Ausverkaufte Loisachhalle in Wolfratshausen

Das Ende der Durststrecke: So war das Starkbierfest in „Verhinderungshausen“

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Prächtige Stimmung herrschte am Freitagabend beim Wolfratshauser Starkbierfest in der ausverkauften Loisachhalle.
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Nach zweijähriger Corona-Zwangspause versammelte sich die Starkbierfest-Gemeinde am Freitagabend wieder in der ausverkauften Loisachhalle in Wolfratshausen. Fast 600 Besucher hatten ihr Vergnügen.

Wolfratshausen – Durst ist ein ernst zu nehmendes Warnsignal des Körpers. Ein Flüssigkeitsdefizit sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Wer dem dringenden Bedürfnis nicht nachkommt, dem droht eine lebensgefährliche Austrocknung.

Im konkreten Fall dauerte die Durststrecke zwei geschlagene Jahre – am Freitagabend fand das Wolfratshauser Starkbierfest wieder statt. Die Stadtkapelle übernahm in der Loisachhalle das musikalische Intro (viel Beifall gab’s für die originelle Luftballon-Polka), die Loisachtaler Bauernbühne (LBB) las den Lokalpolitikern die Leviten – und die Münchner Zwietracht riss das Publikum mit in einen Teufelskreis: Die Formation feuerte bis zur Sperrstunde Wiesn-Hit auf Wiesn-Hit ab, die fast 600 Festbesucher sangen und tanzten bis zur Erschöpfungsgrenze – und das löste was bei ihnen aus? Richtig, Durst.

Das Ende der Durststrecke: So war das Starkbierfest in „Verhinderungshausen“

Rathauschef Klaus Heilinglechner hat in der zweijährigen Corona-Zwangspause nichts verlernt. Gekonnt führt er den Schlegel, nach nur drei Schlägen ist das erste Holzfass aus dem Hofbräuhaus Traunstein angezapft. Eine Mass dunklen „Maximilian“-Bock schenkt der Bürgermeister unter anderem Bayerns Bierkönigin Sarah Jäger, Ehrengast aus Schwandorf in der Oberpfalz, ein.

Kam zur eigenen Überraschung beim Derblecken ungeschoren, das heißt, ohne namentliche Erwähnung davon: Bürgermeister Klaus Heilinglechner (vorne).

Doch Hand aufs Herz: Im Mittelpunkt des Wolfratshauser Starkbierfests steht seit Anfang der 1980er-Jahre das Derblecken der politischen Mandatsträger. Grundsätzlich gilt: Wer von der LBB nicht aufs Korn genommen wird, darf das als Höchststrafe betrachten. „Die, die heute nicht derbleckt werden, haben etwas falsch gemacht“, sagt Heilinglechner wenige Minuten bevor sich der rote Vorhang hebt. Um es vorweg zu nehmen: Namentlich genannt und verbal abgewatscht werden an diesem Abend weniger als eine Hand voll Stadträte. Auch der Bürgermeister kommt ungeschoren davon. Ein Fakt, den das Gros des Publikums bedauert. Nach dessen Geschmack hätte das Singspiel deutlich mehr Pfeffer vertragen.

Bauarbeiter können sich in Wolfratshausen gemütlich zurücklehnen, denn für den Stadtrat gilt laut Loisachtaler Bauernbühne: „Und sind die Kosten noch so groß – es macht ja nichts, die planen bloß.“

Mit Genuss legen die Laienschauspieler, die sich durch die Bank Bestnoten verdienen, ihre Finger in altbekannte Wunden. Kulisse ist der Marienplatz im Schatten des Wirtshauses Humplbräu. Die Bedienung (Melissa Demmel) serviert einigen Bauarbeitern (Max Prestel, Eva Zinnecker, Tobias Zengerle, Markus Auer) und dem Bauleiter (Michael Hanak) eine zünftige Brotzeit. Denn das Quintett hat ja Zeit, die Verschiebung des Marienbrunnens ist bekanntlich abgeblasen. Kein Wunder, sinniert die vorlaute Kellnerin, auf Gutachten folgen in der Flößerstadt so sicher wie das Amen in der Kirche Gegengutachten und Bürgerentscheide. Einfach „typisch Verhinderungshausen“. Mutmaßlich werde es mit der gesamten Altstadt-Aufwertung nichts. Höchstwahrscheinlich würden der Wirtschaftsreferent des Stadtrats, Helmut Forster, und seine Mitstreiter von der Wolfratshauser Liste das Projekt zu Fall bringen. „Diese alten Mottenkugeln“, schießt die Bedienung scharf. Typisch Wolfratshausen, stellt während des Singspiels auch immer wieder der geisterhafte Geldsack (Monika Schwenger) mit Blick auf den Stadtrat fest: „Und sind die Kosten noch so groß – es macht ja nichts, die planen bloß.“

Die Oktoberfest-Band Münchner Zwietracht mit Lokalmatador Heinz Fuhrmann (re.) aus Icking ließ die Loisachhalle am Freitag bis zur Sperrstunde brodeln.

