Michael Roth

SPD-Bundestagsabgeordneter Michael Roth verlässt die Politik

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Im Amt ergraut: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth nach seiner Auszeit 2023.
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Nach 27 Jahren wird der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth nicht erneut antreten. So reagieren Sozialdemokraten aus dem Werra-Meißner-Kreis und dem Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg – Mit Bedauern, aber auch Verständnis haben heimische Sozialdemokraten auf den Rückzug des SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Roth reagiert. Der 53-jährige hatte in einem Interview des „Stern“ erklärt, dass er bei der nächsten Bundestagswahl nicht erneut kandidieren wolle. Als Gründe führte er eine „gewisse Entfremdung von seiner Partei und dem Politikbetrieb“ an. Bereits im vergangenen Jahr hatte Roth wegen mentaler Erschöpfung pausiert. „Ich habe den Biss nicht mehr. Ich spüre eine innere Distanz zum Betrieb. Jetzt ist mal Schluss mit Politik. Das ist ein gutes Gefühl“, sagte Roth im Stern-Interview.

Wegen seines frühen Eintretens für Waffenlieferungen an die Ukraine und sein kompromissloses Eintreten für Israels Selbstverteidigungsrecht nach dem Angriff der Hamas, war er auch in seiner eigenen Partei kritisiert worden. Jetzt führte er auch die „brutale Härte“ des Politikbetriebs für seinen Rückzug im Herbst 2025 an. „Nach 27 Jahren wird dann meine Arbeit als Bundestagsabgeordneter für unsere Heimat enden. Ich strebe auch kein anderes politisches Amt oder Mandat mehr an“, erklärte Roth.

„Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich meine Entscheidung getroffen habe, aber jetzt bin ich mit mir komplett im Reinen“, sagte der SPD-Politiker, der sich zurzeit im Osterurlaub befindet, gegenüber unserer Zeitung. Es gebe nie einen perfekten Zeitpunkt für eine solche Ankündigung, aber er habe noch vor Ostern auch für sich Klarheit schaffen wollen, denn er wollte auch nicht „flunkern“, wenn er gefragt werde.

Bis zu seinem endgültigen Ausscheiden wäre er noch 1,5 Jahre im Amt, wenn die Bundestagswahl wie vorgesehen im Herbst 2025 stattfindet, und wolle bis dahin bestmöglich seine Arbeit machen, „darauf können sich alle verlassen“, versprach Roth. Er habe keinen Plan B und habe auch noch kein neues Job-Angebot. „Da aber auch für mich das Renteneintrittsalter gilt, werde ich weiter erwerbstätig sein“ – nur wo, wisse er noch nicht. Er verabschiede sich aber definitiv von der Politik. Über eine mögliche Nachfolge als Kandidaten müssen dann die Parteigremien entscheiden.

1999: Michael Roth als junger Abgeordneter.

Selbst für langjährige Weggefährten und politische Parteifreunde kommt der angekündigte Rückzug von Michael Roth aus der Politik überraschend. So wussten etwa der Vorsitzende der SPD-Kreistagsfraktion in Hersfeld-Rotenburg Manfred Fehr und der Bürgermeister von Roths Heimatstadt Heringen, Daniel Iliev, nicht vorab von seinen Plänen. „Wir verlieren damit hier einen super-engagierten Abgeordneten, der viel für unsere Region getan hat“, sagt Iliev und fügt traurig hinzu, dass sich der Gedanke für ihn „merkwürdig anfühlt“. Roth sei ein „Mensch und Politiker zum Anfassen“ gewesen, vor Ort „stets präsent und nicht abgehoben“, sagt Iliev und würdigt Roths Engagement für Fördergelder, die Bad Hersfelder Festspiele und die ICE-Schnellbahntrasse.

Sehr bedauerlich aber verständlich findet Manfred Fehr aus Rotenburg den angekündigten Rückzug. „Der Politikbetrieb im Moloch Berlin ist auf die Dauer eine große Bürde“, sagt Fehr. Nach einer solch langen Zeit im Bundestag spüre man irgendwann den Druck, gerade in politisch so schwierigen Zeiten. Er persönlich unterstütze die Haltung Roths etwa zum Ukraine-Krieg und der Unterstützung Israels. Der SPD-Unterbezirksvorsitzende und Landrat von Hersfeld-Rotenburg Torsten Warnecke, der zu Beginn seiner politischen Karriere als Büroleiter von Roth gearbeitet hatte, würdigte ebenfalls die langen Verdienste von Michael Roth in verschieden zugeschnittenen Wahlkreisen. „Aber immer Hersfeld-Rotenburg mittendrin. Und immer seine Heimatstadt Heringen.“ Er habe sich vielfältig und unermüdlich für seine Heimatregion eingesetzt.“ Er und die Bürger des Kreises seien dafür dankbar. Auch jetzt stünden noch viele Monate der Abgeordnetentätigkeit an. Und wichtige Entscheidungen auf Bundesebene für Hersfeld-Rotenburg“, so der Landrat. Über einen möglichen Nachfolger als Bundestagskandidaten wollten die SPD-Politiker noch nicht spekulieren. Schließlich sei Roth ja vermutlich noch anderthalb Jahre im Amt.

Mit Verständnis, aber gleichzeitig mit großem Bedauern reagiert Karina Fissmann, Landtagsabgeordnete der SPD für den Wahlkreis 10 (Rotenburg) und zugleich Vorsitzende der Sozialdemokraten im Kreistag Werra-Meißner, auf die Rücktrittsentscheidung Michael Roths – schließlich habe er in den vergangenen 27 Jahren viel für die Region bewegt: „Am Kabinettstisch in Berlin war er Sprachrohr und Botschafter für unsere Region und den ländlichen Raum“. Karina Fissmann wünscht sich nun, dass die Region künftig weiterhin mit einem leidenschaftlichen Verfechter von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im Deutschen Bundestag vertreten sein wird. Denn: „Dieser Tage braucht es mehr denn je wahre Demokraten wie Michael Roth, die Hass und Hetze konsequent entgegentreten.“

Mit Michael Roth verliere die Region einen wahren Kämpfer, „den man zu jeder Tages- und Nachtzeit kontaktieren konnte und der sich den Problemen immer auch angenommen hat“, sagt Sontras Bürgermeister Thomas Eckhardt (SPD) hörbar bewegt. Roth sei stets erster Ansprechpartner für ihn bei Bundesthemen gewesen und habe sich in seiner äußerst engagierten Art und Weise für die Region eingesetzt – nicht zuletzt auch beim Thema Autobahn 44.

Der Abschied von „einem Großen der Politik“, er falle schwer, bedauert Knut John, Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Werra-Meißner. Michael Roth zeichne aus, dass er „sagt, was er denkt“; er versprühe immer Zuversicht. Mehr noch: „Michael Roth ist ein Freund. Freunde sind nicht einfach mal weg. Freunde stehen immer bereit, um zuzuhören oder Rat zu geben“. Die Arbeit für die Sozialdemokratie gehe immer weiter, so Knut John; ganz egal, in welcher Position. „Unabhängig von politischen Differenzen zollen wir Michael Roth Anerkennung für seine Bemühungen in der Unterstützung für die Ukraine und Israel in den vergangenen Monaten und Jahren“, sagt Stefan Schneider, Vorsitzender der CDU Werra-Meißner. „Sein offener Umgang mit seiner psychischen Erkrankung ist beachtenswert und wir wünschen ihm alles Gute für seinen privaten und beruflichen Lebensweg.“ (Kai A. Struthoff/ Emily Hartmann)

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