Weiter im Dauereinsatz: Neben dem Hochwasser fordert die Feuerwehr auch ein Brand in Unterstedt

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Sandsäcke schützen den Stadtspeicher vor Hochwasser: Sie werden nur an die ausgeteilt, die sie wirklich brauchen und sind vielleicht auch deshalb noch ausreichend vorhanden.
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    Holger Heitmann
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Die Feuerwehr beendet den Dreischicht-Betrieb, das heißt: Wenn nun wieder ein Keller unter Wasser steht, gibt es den üblichen Alarm auf den Pieper. Das ist das Ergebnis der Besprechung des Krisenstabs von Behörden und Einsatzkräften am Mittwochnachmittag im Obergeschoss der Rotenburger Feuerwehrzentrale.

Rotenburg/Unterstedt – Eigentlich wollte Joan Sommer sich zum Frühstücken gerade auf eine der Bänke in der Rotenburger Feuerwehrzentrale setzen. Da geht am Mittwochmorgen wieder der Alarm. Diesmal ist es kein Hochwassereinsatz, sondern ein Brand. Am Unterstedter Schulweg steht die Lagerhalle auf einem Bauernhof in Flammen, starker Rauch entweicht dem Gebäude. Glück im Unglück für die Anwohner: Die Feuerwehrleute haben gerade wieder ihren Bereitschaftsdienst aufgenommen, stehen in großer Zahl bereit, um auszurücken. Auch wenn das Frühstück erst einmal warten muss.

Am Mittag ist das Feuer in Unterstedt gelöscht, mehr als 100 Brandbekämpfer sind im Einsatz gewesen, viele mit schweren Atemschutzgeräten auf dem Rücken. Auch wenn viele Fahrzeuge und Geräte aus der Halle gerettet wurden, entstand laut Polizei ein Schaden von geschätzten 80 000 Euro, die Brandursache werde noch ermittelt.

Frühstück fällt aus: Die Feuerwehr löscht am Mittwochmorgen die brennende Lagerhalle auf einem Bauernhof am Unterstedter Schulweg.

An Heiligabend 21 Stunden im Dienst

Brand-, Hochwasser- und Gefahrgut-Einsätze wechseln sich in diesen Tagen ab, diese Abwechslung sei anspruchsvoll und anstrengend, erzählt Sommer. Ansonsten will er nicht klagen. In der Nacht auf Mittwoch hat er sich mal ausgeschlafen. An Heiligabend ist er 21 Stunden im Einsatz gewesen, „das war schon heftig“, seine Weihnachtsgeschenke liegen noch unterm Baum. Bei der Familie hat er nur für eine Minute reingeschaut, die Eltern und die Freundin hätten aber Verständnis. Dass er seit dem 22. Dezember für seine Feuerwehr im Dienst ist, ist dem 23-Jährigen nicht anzusehen, die Augenringe sind noch – oder wieder – kleiner als die Augen. „Muskelkater habe ich, ansonsten geht es, dafür macht man Sport.“

Dafür, das heißt derzeit vor allem, Sandsäcke zu Hochwasseropfern zu bringen und deren Keller auszupumpen. „Manche haben Tränen in den Augen, weil wir endlich kommen“, berichtet Sommer. 360 Kilometer habe sein Feuerwehrfahrzeug in den vergangenen Tagen im Stadtgebiet zurückgelegt. Manche entschuldigen sich noch, die Feuerwehr gerufen zu haben, obwohl im Haus das Wasser steht. Kurz: Die Feuerwehrleute spüren die Dankbarkeit der Bevölkerung, nicht nur der Betroffenen. Manche bringen Süßigkeiten in die Einsatzzentrale.

Dankbarkeit der Bürger ist zu spüren

Feuerwehrsprecherin Natascha Carstensen berichtet auch, dass Menschen die Feuerwehr rufen, obwohl das wenige Wasser auf dem Boden eher ein Fall für den Wischmopp als für die Einsatzkräfte ist. Sandsäcke bekommen nur die, die sie wirklich brauchen. Aber das könne man den Menschen vor Ort erklären. Böse Worte gegen die Feuerwehrleute gebe es in Rotenburg nicht. Der Ärger richtet sich gegen die Flut, die meisten seien gefasst.

