Umstrittenes Modell

„Die SEM ist gescheitert“: Welche Zukunft hat der Wohnungsbau im Münchner Nordosten?

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Die SEM im Nordosten von München ist umstritten. Auch im Rathaus. Nicht alle Parteien beabsichtigen, an dem Modell festzuhalten. Die CSU sieht sie als gescheitert.

Wohnraum ist Mangelware. Große Entwicklungsgebiete gibt es noch im Norden und im Nordosten. Die Stadt hat für beide Flächen eine städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) beschlossen. Mit der werden Grundstückspreise eingefroren. Die Stadt kauft Flächen zu diesem Preis und veräußert sie (teurer) an Bauherren. Mit dem Gewinn soll die Infrastruktur für die neuen Viertel finanziert werden. Doch das Vorgehen ist umstritten – nicht nur vor Ort. Auch nicht alle Parteien im Rathaus möchten an dem Modell festhalten. Ein Überblick:

SEM im Münchner Nordosten: Die CSU sieht das städtebauliche Modell als gescheitert an

Für den CSU-OB-Kandidaten Clemens Baumgärtner ist die SEM gescheitert. „Im Nordosten hat sie seit mehr als einem Jahrzehnt keine einzige neue Wohnung hervorgebracht, im Norden sind wir noch weiter davon entfernt.“ Die Menschen vor Ort, mit denen von Anfang an schlecht kommuniziert worden sei, lehnten die SEM auch ab, weil durch sie Enteignungen ermöglicht würden. „Wir als CSU würden die SEM beenden und in Kooperation mit den verkaufswilligen Eigentümern kleinere Bebauungspläne erstellen. Damit wären tausende neue Wohnungen zeitnah möglich.“

Visualisierung für das gesamte SEM-Gebiet.

Ähnliche Worte von FDP-OB-Kandidat Jörg Hoffmann: „Die SEM in der jetzt von grün-rot geplanten Form ist tot. Die Stadt wird sie nicht gegen die berechtigten Interessen der Eigentümer durchsetzen können – und wenn, dann nur in sehr langwierigen Verfahren bis zum Bundesverwaltungsgericht.“ SEM bedeute Enteignung unter Wert. Das könnten die Bauern nicht akzeptieren. „Mit einem rücksichtslosen Durchsetzen der SEM ist niemandem geholfen. Wir benötigen aber dringend Wohnraum. Das wissen auch die Eigentümer.“ Die FDP setze daher auf Zusammenarbeit statt Konfrontation. Den Ansatz einer gemeinsamen Entwicklung der jetzigen SEM-Gebiete mit allen Betroffenen habe es schließlich schon mal gegeben. „Wir möchten zu dem kooperativen Stadtentwicklungsmodell (KOSMO) zurückkehren, um Wohnraum zu schaffen.“

Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme: Grüne und Linke sehen Möglichkeit für tausende Wohnungen

Bürgermeister Dominik Krause (OB-Kandidat der Grünen) verteidigt die SEM. Sie böte große Chancen, bezahlbare Wohnungen für tausende Münchner zu bauen. „Das Besondere an diesem Instrument ist, dass dadurch die in München üblichen Bodenpreis-Spekulationen verhindert werden. Stattdessen schöpft die Stadt Wertsteigerungen ab und investiert diese in Infrastruktur.“ Neben tausenden Wohnungen könnten so ein U-Bahn-Anschluss, Kitas, Schulen und Parks finanziert werden. Bebaut würde nur ein Viertel des gesamten SEM-Gebiets. Der Rest sei für Parks, Wiesen und Naturschutzgebiete vorgesehen. „Als nächster OB würde ich persönlich Gespräche mit den Grundstückseigentümern führen und fair und auf Augenhöhe mit ihnen sprechen.“

