Lützerath-Räumung

Immer wieder Stockschläge auf den Kopf: Schwere Vorwürfe gegen Polizei Aachen nach Großeinsatz in Lützerath

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Polizeikräfte und Demonstrierende sind in Lützerath mehrfach aneinander geraten.
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Nach der Großdemonstration in Lützerath am Samstag hat das Aktionsbündnis „Lützerath lebt“ erste Zahlen über angeblich Verletzte und Polizeigewalt veröffentlicht. Die Polizei kontert.

Erkelenz – 35.000 Menschen sollen am vergangenen Samstag, 14. Januar, in und um Lützerath gegen die Räumung des Weilers und den Braunkohleabbau demonstriert haben. Soweit zumindest die Zahlen des Aktionsbündnisses „Lützerath lebt“, die Polizei spricht von mehr als 15.000 Menschen.

Obwohl die Räumung seit Montag nun endgültig beendet ist – nachdem die letzten beiden Besetzer einen Tunnel unter Lützerath verlassen hatten – wird weiterhin über Gewalt auf beiden Seiten diskutiert. Während die Polizei immer wieder betonte, dass Polizeikräfte von Aktivistinnen und Aktivisten angegriffen worden wären, sprechen diese von „massiver Polizeigewalt“.

Die verlassenen Dörfer bei Lützerath – so sehen sie heute aus

Leerstehende Häuser in Dörfern bei Lützerath
Eine Gaststätte in Keyenberg. Weinranken haben die Fassade überwuchert, der Innenraum ist leer.  © Peter Sieben
Straße in Keyenberg
Leere Straßen und leere Häuser in Keyenberg. © Peter Sieben
Leerstand in Keyenberg
Auch dieser Metzgerladen steht leer. © Peter Sieben
Keyenberg bei Lützerath
In dem Tagebau-Dorf wohnen kaum noch Menschen.  © Peter Sieben
Fenster eines Hauses in Keyenberg
Einige Bewohner sind geblieben – in der Hoffnung, dass es eines Tages wieder lebendig wird in Keyenberg.  © Peter Sieben
Hausfassade in Keyenberg
Um viele Häuser kümmert sich niemand mehr. © Peter Sieben
Verlassene Häuser in Keyenberg
In einigen Dörfern wohnt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Einwohnerzahl © Peter Sieben
Leerstand in Kuckum
Ein leerstehendes Geschäft in Kuckum. Von den einst 500 Einwohnern sind noch etwa 40 übrig.  © Peter Sieben
Überwuchertes Ladenschild
Ein Laden in Unterwestrich bei Lützerath, den es schon lange nicht mehr gibt.  © Peter Sieben
Verlassener Hof in Unterwestrich
Auch dieser alte Hof in Unterwestrich bei Lützerath ist längst verlassen. © Peter Sieben
Leere Straßein Keyenberg
Die Rolläden sind an den meisten Häusern in Keyenberg heruntergelassen.  © Peter Sieben
Weihnachtsschmuck in Keyenberg
Obwohl nicht mehr viele Menschen hier leben, steht ein Weihnachtsbaum vor der Kirche in Keyenberg. © Peter Sieben
Schild gegen Diebe in einem Vorgarten
In den leerstehenden Häusern in Unterwestrich, Keyenberg oder Kuckum kommt es oft zu Einbrüchen. Die, die noch hier wohnen, wollen Diebe und Vandalen mit solchen Schildern fernhalten.  © Peter Sieben
Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Das gelbe Kreuz ist zum Symbol der Protestierenden geworden, die Dörfer wie Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Man findet es überall in den halbverlassenen Orten nahe dem Tagebau Garzweiler.  © Peter Sieben
Der Friedhof von Kuckum bei Lützerath
Der Friedhof von Kuckum: Regelmäßig werden Gräber werden immer noch umgebettet – obwohl der Ort erhalten bleibt.  © Peter Sieben
Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler.  © Peter Sieben
Camp Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath am 7. Dezember: RWE hat das Dorf an diesem Tag vom Strom getrennt. © Peter Sieben
Baumhaus im Camp von Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Baumhaus in Lützerath
Manche der Baumhäuser in Lützerath sind in großer Höhe erbaut. © Peter Sieben
Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Ein zerstörtes Auto im Camp von Lützerath
Direkt an der Grenze zum Camp in Lützerath liegt der Tagebau Garzweiler von RWE.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger
Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler von RWE stehen unmittelbar an der Kante zu Lützerath.  © Peter Sieben
Heimtrainer vor der Grube von Garzweiler
Ein Heimtrainer am Abgrund. Am Tagebau Garzweiler gibt es immer wieder Mahnwachen der Aktivisten aus Lützerath. © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben

„Lützerath lebt“: Mindestens 115 Menschen durch Polizeigewalt verletzt

Heute hat „Lützerath lebt“ erste Zahlen dazu öffentlich gemacht: Darin sprechen die Aktivistinnen und Aktivisten aus Lützerath von mindestens 115 Menschen, die von Polizisten getreten und geschlagen worden seien. „In mindestens 65 Fällen wurde von Schlagstockeinsätzen berichtet“, heißt es weiter.

Mehr als 30 Menschen bezeugen demnach den Einsatz von Pfefferspray und mindestens zehn Menschen sollen in Lützerath Knochenbrüche erlitten haben. Es lägen zudem mehr als 15 Meldungen von Menschen vor, die vom Notdienst oder im Krankenhaus behandelt werden mussten. Das Aktionsbündnis geht von einer noch höheren Dunkelziffer aus.

Weiter heißt es, Menschen seien von Polizeikräften angegriffen worden, obwohl sie sich nicht gewehrt, sich zurückzogen oder mit dem Rücken zur Polizei gestanden hätten. Sie hätten auf Anweisungen der Polizei gehört oder verletzt am Boden gelegen und wären trotzdem weiter geschlagen oder getreten worden.

Polizei hat keine Kenntnis von Schwerverletzten

Die Polizei hat eine andere Version der Ereignisse. Man habe sich nach der Demonstration und ersten Vorwürfen von angeblichen Schwerverletzten in den umliegenden Krankenhäusern erkundigt, so ein Sprecher der Polizei Aachen gegenüber 24RHEIN. „Demnach liegen uns keine Infos zu Schwerverletzten vor.“ Nach polizeilichen Angaben habe es insgesamt neun Einsätze von Rettungswagen gegeben. „Ein Aktivist wollte sich dann nicht weiter behandeln lassen und hat den Rettungswagen wieder verlassen.“

In Sozialen Medien kursierten Videos, die nur einen Ausschnitt dessen zeigten, was bei der Demonstration passiert sei, so der Sprecher weiter. „Da wird dann eine fragwürdige Szene abgebildet, aber nicht das, was vorher oder nachher passiert ist.“ Er sagt: Es gebe klare Vorgaben, wie sich Polizistinnen und Polizisten bei einem Einsatz vorgehen müssten.

„Lützerath lebt“ fordert Konsequenzen für Verantwortliche

„Wenn jemand einfach nur irgendwo sitzt und nichts macht, dann hat die Polizei auch keinen Grund Gewalt anzuwenden.“ Durchbreche man aber eine Polizeikette, verstoße gegen Anweisungen, stürme auf Polizisten zu und versuche diese umzuwerfen, müsste man auch mit Gegenwehr rechnen, so der Sprecher.

„Lützerath lebt“ hält das Durchbrechen von Polizeigehen hingegen nicht für einen legitimen Grund, um Polizeigewalt anzuwenden. Sie fordern Konsequenzen für die Verantwortlichen. „Das gilt besonders für die schwarz-grüne Landesregierung, die diesen Einsatz angeordnet hat. Außerdem brauchen wir unabhängige Institutionen, damit Polizeigewalt endlich Konsequenzen hat und Täter*innen sich nicht weiter gegenseitig decken können“, schreibt die Initiative.

Polizei: Fehler bei Einsatz können passieren und werden aufgearbeitet

Die Polizei Aachen weist derweil ein mögliches Fehlverhalten von Polizeikräften am Samstag nicht grundsätzlich zurück. „Bei einem Einsatz können immer Fehler passieren und diese müssen dann auch aufgearbeitet werden.“ Sobald sich die Lage beruhigt habe, wolle die Polizei selbst den Einsatz nachbereiten und entsprechende Zahlen veröffentlichen.