Weihnachten ist keine schöne Zeit, um sich den Keller auspumpen zu lassen, aber eigentlich haben die Bürger fast Glück mit diesem Zeitpunkt. „An einem normalen Montag sind viele Ehrenamtliche bei der Arbeit oder ihren Kindern und können nicht weg.“ An den Weihnachtstagen waren zahlreiche Feuerwehrleute nur zum Duschen und Schlafen zu Hause. Sonst bei ihrer zweiten Familie, der Feuerwehrwehr, wie Zugführer Sebastian Nieswandt es formuliert.

Feuerwehr stärker gefordert als beim Hochwasser von 2002

Seit Montagabend hatte die Wehr einen Dienstplan, vor allem um den Kameraden Auszeiten zu ermöglichen und die Belastung zu reduzieren. Wahrscheinlich ist es der größte Hochwassereinsatz in der Geschichte der Stadt. Auch größer als beim Sommer-Hochwasser 2002, als das Mühlenende besonders betroffen war. Damals sei es eine statische Lage gewesen, erinnert sich Nieswandt, auch wenn ein Stadtteil abgesoffen sei, diesmal sei das ganze Stadtgebiet an immer neuen Stellen betroffen gewesen. Nieswandt spricht schon in der Vergangenheitsform, auch wenn die Lage noch angespannt sei, weil der Pegel nur langsam sinkt und das Kanalnetz gefüllt sei. Der Pegelstand der Wümme an der Messstelle des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft in Hellwege stand am Mittwoch noch bei 2,81 Meter – 27 Zentimeter unter dem Allzeit-Hoch vom 27. Juli 2002.

Am Mittwoch musste in Rotenburg ein Graben ausgepumpt werden, dessen Wasser das Gelände von Garten Grewe bedrohte. Die Arbeiten dort dauerten über Stunden bis in den Abend an, die Rotenburger Feuerwehr erhielt Unterstützung vom THW und von der Kreisfeuerwehrbereitschaft Mitte, dazu gehören Fahrzeuge der Feuerwehren in den Gemeinden Tarmstedt, Zeven und Sittensen.

Ab Mittwoch ab 18 Uhr sollte wieder der Regelbetrieb gelten. „Zwei, drei Einsätze pro Tag sind Alltagsgeschäft“, sagt Nieswandt. Sandsäcke seien wohl noch in ausreichender Zahl vorhanden. Auch Bürgermeister Torsten Oestmann warnt: „Die Lage ist nicht vorbei. Jetzt geht es an die Keller, das Wasser drückt weiter.“ Und: „Irgendwann müssen wir wieder aufräumen.“

„Wir sind uns einig, dass der Einsatz hervorragend gelaufen ist.“

Rotenburgs Bürgermeister Torsten Oestmann

Seit dem Anstieg der Flüsse und des Grundwassers verzeichnete die Feuerwehr in Rotenburg laut Carstensen rund 140 Einsätze. Zum Vergleich: Im bisherigen Jahresverlauf waren es zuvor etwa 300. Belastend sei der Dezember gewesen, sagt Nieswandt, auch mit etwas Stolz in der Stimme. Die Moral und Laune seien nach wie vor so gut, wie es denn geht. „Dass Wehren aus weniger betroffenen Gebieten wie Visselhövede und Bothel und auch das THW und DRK uns geholfen haben, zeigt den starken Zusammenhalt der Einsatzkräfte.“ Lob kommt auch aus der Politik, etwa von Oestmann: „Wir sind uns einig, dass der Einsatz hervorragend gelaufen ist.“ „Die Kommunen haben die Lage sehr gut gemeistert“, ist auch das Fazit von Landrat Marco Prietz (CDU).

Joan Sommer, trotz seines jungen Alters schon seit sieben Jahren dabei, hat so eine Fülle von Einsätzen „noch nie“ erlebt. Immerhin hat er noch einige Tage frei und kann nun vielleicht endlich die Geschenke öffnen, die unterm Weihnachtsbaum auf ihn warten.

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