VonEva Burghardtschließen
Das Aussteigerprogramm „Kurve kriegen“ aus NRW hat offenbar Vorbildcharakter: In Schweden gibt es nun ein ähnliches Konzept. Andere Länder zeigen ebenfalls Interesse.
Düsseldorf – „Rätt Kurva“ heißt das Kriminalitätspräventionsprogramm für Kinder und Jugendliche auf Schwedisch, also „richtige Kuve“. Seit dem 1. September 2023 läuft der Ableger des deutschen Programms „Kurve kriegen“ aus NRW in den Städten Södertälje, Linköping und Göteborg. „Was bei uns funktioniert, funktioniert auch in Schweden“, sagte Herbert Reul bei einem Termin mit der stellvertretenden, schwedischen Botschafterin Jenny Lennung Malmqvist. Das Programm richtet sich insbesondere an Kinder und Jugendliche aus dem Mileu der Clan-Kriminalität, die seit einigen Monaten auch in NRW wieder hochkocht.
„Kurve kriegen“ dient als Erfolgsmodell für Schweden
„Kurve kriegen“ ist eines der am besten wissenschaftlich evaluierten Kriminalpräventionsprogramme im Bereich der Kinder- und Jugendkriminalität in Deutschland. Dass sich das Sozialverhalten der Absolventen maßgeblich verbessert, ist laut Bundesinnenministerium wissenschaftlich bestätigt. Demnach begehen 40 Prozent der Absolventen gar keine Straftaten mehr; bei den restlichen 60 Prozent halbierte sich die Anzahl der Delikte. Im Bereich der Körperverletzung gibt es einen Rückgang um 75 Prozent. Im November 2022 hatte das Programm bereits tausend erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen. In 2023 nehmen knapp 40 Kinder und Jugendliche aus NRW an dem Programm gegen Clan-Kriminalität teil.
Die Teilnehmerzahl war zuvor gerade im Ruhrgebiet eher mäßig hoch gewesen. NRW-Innenminister Herbert Reul hatte noch im Januar im Interview mit wa.de zum Thema Clan-Ausstieg betont: „Wir können sie nicht zwingen, aber werden immer wieder versuchen, diese Menschen zum Ausstieg aus kriminellen Clanstrukturen zu bewegen.“
Wer macht mit bei „Kurve kriegen“ in Deutschland?
►Die Initiative „Kurve kriegen“ wurde 2011 in NRW gestartet und soll Kinder und Jugendliche vor einer „Intensiväterkarriere“ bewahren, so das Innenministerium. Dabei geht es darum, früh zu erkennen, wenn Kinder auffällig werden und entsprechend zu reagieren.
► „Kurve kriegen“ richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren.
►Pädagogische Fachkräfte, die an die Polizeibehörden angebunden sind, gehen auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ein
► Seit 2017 haben 22 weitere Kreispolizeibehörden Nordrhein-Westfalens „Kurve kriegen“ übernommen.
► Insgesamt ist das Programm mittlerweile in 42 von 47 Behörden etabliert.
Bei einer Fachkonferenz zum Thema Clankriminalität wurde „Kurve kriegen“ im November 2021 in Stockholm vorgestellt. So wurde die schwedische Polizei auf das Programm aufmerksam. Denn auch in Schweden sind immer mehr Kinder und Jugendliche an Delikten aus dem Bereich der Clankriminalität beteiligt. Wie verschiedene Medien berichten, kommt es dabei in den letzten Jahren immer öfter zu Schießereien auf offener Straße. Laut Informationen des SWR wurden im Jahr 2022 in Schweden so viele Menschen erschossen wie nie zuvor.
Andere europäische Länder haben auch Interesse an dem Programm
Laut nordrhein-westfälischem Innenministerium bewertet die „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (OSZE) das Programm „Kurve kriegen“ als „Best-Practice-Ansatz“ im Bereich der Prävention von Jugendkriminalität. Innenminister Herbert Reul betont: „Ob hier oder in Skandinavien: Junge Menschen, die auf Abwegen unterwegs sind, müssen wir wieder auf Kurs bringen.“ ,Kurve kriegen‘ sei dabei von einem nordrhein-westfälischen zu einem internationalen Leuchtturmprojekt geworden. Tatsächlich könnte das Programm auch in anderen europäischen Ländern umgesetzt werden. Wie das Innenministerium mitteilt, haben Dänemark und die Niederlande bereits Interesse bekundet.
Was bedeutet Clan-Kriminalität?
► Wenn die Rede von Clans ist, sind meist bestimmte Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.0000 Menschen zu solchen Großfamilien. Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Einige aber haben sich zu Gruppierungen zusammengeschlossen, die Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität begehen.
► Viele gehören den sogenannten Mhallami an, einer arabischstämmigen Volksgruppe. Ihre Vorfahren wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben, kamen dann in den Libanon. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland. Häufig wird deshalb auch von Libanesen-Clans gesprochen.
► Als Clankriminalität bezeichnen die Behörden Straftaten, die sich aus diesen ethnisch abgeschotteten Subkulturen heraus entwickeln.
► Die kriminellen Clan-Mitglieder begehen schwere Straftaten, wie Menschenhandel, Betrug, Erpressung und Raub.
► Laut Landeskriminalamt gibt es bei jedem fünften Verfahren im Bereich der organisierten Kriminalität Bezüge zu Familienclans.
Der aktuelle Lagebericht des Landeskriminalamtes zeigt, dass die Clan-Kriminalität in NRW zunimmt. Besonders deutlich wurde das im Juni 2023, als in Essen und Castrop-Rauxel Mitglieder verfeindeter Clans aufeinander einschlugen. Der Vorfall hatte bei der Polizei für Kritik aus den eigenen Reihen an Innenminister Reul gesorgt. Ein Sprecher des Bundes Deutscher Kriminalbeamter hatte Innenminister Reul bei dessen Vorgehen gegen Clan-Kriminalität vorgeworfen, sich vor allem für die Medien bei Einsätzen zu inszenieren. Der hatte die Vorwürfe zurückgewiesen und den Erfolg der Polizei betont, die mit einer Politik der „tausend Nadelstiche“ immer wieder Razzien im Clanmilieu durchführt, um so die Strukturen dahinter besser aufdecken und bekämpfen zu können. (ebu)
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