Hochwasser-Lage spitzt sich zu: Zehntausende Sandsäcke sichern Verdener Innenstadt

+
In großer Breite und mit voller Wucht: die Aller im Bereich des Fischerviertels.
  • schließen

Zur Sicherung der Verdener Innenstadt sind hundert Brandschützer rund um die Uhr im Einsatz. Außerdem wurden Kräfte aus Cuxhaven und Diepholz angefordert.

Verden/Achim – Die Hochwasserlage im Landkreis Verden hat sich am Freitag, 29. Dezember, zugespitzt. In der Stadt Verden wurden über das Fischerviertel hinaus weite Teile der Innenstadt abgesperrt und mit Sandsäcken abgesichert. Am Vormittag trafen rund 190 Einsatzkräfte der Kreisfeuerwehrbereitschaft Cuxhaven zum Unterstützen der örtlichen Feuerwehren ein.

Gleichzeitig stiegen die Pegel weiter, moderat zwar, um vier bis fünf Zentimeter, aber zwischenzeitliche Wolkenbrüche führten zu einer nächsten Stufe der angespannten Lage und für das Wochenende sind ebenfalls ergiebige Regenfälle vorhergesagt. Aufgrund der prekären Lage haben Stadt und Landkreis ein Feuerwerks-Verbot erörtert, aber am Ende nicht verhängt. Es blieb beim Appell, auf das Zünden von Raketen und Knallkörpern zu verzichten. Lediglich in der Achimer Innenstadt gilt ein solches Verbot.

In Verden ist die Aller über ihre Ufer getreten. Die Südbrücke in die Altstadt wurde am Freitag wegen des Hochwassers gesperrt.

„Wir liegen inzwischen nur noch wenige Zentimeter von den Pegel-Höchstständen entfernt“, hieß es am Vormittag in einer ersten Lage-Beurteilung der Kreisfeuerwehr. Anschließend verschärfte sich die Situation praktisch von Stunde zu Stunde. Bis zum Abend wurde die Verdener Innenstadt zwischen Fußgängerzone und Aller vollständig gesperrt, es folgten weitere Bereiche in Richtung Allerstraße. Vorausgegangen war ungewöhnlich regnerisches Wetter, das die Hochwasser-Entwicklung begünstigt hatte.

Zufahrtsstrecken rund um Verden wegen Hochwasser gesperrt

Auch für nächste wichtige Zufahrtsstrecken wurde der Fahrzeugverkehr untersagt. Seit Donnerstag beispielsweise für die Südbrücke in Verden. An der Zufahrt, dem Klusdamm, kam es zu einem größeren Qualmwasseraustritt, der durch Quellkaden gemeinsam von Feuerwehr und THW gesichert wurde. Weiterhin finden im gesamten Kreisgebiet regelmäßige Kontrollfahrten der Deichverbände, Feuerwehren und dem THW an den Deichanlagen statt.

Damit steht im gesamten Landkreis nur noch eine Brücke über die großen Ströme zur Verfügung, die Nordbrücke über die Aller. Im weiteren Umfeld ist bereits seit Donnerstagabend die Zufahrt zur Weser-Brücke in Hoya geschlossen.

Helfer legen Sandsäcke im Fischerviertel.

In Verden spitzte sich zunächst die Lage im Fischerviertel zu. Die komplette Fahrbahn auch der zweiten Parallelstrecke ist seit Freitag überspült, die Häuser wurden durchgängig mit Sandsäcken gesichert. An der Reeperbahn quoll Wasser aus der Kanalisation empor und machte die Strecke unpassierbar. Im angrenzenden Allerpark stand das Nass kniehoch hinter der Schutzmauer. Am Übergang zum provisorischen Parkplatz vor Lebenshilfe und neuem Gebäude der Staatsanwaltschaft schufen Brandschützer einen Deich aus Sandsäcken.

