Landtagswahl in Hessen

Alleinerziehende in Hessen: Täglicher Kampf gegen den Mangel

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Besonders Alleinerziehende haben in Deutschland wenig Geld.
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Themencheck Armut: Alleinerziehende leiden unter Geld-, aber auch unter Zeitnot. Inflation und Corona-Pandemie haben ihre Situation verschärft.

Als mein Mann keinen Unterhalt zahlte, fehlten uns monatlich etwa 600 Euro. Das war eine schwere Zeit“, erzählt Daniela Weber (Name geändert). „Wir mussten auf jeden Euro achten und uns stark einschränken, haben zum Beispiel keine Ausflüge gemacht, keine Bücher gekauft und sind nicht Essen gegangen.“

Später, während der Corona-Pandemie, setzte Weber die Geld-, aber auch die Zeitnot besonders stark zu: „Als Alleinerziehende bin ich für alles verantwortlich. Tagsüber habe ich mich um die Kinder und ihre Angelegenheiten gekümmert, in den Abend- und Nachtstunden den Rest erledigt.“ Nach gut einem Jahr Mehrfachbelastung „war ich so überfordert, dass ich auf dem Weg zum Supermarkt durch die Fußgängerzone Angstattacken hatte und das Gefühl, ich packe es nicht mehr – so etwas Alltägliches wie Einkaufen.“

Bei mehr als jeder fünften Familie in Hessen handelt es sich um einen Alleinerziehenden-Haushalt, wie aus dem Landessozialbericht hervorgeht. Diese Eltern – der Männer-Anteil ist gestiegen, doch mehr als 90 Prozent sind Frauen – sind besonders oft von Armut betroffen, laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung mehr als 45 Prozent.

Die Folgen der Corona-Pandemie und der Inflation haben die Lage der Betroffenen verschärft. Das merkt auch Gabi Bues in der Beratung des Ortsgruppe Frankfurt des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). Die Nachfrage ist groß, im ersten Halbjahr berieten drei Kräfte in gut 300 Fällen. Rund 90 Prozent der Hilfesuchenden waren weiblich. Daran hat sich nicht viel geändert, aber an den Schwerpunkten.

Waren es früher zumeist familien- und unterhaltsrechtliche Fragen, geht es jetzt immer häufiger – zuletzt in rund 150 Fällen, Tendenz steigend – vor allem um Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch, Wohngeld oder das Bildungs- und Teilhabepaket. „Die Not ist deutlich größer geworden“, weiß Bues. Manche schränken sich extrem ein, hungern auch. Als Gründe nennt die Beraterin etwa hohe Mieten und Teuerungen bei Energie und Lebensmitteln, niedrige Unterhaltszahlungen und staatliche Hilfen, die immer wieder mal auf sich warten ließen, weil Ämter überlastet seien.

Hilfe aus einer Hand bei verschiedenen Anliegen, so wie im Frankfurter Ortsverband, gibt es für Alleinerziehende in Hessen nicht überall. Oft müssen sie eine viele Anlaufstellen aufsuchen – und können es mangels Zeit nicht.

Daniela Weber holte sich Unterstützung, machte eine Mutter-Kind-Kur, die sie stärkte, auch in der Einsicht, „dass ich nicht alles bewerkstelligen kann und auch etwas für mich tun muss, zum Beispiel zum Sport gehen“. Weber hat eine abgeschlossene Berufsausbildung, studierte und hatte eine interessante Teilzeitstelle. Sie bekam Kinder und gab schließlich alles für die Familie auf: „Das war ein harter Schritt. Aber es ging nicht anders.“ Während sie „die gesamte Care-Arbeit übernahm, hat mein Mann viel gearbeitet und Karriere gemacht“. Dann kam es zur Trennung, und auf Weber kamen viele Schwierigkeiten zu, auch finanziell. Arbeiten konnte sie nur in Teilzeit im Handel, auch weil die Kinderbetreuungsangebote nicht reichten.

Armut in Hessen

Soziale Einrichtungen berichten, dass Armut in Hessen zugenommen habe und sehen sich auch durch Statistiken bestätigt. Das Land verweist auf eigene Maßnahmen und sieht den Bund in der Pflicht. Die FR beantwortet wichtige Fragen zum Thema.

Wie viele Hess:innen sind arm?

