Neubau oder Wegzug

„Zweifel, dass das noch funktioniert“ – Fiasko um die Großmarkthalle in München: Diese Ideen gibt es jetzt

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So hätte die neue Halle aussehen sollen.
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    Sascha Karowski
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Nach dem Rückzug von Investor Büschl bei der Großmarkthalle bleiben viele Fragen offen. Sollen die Hallen neu gebaut werden, oder muss der Markt weg?

München – Es ist der vorläufige Tiefpunkt einer Odyssee –und es ist ein drängendes Thema. Nachdem 2010 der Umbau des maroden Großmarkts erstmals spruchreif wurde, steht die Stadt nach vielen Kehrtwenden jetzt wieder am Anfang. Der Rückzug des Investors Ralf Büschl kam plötzlich. Jetzt ist die Unsicherheit bei den Händlern groß. Sie fragen sich: Wie geht's jetzt weiter? Beziehungsweise: Geht's überhaupt weiter hier in Sendling? Denn möglich ist auch eine andere Variante: nämlich ein Wegzug des Großmarkts vor die Tore der Stadt – womit auf einmal in zentraler Lage Platz frei würde, zum Beispiel für mehrere tausend Wohnungen.

Großmarkthalle in München: Jährlich werden auf dem Areal bis zu 300 000 Tonnen Waren umgeschlagen

Der Münchner Großmarkt gehört zu den größten in Europa. Pro Jahr werden auf dem 26-Hektar-Areal zwischen 250 000 und 300 000 Tonnen Gemüse, Obst und Blumen umgeschlagen. Weniger frisch ist die jahrelange Verzögerung beim geplanten Neubau. Zuletzt gab es Hoffnung auf eine Einigung zwischen Investor und Händlern. „Vor einem halben Jahr waren wir noch überzeugt, dass neue Konzept endlich Anklang findet und der Stadtrat grünes Licht gibt“, sagt der Sendlinger Bezirksausschuss-Chef Markus Lutz (SPD). Doch dann sei das Projekt vertagt worden. „Das hat schon die Zweifel geschürt.“

Für die Händler bedeutet der Rückzug des Investors große Unsicherheit. Günther Warchola, Präsident Verbands des Bayerischen Fruchtimport- und Großhandels, sagt: „Die gut 350 Händler des Verbands des Bayerischen Fruchtimport- und Großhandels befinden sich seit Jahren in einer Hinhalteposition. Entscheidungen über den Standort und die Finanzierung verzögern sich nun wiederum auf unbestimmte Zeit, während Betriebe weiterarbeiten müssen – mit Blick auf eine unklare Zukunft.“

Großmarkthalle in München: Es bestehen Zweifel, dass der Standort in Sendling noch funktionieren kann

Ob der Neubau am traditionellen Standort überhaupt noch realistisch ist, steht in den Sternen. Der Bezirksausschuss bekennt sich zwar zum Standort an der Isar, doch die Hoffnung schwindet. Lutz: „Es bestehen große Zweifel, dass das in Sendling jetzt noch funktioniert.“

Tatsächlich muss der Stadtrat entscheiden. CSU-Mann Andreas Babor dringt in einer Anfrage auf Eile: „Das Kommunalreferat soll dem Stadtrat zeitnah die Prüfungsergebnisse und möglichen Optionen zur Realisierung eines Großmarktes vorstellen, um Planungssicherheit für alle Beteiligten – vor allem für die Händler – zu schaffen.“ Fakt ist: Der Mietvertrag mit den Händlern läuft noch bis 2037. Eine Sanierung der denkmalgeschützten Hallen wird teuer, die Stadt wird sie ohne Weiteres nicht finanzieren können. Eine Idee: München könnte Grundstücke verkaufen und so die Sanierung oder eben einen Neubau andernorts finanzieren. Aber: Flächen in der Stadt sind rar, bereits 2018 hatte die Verwaltung danach gesucht. Ergebnis: Kein Grundstück erfüllt die Voraussetzungen. Alternative: ein Neubau im Bereich der städtischen Entwicklungsmaßnahmen oder in Freiham. Die Verwaltung müsste so zwar umplanen, aber die Flächen lägen günstig an der Autobahn.

Großmarkthalle in München: Der Standort könnte aufgegeben werden – Wohnungen könnten entstehen

Weitere Möglichkeit: Der Großmarkt verlässt die Stadt. Entsprechende Vorstöße gab es bereits – vor einigen Jahren war etwa ein Umzug nach Parsdorf im Gespräch. Würde der Großmarkt Sendling verlassen, könnte die Stadt das Areal neu planen. Nicht nur für Gewerbe und Kultur, sondern eben auch für viele neue Wohnungen, die München so dringend braucht.

Für diese Variante – raus aus der Stadt – plädiert Marco Stohr. Er ist Sprecher der Interessengemeinschaft Viktualienmarkt und sagt: „Es gibt nur eine Möglichkeit: Der Großmarkt kann nur rausziehen!“ In Sendling habe der Umschlagplatz angesichts teurer Flächen, Lärm und maroder Infrastruktur keine Zukunft. Stohr lagert seine Ware in einer selbst errichteten Halle, nachdem er – wie andere Mieter auch – 2020 aus den maroden Kellergewölben ausziehen musste. Für ihn ist der Großmarkt ein Fass ohne Boden. Und: Ein Neubau vor Ort sei angesichts der baulichen Anforderungen nicht minder teuer. Das würde wiederum die Ängste vieler Händler schüren, die stark steigende Mieten fürchten.

Großmarkthalle in München: Investor Büschl bietet der Stadt die fertigen Pläne zur Umsetzung an

Investor Büschl hat sich zwar eigentlich aus dem Projekt zurückgezogen. Er bietet der Stadt aber an, dass diese die Sendlinger Pläne übernehmen und umsetzen könne. Auch bei der Suche eines Standorts innerhalb oder außerhalb der Stadt werde man „natürlich unterstützen“. Ein Sprecher teilt mit, dass „einige unserer Grundstücke durchaus für den Bau und Betrieb einer Großmarkthalle geeignet wären“.

So ein Umzug würde so manchem Sendlinger aber nicht schmecken. Der Großmarkt ist Kult und gehört zum Viertel-Gefühl. Er blickt auf eine 113-jährige Geschichte zurück. Das betont Ludwig Wallner. Der Wirt der Gaststätte an der Großmarkthalle ist hier aufgewachsen. Er kennt den Betrieb noch, als die Eisenbahnen mit Obst und Gemüse von Südeuropa am Rangierbahnhof ankamen. Aber er sagt auch: „Die Zeiten haben sich geändert. Vor 100 Jahren wusste man nicht, dass mal so ein schwerer Lastwagenverkehr über das Gelände fahren würde.“ Seiner Ansicht nach sollte die Stadt Geld in die statische Sanierung stecken und den Großmarkt – in kleinerer Form – am Standort belassen.

Doch auch das kostet: Auf Anfrage teilen die Märkte München mit, dass in den Wirtschaftsplänen der Stadt allein von 2021 bis 2025 etwa 39 Millionen Euro zur Erhaltung der Standsicherheit veranschlagt seien.

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