Wenn sich in der Loisachstadt etwas bewegt, dann stecken – „wie bei unserem alten Isar-Kaufhaus“ – private Investoren dahinter. Am Isarspitz in Weidach „gibt’s sogar einen Bauherrn, der is mit dem Bau und der Vermietung scho fertig, bevor eine Baugenehmigung erteilt wurde“. Ein positives Beispiel fürs Engagement der Räte ist allerdings die aufgemöbelte städtische Immobilie am Untermarkt 10: „So schön is es geworden“, schwärmt die Humplbräu-Bedienung. „Jetzt hat unser Ex-Bürgermeister Forster ja doch no seinen Andenkenladen bekommen.“ Die Bauarbeiter schlagen vor: „Da sollte er sich als Rentner eigentlich glei selber neistellen und Souvenirs an die Touristen verhökern. Da wär er gut aufgeräumt und hätte weniger Zeit, die Stadtverwaltung zu drangsalieren.“

Loisachtaler Bauernbühne: „Wolfratshausen dümpelt im Wachkoma vor sich hin“

Weil die Bauarbeiter (und eine Bauarbeiterin, Verzeihung) zum Däumchen drehen verdammt sind („Wolfratshausen dümpelt im Wachkoma vor sich hin“), gebären sie nach zwei, drei Halben eine geniale Idee: Der Marienplatz wäre der ideale Standort für eine mobile Corona-Impfstation. Sofort sind ein Oberarzt (Kurt Züge), ein Pfleger (Julian Demmel) sowie eine Krankenschwester (Michaela Schelshorn) aus der Kreisklinik Wolfratshausen zur Stelle. Mit einer riesigen Spritze nebst ultralanger Nadel („des is die neueste Technik, da ist der Angstschmerz größer als der Einstich“). Zwar ist die Pandemie abgeklungen, doch zwei Bauarbeiter gelten noch als ungeimpft. Ihre Ausrede – „mir zwoa ham den vollen Impfschutz, mir zwoa san immer montagsabends bei den Spaziergängern mitmarschiert, so konnte uns nix passieren, wir waren schließlich immer an der frischen Luft“ – hilft ihnen nichts. Apropos: „Wenn sämtliche Montagsspaziergänger die Stadt beim Ramadama unterstützen würden“, meint der Bauleiter, würde Wolfratshausen „als neuer Stern der Sauberkeit am bayerischen Firmament erstrahlen“.

Starkbierfest: Die „grüne Baumpolizei“, die „Verbotspartei“ bekommt kräftig Fett ab

Am politischen Sternenhimmel über der Flößerstadt aufgegangen ist nach Meinung der Bauernbühne „die grüne Übermacht im Stadtrat“. Auf der Loisachhallenbühne dargestellt von Tom Janoschi, Ramona Funke und Lenny Lisy wird der „Verbotspartei“ allerdings Saures eingeschenkt. Denn auf der einen Seite würden die Grünen über fehlende Wohnungen lamentieren – „aber wehe, mir schneiden einen Baum zu viel um“, beklagen die Bauarbeiter. „Dann kommt glei die grüne Baumpolizei und bindet uns an irgendwelchen Platanen fest.“ Und als angesichts der drohenden Energiekrise die Weihnachtsbeleuchtung drastisch reduziert wurde, „wollte der grüne Seibt Wolfratshausen noch mehr abdunkeln“, kritisieren die Bauarbeiter den Kampf von Stadtrat Rudi Seibt gegen die Lichtverschmutzung in der Stadt.

Wer will noch mal, wer hat noch nicht: Auf dem Marienplatz in Wolfratshausen hat die Bauernbühne eine mobile Impfstation eingerichtet. Betrieben wird sie „von den bienenfleißigen Mitarbeiter*innen aus der Kreisklinik Wolfratshausen“.

Rathauschef, Bürgervereinigung und die Vertreter von CSU, SPD und FDP im Stadtrat kommen allesamt beim Derblecken ungeschoren davon. „Bayern-Hans“ Hans Ketelhut, Stadtrat in Geretsried, der das Singspiel mit einigen Liedern bereichert, gibt den Wolfratshauser Lokalpolitikern (nach der Melodie „Verdammt ich lieb Dich“ von Popsänger Matthias Reim) kollektiv zu bedenken: „Verdammt wir wähl’n euch, wir wähl’n euch nicht, verdammt man traut euch, man traut euch nicht – tut endlich eure Pflicht!“

Oktoberfest-Band Münchner Zwietracht holt das Publikum auf die Bierbänke

Was hatte Ludwig Gollwitzer dem Publikum im Prolog des Singspiels erklärt? Das Stück „soll als Ermahnung dienen und die Stadträte samt Bürgermeister wachrütteln.“ Der Weckruf hätte durchaus noch pointierter, mit deutlicherer persönlicher Adressierung durch den Saal dröhnen dürfen.

Den Schlusspunkt unter das Starkbierfest 2023 setzt die Oktoberfest-Band Münchner Zwietracht mit Lokalmatador Heinz Fuhrmann aus Icking. Zunächst schunkeln die Gäste in der ausverkauften Loisachhalle auf den Holzbierbänken verhalten – doch beim dritten Wiesn-Hit steht das weitgehend textfeste Publikum auf eben jenen Bänken. Erst nach Mitternacht schickt die Zwietracht die illustre Gästeschar nach Hause – der Heimweg führt über den 1979 von der Hard-Rock-Band AC/DC gebauten „Highway to hell“. (cce)

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