Aus dem jüngsten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes geht hervor, dass 2022 etwa 18,5 Prozent der Hess:innen betroffen waren, ungefähr 1,1 Millionen. Nur fünf Bundesländer haben einen schlechteren Wert; der Schnitt liegt bei 16,9 Prozent. Den letzten Platz nimmt Nordrhein-Westfalen ein. Der Bericht basiert unter anderem auf Daten des Statistischen Bundesamts,

Wer gilt als arm?

Der Wohlfahrtsverband orientiert sich an der gängigen Definition. die auch Teil der Europäischen Menschenrechtskonvention ist. Demnach ist arm, wer mit seinem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Bei einer alleinstehenden Person lag der Wert bei 1145 Euro monatlich, bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2405 Euro und bei Alleinerziehenden mit einem Kind unter 14 bei 1489 Euro.

Wie haben sich die Zahlen in den vergangenen Jahren verändert?

Die Armutsquote ist seit 2010 stetig gestiegen. Im Jahr 2020 wurde sie noch auf 17,4 Prozent beziffert, fünf Jahre zuvor betrug sie drei Prozentpunkte weniger.

Welche Gruppen sind besonders stark betroffen?

Neben Erwerbslosen, Niedriglöhner:innen und Menschen mit Migrationsgeschichte sind vor allem Alleinerziehende stark gefährdet.

Welche Zahlen liegen zur Situation von Alleinerziehenden und Kindern vor?

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sind 24,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen – rund 261 000 Hess:innen unter 18 Jahren – von Armut betroffen (bundesweit der vierthöchste Wert) und 45,4 Prozent der Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil.

Welche wichtigen Erkenntnisse liefert der Landessozialbericht zur Lage von Alleinerziehenden?

Auch dieser Bericht, dessen Daten jedoch nur bis ins Jahr 2020 reichen, geht hier von etwa 45 Prozent Armutsbetroffenen aus und nimmt sie bei der Analyse in den Fokus. Alleinerziehende in Hessen sind zu circa 90 Prozent Frauen. Zu ihren wesentlichen Problemen gehört, dass sie öfter im Niedriglohnbereich, in Teilzeit und zumeist unter ihrer Qualifikation arbeiten, auch aufgrund nicht ausreichender Betreuungsangebote. Beklagt wird auch eine ausufernde Bürokratie bei Hilfen.

Wie schätzen soziale Institutionen die Entwicklung ein?

Sie sprechen von einer Verschärfung. Der Landesverband der hessischen Tafeln zum Beispiel verzeichnet einen deutlichen Anstieg bei der Zahl der Kund:innen, auf 135 000 (Stand Ende 2022).

Was tut das Land gegen Armut?

Die Regierung verweist auf zahlreiche Maßnahmen, etwa Bildungs- und Ausbildungsangebote, höhere Budgets für die sozialpolitische Arbeit von Kommunen und Institutionen, Finanzhilfen während der Corona-Pandemie oder die Tatsache, dass erstmals nach langer Zeit wieder mehr Sozialwohnungen geschaffen wurden als aus der Bindung gefallen sind. Gleichzeitig fordert das Land vom Bund größere Anstrengungen, etwa in Form einer angemessenen Kindergrundsicherung.

Was fordern die Verbände?

Der Paritätische Wohlfahrtsverband verlangt ein viel entschiedeneres Vorgehen auch der Landespolitik. Er fordert beispielsweise eine Offensive für deutlich mehr Sozialwohnungen, viel höhere Investitionen in Bildung und Betreuung. Der Sozialverband VdK plädiert für einen jährlichen, „handlungsorientierten“ Sozialbericht, um besser auf Entwicklungen reagieren zu können. gha

Ulrike Peschelt-Elflein vom Landesvorstand des Verbands sagt, ein wesentlicher Grund für das hohe Armutsrisiko von Alleinerziehenden sei, „dass sie wegen fehlender Betreuungsmöglichkeiten viel seltener in Vollzeit arbeiten können und deshalb ein deutlich geringeres Einkommen haben“. Dabei hätten rund 80 Prozent der Alleinerziehenden einen mittleren bis hohen Bildungsabschluss. Sieben von zehn dieser Mütter mit Kindern über zehn Jahre arbeiteten, und dennoch seien viele auf Sozialleistungen angewiesen, auch aufgrund niedriger Löhne.

Darüber hinaus „zahlen viele Väter keinen Unterhalt. Der Unterhaltsvorschuss ist ein Schritt in die richtige Richtung, reicht in der Regel allerdings bei weitem nicht aus“, so dass „an allen Ecken und Enden Geld fehlt, egal ob für Kinderkleidung, Essen oder Urlaub“.