Nördlich der Allerbrücke gerieten erste Bereiche an der Allerstraße unter Hochwasser-Einfluss. Auch hier verlegten die Einsatzkräfte Sandsäcke. Am Nachmittag veröffentlichte das Rathaus den Hinweis, Fahrzeuge seien umgehend von den Parkplätzen an Reeperbahn, Blumenwisch und Norderstädtischem Markt zu entfernen. Aufkommendem Hochwasser-Tourismus wurde in diesem Bereich mit einem Zugangsverbot für Passanten begegnet. Parallel dazu fanden umfangreiche Sicherungs- und Pumpmaßnahmen am Jugendhof Sachsenhain im Ortsteil Dauelsen statt.

Hochwasser in Norddeutschland – Die Bilder der extremen Wetterlage

Verden von oben fotografiert. Die Aller ist bis in die Altstadt über die Ufer getreten.
In Verden ist die Aller über ihre Ufer getreten. Die Südbrücke in die Altstadt wurde am Freitag wegen des Hochwassers gesperrt. © dpa
Hochwasser und Überschwemmungen der Aller in der Region Heidekreis nach tagelangen starken Regenfällen.
Auch der Heidekreis in Niedersachsen ist nicht vor Überschwemmungen gefeit. Bis zum Jahreswechsel könnten Regen und Sturm die Lage weiter verschlechtern. © Ulrich Stamm/IMAGO
Hochwasser in Hoya: Impressionen von Donnerstag
Hochwasser in Hoya: Impressionen von Donnerstag © Oliver Siedenberg
Umgeben von Wasser ist dieser Feldhase.
Umgeben von Wasser ist dieser Feldhase. © Dorn
Feuerwehrleute stehen in der Nacht am Deich und reichen Sandsäcke.
Mit Sandsäcken bauten die Einsatzkräfte Quellkaden auf, um die Schadstellen einzugrenzen. © Kreisfeuerwehr Verden/Oestmann
Hochwasser in Niedersachsen: Eine vom Wasser überspülte und abgesperrte Straße.
Die L330 zwischen Hoya und Hassel ist seit Donnerstagnachmittag wegen des Hochwassers unpassierbar. © Moritz Frankenberg/dpa
Einsatzkräfte bauen eine Sandsacke-Sperre gegen Hochwasser.
Auch am Serengeti-Park in Hodenhagen sind viele Helfer im Einsatz gegen das Hochwasser. © Philipp Schulze/dpa
Hochwasser in Hoya: Impressionen von Donnerstag
Hochwasser in Hoya: Impressionen von Donnerstag © Oliver Siedenberg
Hochwasser in Niedersachsen - Lilienthal Wörpe Wümme
Ein Gartenhaus steht hinter einem durchweichten Deichabschnitt an der Wörpe in Lilienthal. Durch das Hochwasser des Flusses sowie der nahegelegenen Wümme gab es in der Nacht einen Deichriss. © Focke Strangmann/dpa
Der Serengeti Park Hodenhagen von oben fotografiert. Mehrere Flächen sind überflutet.
Der Serengeti-Park in Hodenhagen steht teilweise unter Wasser. Viele Tiere müssen evakuiert werden. © Philipp Schulze/dpa
Serengeti-Park-Leiter Fabrizio Sepe begleitet Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) laufen auf einer Straße.
Serengeti-Park-Leiter Fabrizio Sepe begleitet Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in der aktuen Hochwasser-Lage. © Klaus Müller
Heidschnucken-Rettung der DLRG ist im vollen Gange.
Mehrere Heidschnucken wurden am Mittwoch von der DLRG in der Nähe von Hannover vor dem Hochwasser gerettet. © Karsten Hölscher/dpa/DRLG Wedemark
Niedersachsen, Überschwemmungen in der Region Hannover Hochwasser und Überschwemmungen der Leine
Hochwasser und Überschwemmungen bei Hannover © Ulrich Stamm/Imago
Niedersachsen, Überschwemmungen in der Region Hannover
Überschwemmungen in der Region Hannover  © Ulrich Stamm/Imago
Niedersachsen, Überschwemmungen in der Region Hannover
Hochwasser und Überschwemmungen der Leine. © Ulrich Stamm/Imago
Niedersachsen, Überschwemmungen in der Region Hannover
Überschwemmungen in der Region Hannover. © Ulrich Stamm/Imago
