Schrecken des Krieges

„Tut am meisten weh“: Helfer berichten über ihre schlimmsten Erlebnisse in der Ukraine

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Seit März 2022 reisen Franky van Hintum und Coen von Oosten regelmäßig für Hilfsaktionen in die Ukraine.
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Zwei niederländische Imbissbetreiber reisen in die Ukraine, um den Menschen vor Ort zu helfen. Plötzlich spielen sich dort dramatische Szenen ab.

Hamm – Drohnenangriffe sorgen für Anspannung bei den ukrainischen Soldaten. Das haben Franky van Hintum und Coen van Oosten schnell gespürt. Die Imbissbetreiber aus den Niederlanden reisen regelmäßig in das kriegsgebeutelte Land, um dort Pommes, Snacks und einen Funken Hoffnung an die notleidenden Menschen zu verschenken. Doch der Strategiewechsel der Invasoren aus Russland bereitet auch ihnen Sorgen: „Wir fühlen uns nicht mehr sicher“, sagt van Hintum im Gespräch mit wa.de. Und trotzdem ist Aufgeben für ihn und seinen Kollegen keine Option.

Imbissbetreiber geraten in der Ukraine in einen Raketenangriff

Die Niederländer haben in den vergangenen Jahren Dinge sehen müssen, die man sich aus dem sicheren Deutschland nicht einmal vorstellen möchte. Ganze Straßenzüge, verkommen zu einem riesigen Trümmerfeld. Panzer stehen einfach so am Wegesrand, als wären sie normale Autos und der Luftalarm bloß ein Sirenentest. Doch was seit mittlerweile knapp 30 Monaten in der Ukraine passiert, ist alles andere als ein Test. Das wird einem spätestens beim Anblick der Panik klar, die sich nach einem russischen Angriff breit macht. Und auch der leere Blick der Menschen inmitten ihrer zerstörten Heimat spricht eine unmissverständliche Sprache.

Für viele Ukrainer ist der Horror zum Alltag geworden. Tag für Tag bringt der Krieg unfassbares Leid über die Menschen. Ohne Vorwarnung, und ohne eine Perspektive, wann der Schrecken endet. Wie schwerwiegend die Erfahrungen sind, mussten die Niederländer in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk hautnah miterleben. Dort schlagen sie eigentlich immer ihre Basis auf. Mittlerweile waren sie so häufig dort, dass das örtliche Restaurant Ria zu ihrem Stammlokal geworden ist. Doch am 27. Juni vergangenen Jahres wurde der vertraute Ort Schauplatz eines Kriegsdramas. Die Helfer gerieten in einen russischen Raketenangriff.

Russischer Raketenangriff auf Restaurant tötete 13 Menschen

Es ist dem Glück zu verdanken, dass van Hintum und van Oosten heute überhaupt noch selbst von ihren schrecklichen Erlebnissen berichten können. 13 Menschen – viele von ihnen noch nicht einmal 20 Jahre alt – verloren an diesem Tag ihr Leben. Dabei schien alles wie immer, als die Niederländer abends das beliebte Pizza- und Pasta-Lokal betraten. „Wir hatten eine riskante Fahrt hinter uns und waren dementsprechend entspannt, als wir endlich in dem Restaurant saßen. Das war ja schließlich ‚unser Restaurant‘“, erinnert sich van Hintum. Nachdem die Gruppe bezahlt hatte, ging alles plötzlich ganz schnell.

Von dem einst beliebten Lokal blieben nach dem russischen Raketenangriff lediglich Trümmer zurück.

„Die junge Kellnerin war gerade wenige Minuten weg, dann gab es einen kräftigen Knall“, so der Imbissbetreiber. „Was aber am meisten in Erinnerung geblieben ist, ist der Luftdruck, der von dem Raketeneinschlag ausging.“ Wären sie nach dem Bezahlen nicht noch einen Moment sitzen geblieben, da sind sich die Niederländer sicher, wären sie durch das Restaurant geschleudert worden. „Wir hatten auch riesiges Glück, dass genau dort, wo wir saßen, das Dach nicht eingestürzt ist.“ Das erst 14-jährige Mädchen, dass die Niederländer noch wenige Augenblicke zuvor bedient hatte, hatte dieses Glück nicht.

