VonEva Burghardtschließen
Präventionsprogramm für Kinder und Jugendliche aus dem Clan-Milieu zeigt offenbar Wirkung – und wird auch im Ausland zum Vorbild.
Düsseldorf – Sie wollen die „Kurve kriegen“: 39 Kinder und Jugendliche aus NRW nehmen an dem Aussteigerprogramm für Kinder und Jugendliche aus kriminellen Clans teil, berichtet das Landeskriminalamt in seinem Lagebild zur Clan-Kriminalität. Vor drei Jahren ist das Programm gestartet und gilt als Vorreitermodell für Aussteigerprogramme – auch für das europäische Ausland.
Clan-Kriminalität: Jugendliche aus verschiedenen Städten nehmen an dem Aussteigerprogramm teil
Standorte des Programms gibt es in Bochum, Essen, Gelsenkirchen, Dortmund, Duisburg, Oberhausen und Recklinghausen. Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 17 Jahren aus polizeibekannten Clan-Familien oder deren direkten Umfeld sollen dabei davor bewahrt werden, in kriminelle Clanstrukturen zu geraten.
Die Initiative „Kurve kriegen“ wurde 2011 in NRW gestartet und soll Kinder und Jugendliche vor einer „Intensiväterkarriere“ bewahren, schreibt das Innenministerium. Dabei geht es darum, früh zu erkennen, wenn Kinder auffällig werden und entsprechend zu reagieren. Pädagogische Fachkräfte, die an die Polizeibehörden angebunden sind, gehen auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ein. „Es gibt eine Menge Dinge, die helfen können – nur eines nicht: 08/15“, heißt es auf der Website von „Kurve kriegen“.
Was bedeutet Clan-Kriminalität?
► Wenn die Rede von Clans ist, sind meist bestimmte Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.0000 Menschen zu solchen Großfamilien. Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Einige aber haben sich zu Gruppierungen zusammengeschlossen, die Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität begehen.
► Viele gehören den sogenannten Mhallami an, einer arabischstämmigen Volksgruppe. Ihre Vorfahren wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben, kamen dann in den Libanon. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland. Häufig wird deshalb auch von Libanesen-Clans gesprochen.
► Als Clankriminalität bezeichnen die Behörden Straftaten, die sich aus diesen ethnisch abgeschotteten Subkulturen heraus entwickeln.
► Die kriminellen Clan-Mitglieder begehen schwere Straftaten, wie Menschenhandel, Betrug, Erpressung und Raub.
► Laut Landeskriminalamt gibt es bei jedem fünften Verfahren im Bereich der organisierten Kriminalität Bezüge zu Familienclans.
In manchen Fällen helfen etwa Gespräche, aber auch Kompetenztrainings oder pädagogische Freizeitaktivitäten werden angeboten. Die Betreuerinnen und Betreuer sind dabei weit vernetzt und haben Kontakt zu anderen Kooperationspartnern wie dem Jugendamt oder teilnehmenden Schulen.
„Kurve kriegen“ als Vorbild für Präventionsprogramme im Ausland
Im Jahr 2020 wurde „Kurve kriegen“ um den Bereich „Clankriminaliät“ erweitert. Bis dato gab es deutschlandweit kaum wirksame Präventionsansätze, berichtet das Innenministerium. „Kurve kriegen“ haben sich dabei bewährt, die Zielgruppe „Kinder aus polizeibekannten, kriminellen Clans“ zu erreichen.
Das Konzept hat mittlerweile auch das europäische Ausland erreicht: Laut LKA soll es in Schweden ab diesem Jahr ein Programm namens „Rätt Kurva“ (übersetzt: „Richtige Kurve“) geben, das sich an dem Modell aus NRW orientiert. Innenminister Herbert Reul betonte, man tue alles, um Menschen aus krummen Geschäften herauszuholen und wieder auf die gerade Bahn zu bringen. „Wenn Clan-Kriminelle regelmäßig mitbekommen, wie ihre Kollegen erwischt werden, in den Knast wandern, am Ende Autos und Geld futsch sind, erhöht das hoffentlich die Bereitschaft auszusteigen.“ Wer sich eindeutig von Kriminalität und Straftätern distanziere, finde in dem präventiven Ansatz „gute Alternativen“.
Kritik am Vorgehen der Polizei bei der Bekämpfung von Clan-Kriminalität
Dass „Kurve kriegen“ für den Bereich Clan-Kriminalität einen Schwerpunkt im Ruhrgebiet hat, ist kein Zufall. Die Clan-Kriminalität in NRW nimmt zu, das zeigte der jüngste Lagebericht des Landeskriminalamtes. Zuletzt hatten vor allem die Ausschreitungen zwischen Clan-Mitgliedern in Essen und Castrop-Rauxel für Schlagzeilen gesorgt. Dort prügelten sich dutzende Menschen tagelang auf offener Straße.
Der Vorfall hatte bei der Polizei für Kritik aus den eigenen Reihen an Innenminister Reul gesorgt. Ein Sprecher des Bundes Deutscher Kriminalbeamter hatte Innenminister Reul bei dessen Vorgehen gegen Clan-Kriminalität vorgeworfen, sich vor allem für die Medien bei Einsätzen zu inszenieren. Der hatte die Vorwürfe zurückgewiesen und den Erfolg der Polizei betont, die mit einer Politik der „tausend Nadelstiche“ immer wieder Razzien im Clanmilieu durchführt, um so die Strukturen dahinter besser aufdecken und bekämpfen zu können.
Abschiebung von kriminellen Clan-Mitgliedern
►Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte zuletzt einen Vorschlag auf den Weg gebracht, nach dem kriminelle Mitglieder von Clans schneller abgeschoben werden sollen.
► Der Vorschlag war auf ein gemischtes Echo gestoßen.
►So wurde Faeser von Kollegen aus der Politik, darunter etwa Serap Güler, scharf kritisiert.
►Wie viele Clan-Mitglieder bereits abgeschoben wurden, ist derzeit nicht bekannt.
In Essen hatte die Polizei für die Bekämpfung der Clan-Kriminalität zuletzt einen neuen Aufgabenbereich geschaffen. Der konzentriert sich insbesondere auf die Clan-Kriminalität, die durch Menschen mit syrischer Staatsbürgerschaft ausgeübt werde, heißt es von der Polizei Essen. Das sei notwendig gewesen, weil in diesem Bereich die Straftaten im Zusammenhang mit Clan-Kriminalität zuletzt zugenommen hatten. Dafür gab es Kritik: Der Polizei Essen wurde Rassismus und Racial Profiling vorgeworfen. Die wies die Vorwürfe zurück und wies darauf hin, dass der Entschluss, den Fokus auf Syrer auszuweiten, aufgrund ansteigender Zahlen in der Polizeilichen Kriminalstatistik getroffen wurde. (ebu/mit dpa)
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