Hochwasser in Niedersachsen, Hagen-Grinden
Ein Wohnhaus am Deich auf der Weserinsel Hagen-Grinden. Das Hochwasser ist auch hier angekommen. © Christof Dathe/dpa
Hochwasser in Niedersachsen - Weser
Eine Schild „Parkplatz für Busse“ schaut aus dem Hochwasser. Der Wasserstand der Weser ist in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen. Angesichts anhaltender Regenfälle und gesättigter Böden bleibt die Hochwassergefahr in Teilen von Deutschland hoch. © Friso Gentsch/dpa
Hochwasser in Bremen-Borgfeld: Anwohner transportiert Nachbarn per Kanu
Ein Mann in Bremen-Borgfeld half per Kanu. Er brachte Anwohner zu ihren Häusern und transportierte Pumpen für die Feuerwehr. © Nord-West-Media TV
Die Feuerwehr deponierte Sandsäcke an der Astruper Straße.
Die Feuerwehr deponierte Sandsäcke an der Astruper Straße. © Archiv: Feuerwehr
Ein Trecker zieht einen Wohnwagen vom Wieltsee weg. Die Weser ist in Dreye über die Ufer getreten.
Ein Trecker zieht einen Wohnwagen vom Wieltsee weg. Die Weser ist in Dreye über die Ufer getreten. © Sigi Schritt
Hochwasser in Niedersachsen – Oker
Die hochwasserführende Oker überflutet in Oker teilweise die Promenade. Für die Flussgebiete der Oker und der Innerste warnte der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) vor einer weiteren Verschärfung der Hochwasserlage. © Thomas Schulz/dpa
Hochwasser in Niedersachsen - Sarstedt
Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident Niedersachsen, steht am Fluss Innerste im Landkreis Hildesheim. Weil machte sich an verschiedenen Orten ein Bild der angespannten Hochwassersituation in Niedersachsen. © Julian Stratenschulte/dpa
Der Lauf des Klosterbachs in Stuhr ist mittig noch zu erkennen. Das Wasser ist an Weihnachten jedoch weit über das Ufer getreten.
Der Lauf des Klosterbachs in Stuhr ist mittig noch zu erkennen. Das Wasser ist an Weihnachten jedoch weit über das Ufer getreten. © Rainer Jysch
Hochwasser in Niedersachsen
Das Hochwasser am Weserwehr im Landkreis Verden (Aufnahme mit Drohne). Zufahrt und Durchfahrt sind seit Weihnachten gesperrt. Laut der Behörden in Niedersachsen bleibt die Hochwasser-Lage in den nächsten Tagen weiter angespannt. © Christof Dathe/dpa
Stadtspeicher Hochwasser
Mit „Big Packs“ wird die Mauer am Rotenburger Stadtspeicher gestützt. © Michael Krüger
Hochwasser Samtgemeinde Hoya
Hochwasser Samtgemeinde Hoya © Oliver Siedenberg
Hochwasser in Niedersachsen - Okertalsperre
Die Hochwasserentlastungsanlage lässt Wasser aus der komplett gefüllten Okertalsperre im Harz. © Julian Stratenschulte/dpa
Hochwasser in Niedersachsen – Leda
Hochwasser vom Burlage-Langholter Tief, einem Nebenfluss der Leda. © Lars Penning/dpa
Hochwasser in Niedersachsen – Leda
Einsatzkräfte der Feuerwehr versuchen die Ortschaft zu sichern, nachdem das Hochwasser vom Burlage-Langholter Tief, einem Nebenfluss der Leda, über die Deiche trat. © Lars Penning/dpa
Hochwasser in Niedersachsen – Feuerwehr
Einsatzkräfte der Feuerwehr versuchen mit Sandsäcken das Wasser in Schach zu halten. © Lars Penning/dpa
Hochwasser in Niedersachsen - Schloss Marienburg
Das Schloss Marienburg in der Region Hannover steht vor überfluteten Feldern am Fluss Leine. © Julian Stratenschulte/dpa
Hochwasser in Niedersachsen - Ruthe im Landkreis Hildesheim
Hochwasser in Niedersachsen: Der Fluss Innerste mündet an der Ortschaft Ruthe im Landkreis Hildesheim in den Fluss Leine. © Julian Stratenschulte/dpa

