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Die Wirtschaft in Baden-Württemberg hat aktuell mit einigen Hürden zu kämpfen. Laut dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Reutlingen steht ein Stellenabbau im großen Stil aber erst noch bevor.
Stuttgart/Reutlingen - Aufgrund von Inflation und den stark gestiegenen Preisen für Energie, Rohstoffe und Personal hat auch die Wirtschaft in Baden-Württemberg aktuell zu kämpfen. Unternehmen aus der Automobilindustrie und dem Maschinenbau haben aufgrund des Kostendrucks begonnen, ganze Produktionsschritte ins Ausland zu verlagern. Der Gesamtchef der IG Metall hatte die Auslandsverlagerungen stark kritisiert und erklärt, dass dabei kein Arbeitsplatz verschont bleibe. Für die Mitarbeiter der großen Autozulieferer in Baden-Württemberg hat die IG Metall mit einem temporären Kündigungsschutz eine Atempause erwirkt, laut dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer (IHK) Reutlingen steht ein großer Stellenabbau aber erst noch bevor.
Mit dem hohen Kostendruck durch die Inflation hat sich in der Wirtschaft eine Art Jo-Jo-Effekt eingestellt. Auf der einen Seite geht aufgrund der hohen Kosten der Konsum zurück, auf der anderen können die Unternehmen durch die zurückgefahrene Produktion weniger exportieren. „Die Auftragseingänge – etwa im Maschinenbau – gingen zweistellig zurück“, sagte Christian O. Erbe, der Präsident der IHK Reutlingen und des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK), im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung. Das sei vor allem deshalb alarmierend, weil jeder dritte Arbeitsplatz am Export hänge.
IHK-Präsident warnt davor, dass die Wirtschaft in Baden-Württemberg an Boden verliert
In Baden-Württemberg sind mehr Weltmarktführer beheimatet, als in jedem anderen deutschen Bundesland. Eine globale Wirtschaft bedeutet jedoch auch eine weltweite Konkurrenz, was laut Christian O. Erbe in der Bevölkerung häufig übersehen werde. „Jeder dritte Arbeitsplatz und nahezu 50 Prozent der Umsätze hängen am Export“, machte er deutlich. „Wenn wir da an Boden verlieren – und das tun wir gerade – dann haben wir ein größeres Problem.“ Dass die Unternehmen im Südwesten Produktionsschritte – und damit Arbeitsplätze – zunehmend ins Ausland verlagern, würde so schleichend ablaufen, dass die Politik es noch nicht ganz mitbekomme.
| Name | Baden-Württembergischer Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) |
|---|---|
| Gründung | 1997 |
| Sitz | Stuttgart, Baden-Württemberg |
| Funktion | Vereinigung der zwölf Industrie- und Handelskammern in Baden-Württemberg |
| Organisation | eingetragener Verein (BWIHK e.v.) |
| Service | Interessensvertretung für über 650.000 Mitgliedsunternehmen auf Landesebene |
| Präsident | Christian O. Erbe |
Aufgrund der aktuellen weltwirtschaftlichen Probleme haben manche Unternehmen in Baden-Württemberg bereits notgedrungen mit dem Stellenabbau oder der -verlagerung ins Ausland begonnen. Batteriekonzern Varta hat den für 2023 geplanten Abbau bereits abgewickelt, will aber weitere 150 Stellen ins Ausland verlagern. In manchen Unternehmen habe es bereits einen Stellenabbau gegeben, sagte auch der IHK-Präsident gegenüber der Schwäbischen Zeitung. „In größerem Umfang wird das aber erst nachfolgen.“ Eine Umfrage des Interessensverbands Südwestmetall ergab ebenfalls, dass die Unternehmen in Baden-Württemberg bereits mit weniger Personal planen.
Baden-Württemberg laut IHK-Präsident besonders von Fachkräftemangel betroffen
Der Abbau von Arbeitsplätzen wird bislang laut Christian O. Erbe noch von dem Fachkräftemangel ein Stück weit aufgefangen. „Die Frühindikatoren deuten aber schon heute auf einen Arbeitsplatzabbau in ein, zwei Jahren hin.“ Der Mangel an Fachkräften ist eine weitere große Herausforderung, mit der die Wirtschaft in Baden-Württemberg aktuell zu kämpfen hat. Die IG Metall fordert als Anreiz deshalb die bundesweite Einführung einer 4-Tage-Woche, das wird in der Industrie aber mitunter sehr kritisch gesehen. Der Stihl-Chef sagte beispielsweise, eine 4-Tage-Woche bei vollem Gehalt sei „indiskutabel“ und Mercedes-Chef Ola Källenius erklärte, dass damit „kein internationales Spiel“ mehr zu gewinnen sei.
Laut dem IHK-Präsidenten ist Baden-Württemberg vom Fachkräftemangel jedoch ganz besonders betroffen. „Bei Umfragen zu den dringlichsten Herausforderungen von Unternehmen wird in Baden-Württemberg stets der Fachkräftemangel an Nummer eins genannt“, erklärte er. „Das ist in anderen Bundesländern noch anders.“ Von der Arbeit der Agentur für Arbeit ist Erbe allerdings überzeugt und auch in Hinblick auf die Wirtschaft selbst malt er nicht nur schwarz. „Deutschland kann da auf jeden Fall bestehen“, sagte er. „Es müssen eben nur die Rahmenbedingungen passen, um unsere Unternehmen auch in Deutschland zu halten.“
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