VonMichael Bayerschließen
Seit zwei Jahren laufen Planung und Vorarbeiten. In der Nacht zum Dienstag hat die Deutsche Bahn die Hauptphase ihres größten Infrastruktur-Programms seit Jahrzehnten eingeläutet.
Im südhessischen Gernsheim haben Bahnchef Richard Lutz und Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) gemeinsam auf einen symbolischen Startknopf gedrückt. Um 23 Uhr sollte der Strom auf den Oberleitungen abgestellt werden – und damit die fünfmonatige Generalsanierung der Riedbahn zwischen Frankfurt, Biblis und Mannheim beginnen.
Während der Sperre tauschen Tausende Baufachleute Gleise und Fahrdrähte aus, errichten Lärmschutzwände und modernisieren Bahnhöfe und Bahnsteige. Zudem erneuern und digitalisieren sie die Leit- und Sicherungstechnik. Erstmals werden damit all diese Dinge gleichzeitig angegangen, unabhängig von ihrem Zustand.
Infrastrukturbedingte Störungen sollen um mehr als 80 Prozent verringert werden
Die Bahn verspricht „greifbare und immense Effekte“. Der Umbau der Riedbahn schaffe Planungssicherheit: „Mindestens fünf Jahre lang werden auf der Strecke keine größeren Bauarbeiten mehr erforderlich sein“, heißt es in einer Stellungnahme. Verkehrsminister Wissing erklärte, die Bündelung bringe deutlich mehr Tempo bei den Bauarbeiten: „Ohne die Komplettsperre würden wir nicht fünf Monate, sondern sechs bis acht Jahre lang benötigen.“
Bahnchef Lutz kündigte an, nach Abschluss der Arbeiten könnten infrastrukturbedingte Störungen um mehr als 80 Prozent verringert werden. Derzeit gibt es auf der Riedbahn nahezu täglich technische Probleme, die auf das komplette Bahnnetz ausstrahlen. Zusätzliche Überholmöglichkeiten sollen ebenfalls dazu beitragen, dass die Züge pünktlicher fahren werden als bisher.
„Wir haben alles aus dem Eisenbahnsystem herausgeholt, was geht“
Mit Blick auf unpünktliche Fernzüge während der Fußball-Europameisterschaft sagte Lutz: „Wir haben alles aus dem Eisenbahnsystem herausgeholt, was geht.“ Die dennoch aufgetretenen Probleme hätten die strukturellen Schwächen wie unter dem Brennglas offengelegt. „Wir fangen jetzt an, an der langfristigen Gesundung des Eisenbahnsystems zu arbeiten.“
Der Vizepräsident der Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen, Marcus Herwarth, berichtete, die Generalsanierungen höben sich „in ihrer Komplexität und Fülle von Leistungen von vielen anderen Projekten im Gleisinfrastrukturbau ab“. Nötig sei deshalb „partnerschaftliches Bauen“, beispielsweise in Form kurzer Wege und Absprachen zwischen Bahn und ausführenden Firmen.
Die Einzelprojekte
Zusätzliche Überholstellen: Weichen bei Groß Gerau-Dornberg, Riedstadt-Goddelau und Bürstadt sollen möglich machen, häufiger die Gleise zu wechseln. Das ist wichtig, damit Züge bei Störungen oder Bauarbeiten schnell ausweichen können. Zudem dürfen sie so abschnittsweise auf beiden Gleisen in die gleiche Richtung fahren.
Schnellere Kurve: In Biblis müssen Züge abbremsen auf 90 Kilometer pro Stunde. Ein anderer Unterbau und eine neue Weiche sollen dort künftig 100 Kilometer erlauben.
Schnellere Weichen: In Mörfelden und Walldorf bekommen die Weichen zu den Überholgleisen einen anderen Radius. Auch das bringt mehr Tempo.
Weitere Arbeiten: In Frankfurt wird auf der Höhe Louisa ein Bahnübergang technisch besser gesichert. Und vor der Main-Neckar-Brücke erlaubt ein zusätzliches Signal, dass Züge von der Main-Neckar-Bahn parallel zu jenen der Riedbahn rollen können.
Auch ICE-Strecke zwischen Köln und Frankfurt gesperrt
In den kommenden knapp vier Wochen ebenfalls gesperrt wird die ICE-Schnellfahrstrecke zwischen Köln und Frankfurt. Bis zum 12. August müssen sich Reisende nach Bahnangaben auf Zugausfälle und Verspätungen zwischen 40 und 90 Minuten einstellen. Da die Züge umgeleitet werden, entfallen die Halte Siegburg/Bonn, Montabaur und Limburg Süd. Sie seien mit Bus-Ersatzverkehr erreichbar. In den vier Wochen sollen entlang der Strecke 70 Kilometer Gleise und 13 Weichen erneuert werden.
Wissing hat wiederholt kritisiert, dass in den vergangenen Jahren zu wenig Geld in die Sanierung der Bahn gesteckt wurde. Das untermauern Zahlen des Lobbyverbands Allianz Pro Schiene: Demnach lagen die Pro-Kopf-Investitionen in die Schiene in Deutschland 2023 bei 115 Euro – nur einen Euro mehr als 2022. „Der leichte Zuwachs reicht bei weitem nicht aus, um die Steigerungen der Baupreise auszugleichen“, sagte Andreas Geißler, Leiter Verkehrspolitik bei dem Verband.
Für das laufende Jahr rechnet Geißler mit einem Sprung auf 174 bis 215 Euro. Die Schweiz investierte 477 Euro pro Einwohner:in ins Schienennetz, Österreich 336 Euro. Spanien und Frankreich gaben mit 70 Euro und 51 Euro weniger aus als Deutschland. (Michael Bayer)
Zum Thema
Alle Infos: Die Frankfurter Rundschau bündelt ihre Berichterstattung zur Generalsanierung im Onlinedossier Riedbahn.
Kommentar: Die unabdingbaren Generalsanierungen der Bahnstrecken sind nur ein Schritt, dem der Ausbau des Schienennetzes folgen muss.
Schafft die Bahn die Generalsanierung der Riedbahn? Und alle weiteren 40 Projekte? Die FR hat mit der Bahn, der Industrie und der Fahrgastvertretung darüber gesprochen. Ergebnis: Die Herausforderung könnte kaum größer sein.
Wertgeschätzt wie sonst das Topmanagement: Die Deutsche Bahn holt Fahrpersonal für den Ersatzverkehr aus dem Ausland – und setzt alles daran, es nicht zu verlieren.
Der Ersatzverkehr funktionierte Anfang Januar nicht immer reibungslos. „Bus finished“ - Eindrücke aus einem zunächst entspannten Samstagnachmittag.
Prominenz auf der Riedbahn: Verkehrsminister Volker Wissing und Bahnmanager informierten sich im November 2023 vor Ort - und die FR war auch dabei. Die Reportage.