Zwischenzeitliche Irritationen löste die Debatte um ein Feuerwerksverbot aus. Nachdem die Gemeinde Lilienthal ein solches zum Schutz vor Überbeanspruchung der Brandschützer verhängt hatte, sei auch im Landkreis Verden eine ähnliche Vorgehensweise erwogen worden. Das bestätigte auf Nachfrage etwa Verdens Bürgermeister Lutz Brockmann. Letztendlich habe man sich nur zu einem Appell auf Feuerwerk-Verzicht durchgerungen.

Kein Böller-Verbot im Landkreis Verden, aber dringender Appell an Feiernde

„Böllern ist grundsätzlich erlaubt. Es bedarf schon sehr gewichtiger Gründe, ein Verbot anzuordnen. Diese Gründe liegen hier nicht vor“, erklärte auf Nachfrage Landkreis-Pressesprecher Ulf Neumann. Generell sei die Lage in Lilienthal und Verden nicht vergleichbar. Eine solche Entscheidung müsse einer rechtlichen Prüfung standhalten, und das sei hier nicht gegeben. Zudem sei ein Verbot nur sehr schwer durchzusetzen.

Die Kreisverwaltung widersprach unter anderem der Meldung einer Nachrichtenagentur, die von einem kreisweiten Böllerverbot berichtet hatte. Brockmann appellierte an die Bevölkerung, zumindest den Bereich großräumig an und auf der Südbrücke von Feuerwerk zu verschonen.

Tausende Sandsäcke wurden am Allerpark gestapelt.

Mit zunehmender Dauer gerieten auch in Verden die Brandschützer an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Rund um die Uhr sei die Einsatzstärke auf knapp 100 Kräfte gehalten, teilte der Kreisfeuerwehrverband mit. So gut es ging, sei Ablösung bereitgestellt. Mehrfach kam es zu Sirenenalarm, um weitere Kräfte zu mobilisieren. Zudem wurde nur einen Tag, nachdem der Landkreis die Vorstufe zum Katastrophenfall festgestellt hatte, das sogenannte „außergewöhnliche Ereignis“, von den Möglichkeiten dieser Anordnung Gebrauch gemacht.

Die Kreisfeuerwehrbereitschaft Cuxhaven wurde mit bis zu 190 Kräften angefordert. Benötigt würden sie, um die Verdener Brandschützer in der Nacht zu entlasten. Die Kräfte von der Nordsee sammelten sich an den Berufsbildenden Schulen und starteten unter anderem mit dem Befüllen von Sandsäcken. Zehntausende seien inzwischen gefüllt, heißt es. Am Abend machte sich zudem eine Kreisfeuerwehrbereitschaft aus dem Landkreis Diepholz auf dem Weg in den Landkreis Verden, um die örtlichen Einsatzkräfte weiter zu entlasten und Personalreserven zu bilden.

[Die wichtigsten Nachrichten von kreiszeitung.de für Ihre Region gibt es jetzt auch bei WhatsApp. Hier können Sie unseren neuen, kostenlosen WhatsApp-Kanal abonnieren.]

Allerdings hatten die Brandschützer nicht nur mit dem Hochwasser zu kämpfen, sie mussten auch auf Falschmeldungen in den sozialen Medien reagieren. Unter anderem hieß es dort, der Deich bei Hutbergen sei gebrochen, ein Seniorenheim in Langwedel sei evakuiert. „Beides trifft nicht zu“, sagt Feuerwehr-Pressesprecher Dennis Köhler. „Der Deich wurde frühzeitig verfestigt, das Seniorenheim ist lediglich auf den Fall einer Evakuierung vorbereitet worden. Deshalb wurden Sandsäcke geliefert.“

Kommentare