Angesichts der dramatischen Wohnungssituation in der Stadt ist der Neubau von dauerhaft bezahlbarem Wohnraum essenziell, sagt der OB-Kandidat der Linken, Stefan Jagel. „Schon jetzt ist die Stadt für viele Menschen nicht mehr bezahlbar. Dabei ist das Mittel der SEM für unsere Stadtentwicklung entscheidend.“ Mit ihr könnte die Stadt Spekulation mit Grundstücken verhindern und auf den letzten Entwicklungsflächen eine Bebauung mit dauerhaft bezahlbarem Wohnraum sicherstellen. „Wir wollen ein Ende von Grund und Boden als Spekulationsobjekt erreichen.“

Die größten Bauprojekte in Bayern: Hier werkelt der Freistaat an der Zukunft

Der Münchner Hauptbahnhof wird für einen dreistelligen Millionenbetrag modernisiert. Bis 2035 entsteht ein neues Empfangsgebäude mit Anschluss zur Zweiten Stammstrecke.
Der Münchner Hauptbahnhof wird für einen dreistelligen Millionenbetrag modernisiert. Bis 2035 entsteht ein neues Empfangsgebäude mit Anschluss zur Zweiten Stammstrecke. © IMAGO / Wolfgang Maria Weber
Übergangsweise entsteht ein Interimsbahnhof am Münchner Hauptbahnhof. Dieser soll 2026 in Betrieb gehen. Der viergeschossige Kastenbau bietet Platz für alle Dienstleister und Kundenangebote.
Übergangsweise entsteht ein Interimsbahnhof am Münchner Hauptbahnhof. Dieser soll 2026 in Betrieb gehen. Der viergeschossige Kastenbau bietet Platz für alle Dienstleister und Kundenangebote. © IMAGO / Arnulf Hettrich
Das 120 Jahre alte Nürnberger Opernhaus wird umfassend saniert und erweitert. Die Nürnberger Kongresshalle (Foto) wird aktuell für 296 Millionen Euro zur Interims-Spielstätte umgebaut. Das Staatstheater zieht während der Opernhaus-Sanierung hierher.
Das 120 Jahre alte Nürnberger Opernhaus wird umfassend saniert und erweitert. Die Nürnberger Kongresshalle (Foto) wird aktuell für 296 Millionen Euro zur Interims-Spielstätte umgebaut. Das Staatstheater zieht während der Opernhaus-Sanierung hierher. © IMAGO / Harry Koerber
Spektakulärer Umbau der Kongresshalle Nürnberg: Für 296 Millionen Euro entsteht eine Interims-Spielstätte mit 800 Plätzen für Oper, Ballett und Konzerte.
Spektakulärer Umbau der Kongresshalle Nürnberg: Für 296 Millionen Euro entsteht eine Interims-Spielstätte mit 800 Plätzen für Oper, Ballett und Konzerte. © IMAGO / Harry Koerber
Auch das Staatstheater Augsburg gehört zu Bayerns maroden Kulturbauten. Dessen Sanierung des großen Hauses (links) und Neubau des gesamten Nordtraktes sind Teil eines 1,2-Milliarden-Euro-Programms zur Modernisierung staatlicher Spielstätten.
Auch das Staatstheater Augsburg gehört zu Bayerns maroden Kulturbauten. Dessen Sanierung des großen Hauses (links) und Neubau des gesamten Nordtraktes sind Teil eines 1,2-Milliarden-Euro-Programms zur Modernisierung staatlicher Spielstätten.  © IMAGO
Moderne Hafenbrücken entstehen in Nürnberg für 347,5 Millionen Euro. Der Freistaat Bayern unterstützt das Megaprojekt mit 191 Millionen Euro Fördermitteln.
Moderne Hafenbrücken entstehen in Nürnberg für 347,5 Millionen Euro. Der Freistaat Bayern unterstützt das Megaprojekt mit 191 Millionen Euro Fördermitteln. © IMAGO / Smith
Nürnbergs größtes Brückenprojekt kostet 347,5 Millionen Euro und soll 2027 fertig werden. Die drei Hafenbrücken aus den 1970er Jahren werden komplett neu gebaut.
Nürnbergs größtes Brückenprojekt kostet 347,5 Millionen Euro und soll 2027 fertig werden. Die drei Hafenbrücken aus den 1970er Jahren werden komplett neu gebaut. © IMAGO / Smith
Nürnbergs neue Hafenbrücken werden die Verkehrssituation erheblich verbessern. Das Millionen-Projekt läuft trotz komplexer Verkehrsführung planmäßig.
Nürnbergs neue Hafenbrücken werden die Verkehrssituation erheblich verbessern. Das Millionen-Projekt läuft trotz komplexer Verkehrsführung planmäßig. © IMAGO / Smith
Auf 76 Kilometern wird die A3 zwischen Biebelried und Erlangen ausgebaut. Das Milliardenprojekt schafft eine leistungsfähige Verkehrsverbindung zwischen Würzburg und Nürnberg.
