum gut erreichbar ist". Mit dem Anschluss an die B 29 seien vom Norden her sogar die im Landkreis Schwäbisch Hall liegenden Gemeinden Kreßberg und Fichtenau in dreißig Minuten erreichbar. Im Süden reiche der Einzugsbereich bis in den Nachbarlandkreis Heidenheim mit der Gemeinde Steinheim und den Städten Heidenheim und Giengen. Im Osten seien Bopfingen und Kirchheim am Ries im 30-Minuten Radius jetzt schon gut angebunden. "Im Westen liegen Waldstetten, Lorch und Spraitbach innerhalb dieser Erreichbarkeit", so die Stadt in ihrer Mitteilung. Wenn man die Karten ganz genau anschaut, dann sieht man in der Tat, dass der Ostalbkreis dann tatsächlich fast komplett innerhalb der 30-Minuten-Zone liegt - lediglich ein Teil von Gschwend im Westen nicht.
Kriterien für die Erreichbarkeitsanalyse
Im Rahmen der Untersuchung sei simuliert worden, von wo aus das Ostalb-Klinikum mit dem Auto innerhalb einer Zeitzone erreicht werden kann. Dazu wurden drei Radien mit zehn, zwanzig und dreißig Minuten Fahrzeit rund um den Standort im Kälblesrain definiert. Als maximaler Schwellenwert wurde die vom Ostalbkreis definierte Erreichbarkeit des Regionalversorgers innerhalb einer 30-Minuten-Zone zugrunde gelegt.
Berücksichtigt worden sei auch die unterschiedliche Straßenklassifizierung im Untersuchungsgebiet, für die jeweils mittlere Geschwindigkeiten vorausgesetzt wurden, um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten.
Konkret bedeutet dies: 10 km/h für verkehrsberuhigte Bereiche, 25 km/h für Gemeindestraßen, 55 km/h für Kreisstraßen, 65 km/h auf Landesstraßen, 80 km/h auf Bundesstraßen, 95 km/h auf Kraftfahrstraßen und 100 km/h auf Bundesautobahnen. Halte- und Wartezeiten sowie unterschiedliche Verkehrsaufkommen sind dabei bereits eingerechnet.
Als Kartenmaterial wurden OpenStreetMap-Daten herangezogen und der durchgängige vierspurige Ausbau der B 29 als abgeschlossen betrachtet.
Die Vorgeschichte
Der Kreistag hat am 25. Juli 2023 beschlossen, für die Neustrukturierung der Kliniken Ostalb das sogenannte Regionalversorger-Modell weiterzuverfolgen. Dieses sieht einen klinischen Regionalversorger, zwei klinische Grund-/Basisversorger (in Mutlangen und Ellwangen) und ein ambulantes Gesundheitszentrum (in Bopfingen) vor. In der Folge wurde ein Auswahlverfahren in Form eines Bieterverfahrens für den potenziellen Standort des Regionalversorgers durchgeführt. Die Kriterien für die Durchführung des Standortauswahlverfahrens waren vom Verwaltungsrat Kliniken am 18. September 2023 mehrheitlich beschlossen worden. Angeschrieben wurden die Stadt Aalen, die Gemeinde Essingen, die Stadt Heubach und die Gemeinde Mögglingen. Eingegangen sind Grundstücksangebote aus Essingen, Mögglingen und Aalen. Die Stadt Aalen hatte eine Kombi-Lösung am Ostalb-Klinikum eingebracht - und noch das Triumph-Areal als zweiten möglichen Standort ins Rennen geschickt.
Die vorliegenden Vorschläge wurden inzwischen durch das beauftragte Gutachterbüro, die Endera-Gruppe, auf Grundlage des vom Verwaltungsrat Kliniken beschlossenen Kriterienkatalogs detailliert und fachlich objektiv hinsichtlich ihrer Eignung bewertet. Außerdem wurden die Varianten „Neubau Regionalversorger“ und die „Kombi-Lösung am Ostalb-Klinikum“ gegenübergestellt und bewertet. Der Verwaltungsrat Kliniken wird sich am 26. Februar 2024 in öffentlicher Sitzung mit den Bewertungsergebnissen befassen und eine Beschlussempfehlung für die Kreistagssitzung am 5. März aussprechen.
Die europaweit tätige Bernard Gruppe gilt nach Angaben der Stadt Aalen unter anderem als Spezialist in der Verkehrsplanung und Verkehrsanalyse. Das Fachbüro war bereits mehrmals für die Stadt Aalen tätig, zuletzt bei den Voruntersuchungen zum Verkehrsaufkommen für den Bau des Galgenbergkreisels.