Ein weiteres Problem sei, dass es „so gut wie keine günstigen Wohnungen gibt, jedenfalls nicht dort, wo die Arbeitsplätze sind. Und auf dem Land sind die Mietpreise ebenfalls stark gestiegen.“ Alleinerziehende haben Anspruch auf Wohngeld, doch es ist mit bürokratischen Hürden verbunden. Es fließt auch nur bei bestimmten Wohnungsgrößen, so Peschelt-Elfein. Alleinerziehende haben deshalb häufig kein eigenes Zimmer und damit keinen Rückzugsort. Sie teilen sich einen Raum mit ihrem Kind oder schlafen auf der Couch. „Das muss geändert werden.“ Das Land habe einiges getan, um Alleinerziehende zu unterstützen, beispielsweise während des Corona-Lockdowns als eines der ersten Bundesländer Alleinerziehende bei der Vergabe von Plätzen in der Notbetreuung einbezogen.

Landtagswahl in Hessen

Am  8. Oktober wählt Hessen einen neuen Landtag. Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre umfangreiche Berichterstattung in ihrem Onlinedossier zur Hessenwahl.

Die FR führt Interviews mit den Spitzenkandidat:innen. Zwei Podiumsdiskussionen überlegen, wie die Politik auf die aktuellen Krisen reagieren sollte, und wie sich Hessen engagiert in der Entwicklungszusammenarbeit, im fairen Handel und in der Integration von Menschen aus dem globalen Süden. Schließlich bringen wir Themenchecks zu zentralen Fragen der Hessenwahl.

Bei den Themen Wohnen und Betreuung müsse Hessen spürbar mehr tun. „Wir brauchen dringend mehr bezahlbare Wohnungen – wofür unter anderem gemeinnützige Baugesellschaften gestärkt werden müssen – und kostenfreie Kita- und Hortplätze, aber auch Betreuungszeiten, die es ermöglichen, in Vollzeit zu arbeiten.“ Auch müssten sich die hessischen Politiker:innen auf Bundesebene dafür stark machen, dass „das Ehegattensplitting – von dem vor allem reiche Paare profitieren und auch jene, die keine Kinder haben – abgeschafft wird, Alleinerziehende bei Steuern und Abgaben spürbar entlastet werden und eine Kindergrundsicherung kommt, die den Namen verdient“.

Die Situation von Daniela Weber hat sich gebessert. Ihr Mann zahlt Unterhalt, sie arbeitet in Teilzeit und studiert. Die Kinder sind größer und selbstständiger, sie stärker und stabiler: „Wichtig war auch die Erkenntnis, dass ich nicht persönlich versagt habe, sondern meine Probleme mit gesellschaftlichen und strukturellen Missständen zu tun haben. Dazu gehört die Tatsache, dass Care-Arbeit nach wie vor hauptsächlich von Frauen geleistet wird und dies mit Instrumenten wie dem Ehegattensplitting noch gefördert wird.“

Mittlerweile kämen sie finanziell zurecht, „wir haben jedoch kein Geld für ein Auto oder einen teuren Urlaub“. Weber legt Wert darauf, „dass wir Lebensmittel und andere Sachen in guter Qualität kaufen, ich bin aber sparsam, auch weil Essen teuer geworden ist. Ich achte auf Preise und weiß, wo ich ein Produkt 50 Cent günstiger bekommen kann.“ Dass sie sich wieder Bücher kaufen, die Interessen ihrer Kinder noch besser fördern oder für zwölf Euro beim Bäcker einkaufen könne, sei eine große Erleichterung. Neben finanzieller Entlastung und guter Ganztagsbetreuung fordert Weber, „Alleinerziehenden und ihren Kindern flächendeckend kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, etwa über kostenlose Eintrittskarten.“

Ein Problem bleibt: „Den Bescheid von der Rentenversicherung ertrage ich nur mit Sarkasmus. Ich sage dann zum Beispiel, ich werde wohl eine Bank überfallen müssen.“ Dennoch bleibt Weber zuversichtlich: Sie sei auf dem richtigen Weg und habe mit ihrem Studium im sozialen Bereich eine gute Perspektive. „Das gibt mir Auftrieb.“

Landtagswahl in Hessen: Themencheck Armut

Dieses Interview erscheint im Rahmen eines Themenchecks zur Hessenwahl. Weiterer Texte dazu:

Armut - das wollen die Parteien. Eine Zusammenstellung der Positionen.

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