Auf 76 Kilometern wird die A3 zwischen Biebelried und Erlangen ausgebaut. Das Milliardenprojekt schafft dadurch auch eine leistungsfähige Verkehrsverbindung zwischen Würzburg und Nürnberg. © IMAGO / Harry Koerber
Der sechsstreifige Ausbau der A3 zwischen Biebelried und Erlangen kostet 2,8 Milliarden Euro. Das größte ÖPP-Infrastrukturprojekt Deutschlands soll Ende 2025 fertiggestellt werden.
Der sechsstreifige Ausbau der A3 zwischen Biebelried und Erlangen kostet 2,8 Milliarden Euro. Das größte ÖPP-Infrastrukturprojekt Deutschlands soll Ende 2025 fertiggestellt werden. © IMAGO / Harry Koerber
Gigantische Brücken entstehen beim A3-Ausbau zwischen Biebelried und Erlangen. Nach fünf Jahren Bauzeit soll das Megaprojekt Ende 2025 abgeschlossen sein.
Gigantische Brücken entstehen beim A3-Ausbau zwischen Biebelried und Erlangen. Nach fünf Jahren Bauzeit soll das Megaprojekt Ende 2025 abgeschlossen sein. © IMAGO / Harry Koerber
Autofahrer müssen sich noch bis Ende 2025 gedulden: Der A3-Ausbau zwischen Biebelried und Erlangen läuft auf Hochtouren und wird den Verkehrsfluss erheblich verbessern.
Der A3-Ausbau zwischen Biebelried und Erlangen läuft auf Hochtouren und wird den Verkehrsfluss erheblich verbessern. © IMAGO / Harry Koerber
Moderne Brückenkonstruktionen prägen den A3-Ausbau zwischen Biebelried und Erlangen.
Moderne Brückenkonstruktionen prägen den A3-Ausbau zwischen Biebelried und Erlangen. © IMAGO / Harry Koerber
Das teuerste Bauprojekt Bayerns kostet mittlerweile über zehn Milliarden Euro und soll frühestens 2035 fertig werden. Die Zweite Stammstrecke München wird das S-Bahn-System revolutionieren.
Der Bau der Zweiten Stammstrecke in München ist das teuerste Bauprojekt Bayerns und kostet mittlerweile über zehn Milliarden Euro. Es soll nach aktuellem Stand frühestens 2035 fertig werden.  © IMAGO
Am Marienhof entstehen die unterirdischen Stationen der Zweiten Stammstrecke. Das Milliardenprojekt soll die Kapazität des Münchner S-Bahn-Systems erheblich steigern und Staus reduzieren.
Am Marienhof entstehen die unterirdischen Stationen der Zweiten Stammstrecke. Das Milliardenprojekt soll die Kapazität des Münchner S-Bahn-Systems erheblich steigern und Staus reduzieren. © IMAGO / Wolfgang Maria Weber
Tief unter München entstehen die Tunnel für die Zweite Stammstrecke. Das Megaprojekt kämpft mit Verzögerungen und explodierenden Kosten von ursprünglich 3,85 auf über zehn Milliarden Euro.
Tief unter München entstehen die Tunnel für die Zweite Stammstrecke. Das Megaprojekt kämpft mit Verzögerungen und explodierenden Kosten von ursprünglich 3,85 auf über zehn Milliarden Euro. © IMAGO/Wolfgang Maria Weber
Hochmoderne Labortechnik wird im LEAP-Forschungsgebäude von Roche installiert. Das 250-Millionen-Euro-Projekt stärkt Penzberg als Biotechnologie-Standort erheblich.
Eines der modernsten Forschungsgebäude Europas entsteht in Penzberg. Der Pharmakonzern Roche investiert 250 Millionen Euro in das LEAP-Gebäude für die Diagnostik-Forschung. © picture alliance/dpa | Sven Hoppe
Eines der modernsten Forschungsgebäude Europas entsteht in Penzberg. Der Pharmakonzern Roche investiert 250 Millionen Euro in das LEAP-Gebäude für die Diagnostik-Forschung. Auch Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, nahm Ende 2024 an der Grundsteinlegung teil.
Doch damit nicht genug: 2024 legte Roche dann den Grundstein für das neue Diagnostik-Produktionszentrum in Penzberg – Kostenpunkt: rund 600 Millionen Euro. Bei der Grundsteinlegung war auch Ministerpräsident Markus Söder vor Ort. © picture alliance/dpa | Sven Hoppe
Der „Overfly“ am Autobahnkreuz Nürnberg-Ost.
Der spektakuläre „Overfly“ am Autobahnkreuz Nürnberg-Ost kostet 65 Millionen Euro und ist 588 Meter lang. Die einzigartige Brückenkonstruktion soll Ende 2025 fertig werden. © Hajo Dietz - Nürnberg Luftbild, Hajo Dietz
Der „Overfly“ am Autobahnkreuz Nürnberg-Ost befindet sich seit 2019 im Bau. Bald soll er fertig sein.
Massive Stahlträger prägen den Overfly am Autobahnkreuz Nürnberg-Ost. Das 160-Millionen-Euro-Gesamtprojekt kämpfte mit Corona-bedingten Verzögerungen und Materialknappheit. © Jan R. Schäfer J1-Fotografie