Helfer gehen von gezieltem Angriff auf Restaurant aus

Die tonnenschwere Rakete sei vor dem Einschlag nahezu geräuschlos gewesen: „Man hörte nichts ankommen, absolut gar nichts.“ Die Anwesenden hatten also nicht den Hauch einer Chance, rechtzeitig Schutz zu suchen. Für die Niederländer ist klar: Der russische Angriff auf das Lokal – gefüllt mit Zivilisten – war kein missratener Abschuss der Streitkräfte. „Das war eine sehr genaue Rakete. Die kostet fast drei Millionen Euro. Das Restaurant, in dem wir waren, muss also das Ziel gewesen sein“, so van Hintum. „Wir haben mit eigenen Augen gesehen, dass die Russen auch nicht-militärische Orte angreifen“

Menschen haben nach dem tödlichen Raketenangriff in Kramatorsk eine Gedenkstätte mit den Fotos der Opfer eingerichtet.

Die schrecklichen Szenen habe ihr Engagement jedoch nicht getrübt, wie sie sagen. Ganz im Gegenteil: Alleine schon für die Bekanntschaften, die sie an diesem Sommertag verloren haben, ist ihr Wille zu helfen größer denn je: „Wir waren erschrocken, als wir bei einer späteren Reise zu dem Restaurant zurückkehrten.“ Vom einst beliebten Lokal war nahezu nichts mehr übrig. „Dort stehen auch Fotos von den Opfern. Das von einem jungen Mann beispielsweise, der immer am Eingang des Restaurants stand, um die Gäste zu ihren Plätzen zu bringen.“ Auch das Foto der jungen Kellnerin sei dabei gewesen.

„Verkaufen wir halt unsere Autos“: Aufgeben ist keine Option

Von solchen niederschmetternden Anblicken habe es während ihrer Reisen in die Ukraine einige gegeben. „Ein Mädchen hat uns mal gefragt, ob wir nach Charkiw gehen und ob wir dort nach ihrem Vater suchen können. Sie hatte lange nichts mehr von ihm gehört und machte sich Sorgen. Wir wussten aber, dass wir ihn nicht mehr finden werden“, schildert van Hintum mit bedrückter Stimme. Ein anderes Mal erzählte eine 10-Jährige den Niederländern, wie sie zunächst Mama und Papa, und später Schwester und Bruder verloren hatte. „Solche Momente tun am meisten weh.“

Franky and Coen

Bereits seit März 2022 reisen Franky van Hintum und Coen van Oosten regelmäßig für Hilfsaktionen in die Ukraine, teilweise nur wenige Kilometer von der Frontlinie entfernt. Damals hatten van Hintum mit seinem Imbisswagen gerade Winterpause. Im Sommer ist „Pommes-Franky“ mehrmals die Woche auf dem Feierabendmarkt in Gelsenkirchen-Buer (NRW) vertreten. Anfänglich sollte es eine Hilfsreise werden, mittlerweile sind es bereits über ein Dutzend.

Ihre Hilfsaktionen bescherten den Niederländern einiges an Aufmerksamkeit in ihrem Heimatland. Sie waren bereits in viele TV-Shows zu Gast. Auf ihrem YouTube-Kanal Franky and Coen into the breach sowie auf ihrer Website frankyandcoen.nl berichten sie zudem über ihre Erlebnisse.

Doch solche Momente sind es auch, die ein Aufgeben für die Imbissbetreiber unmöglich machen. Auch wenn die Bedingungen für sie zunehmend schwerer werden, besonders finanziell. Die weltweite Aufmerksamkeit für den Schrecken in der Ukraine ist in den vergangenen Monaten deutlich gesunken – und damit auch die Spendensumme, die den Niederländern für ihre Hilfe zur Verfügung steht: „Momentan geht ehrlicherweise mehr raus, als reinkommt“, so van Hintum. „Wir wollen das aber durchziehen. Wenn es nicht mehr reicht, verkaufen wir halt unsere Autos. Das ist wichtiger als unsere Privatsituation.“

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