SEM im Münchner Norden und im Nordosten: SPD versichert, es werde keine Enteignungen geben

Das SEM-Gebiet aus der Luft.

Enteignungen werde es ohnehin nicht geben, unterstreicht SPD-Chef Christian Köning. „Das wurde immer gesagt. Die Stadt wird weiterhin auf Kooperation setzen.“ Vor Kurzem sei zudem in der Ideenwerkstatt zur Entwicklung im Münchner Norden auf fachlicher Ebene einstimmig festgestellt worden, wo eine weitere Siedlungsentwicklung in Betracht komme – nämlich in Feldmoching-Nord, Ludwigsfeld und der Fasanerie. „Gleichzeitig ist damit klar, wo Landwirtschaft und Freiflächen für Anwohner unangetastet bleiben. Jetzt müssen schnell die nächsten Schritte umgesetzt werden.“

Gar keine Entwicklung auf den Freiflächen will ÖDP-OB-Kandidat Tobias Ruff. Diese SWM-Projekte bedeuteten Enteignungen, überdimensionierte Bebauung und gefährdeten die Existenz von Landwirten. „Fruchtbare Ackerböden und wertvolle Ökoflächen würden dauerhaft versiegelt.“ Wohnungen gehörten auf bereits versiegelte Flächen. Parkplätze und einstöckige Gewerbeeinheiten ließen sich leicht überbauen. Und fast 1,8 Quadratkilometer Büroflächen stünden in München leer. „Diese Flächen könnten leicht zu Wohnungen umgebaut werden.“

Rubriklistenbild: © Stadt München

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