Sollten Personen bei dem Einsatz tatsächlich verletzt worden sein, müssten diese Strafanzeige stellen: „Dann würde eine Nachbarpolizeibehörde die Ermittlungen übernehmen und sich in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Aachen den konkreten Fall anschauen.“

Gewalt von beiden Seiten – 154 Ermittlungsverfahren gegen Protestler eingeleitet

Den Vorwurf der Aktivistinnen und Aktivisten, dass es für die Betroffenen der Polizeigewalt unmöglich sei, die Täterinnen und Täter zu identifizieren, da es in NRW keine Kennzeichnungspflicht gibt, kontert der Polizeisprecher. „Wenn Betroffene zeitlich einordnen können, wann ihnen Gewalt widerfahren ist, können wir das rückverfolgen, weil wir ja wissen, wer in der Zeit im Einsatz war.“

Lützerath vor der Räumung: Das ist bis jetzt passiert

Protestschil im Dorf Pesch aus dem Jahr 2006
In den 2000ern wurden mehrere Nachbardörfer von Lützerath abgerissen, wie etwa Pesch: Das Bild aus dem Jahr 2006 zeigt ein Protestschild am Ortseingang. Der Tagebaubetreiber hieß damals Rheinbraun – inzwischen ist das Unternehmen vollständig im Energiekonzern RWE aufgegangen.  © Oliver Berg/dpa
Abrissarbeiten in Lützerath
2006 begann die Umsiedlung: Viele der Einwohnerinnen und Einwohner zogen nach Immerath (neu). Im Lauf der Zeit wurden immer mehr Wohnhäuser in Lützerath abgerissen, so wie auf diesem Bild aus dem Jahr 2021 zu erkennen ist.  © David Young/dpa
Demonstration am Garzweiler Tagebau
Mehrfach gab es in den letzten Jahren Demos in Lützerath gegen den Kohleabbau und gegen den Abriss von Dörfern im Rheinischen Braunkohlerevier – so wie hier im Jahr 2020.  © David Young/dpa
Braunkohletagebau Garzweiler
An den Demos in Lützerath war immer wieder auch die Initiative „Alle Dörfer bleiben“ beteiligt.  © Federico Gambarini/dpa
David Dresen aus Kuckum bei Lützerath
David Dresen aus Kuckum, einem Nachbarort von Lützerath, kämpft seit Jahren zusammen mit seiner Familie und der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ für den Erhalt der Dörfer am Tagebau Garzweiler. © Peter Sieben
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bei einer Kundgebung in Lützerath.
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur. © David Young/dpa
Letzter Landwirt in Lützerath am Tagebau verkauft an RWE
Eckardt Heukamp war der letzte Landwirt von Lützerath. Er hatte sich lange juristisch dagegen gewehrt, seinen Hof verkaufen zu müssen. 2022 hat er Lützerath verlassen.  © Thomas Banneyer/dpa
Eckardt Heukamp auf seinem Hof.
Eckardt Heukamp auf seinem Hof. © IMAGO
Demonstration in Lützerath.
Demonstration in Lützerath. © Henning Kaiser/dpa
Tagebau Garzweiler vor Lützerath.
Tagebau Garzweiler vor Lützerath. © Action Pictures/IMAGO
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Protestcamp Lützerath, besetzte Gebäude.
Den Ort Lützerath haben inzwischen alle Bewohnerinnen und Bewohner verlassen müssen. Nun leben rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten dort, die die noch bestehenden Gebäude besetzt haben. © Jochen Tack/IMAGO
Lützerarh
Ein gelbes Kreuz ist das Symbol der Aktivisten in Lützerath  © Peter Sieben
Lützerather Wald.
Lützerather Wald. © Ralph Lueger/IMAGO
Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Schrottreifes bunt angemaltes Auto in Lützerath
Die Aktivistinnen und Aktivisten bereiten sich seit Monaten auf die bevorstehende Räumung von Lützerath vor: Überall gibt es Barrikaden – und an der Grenze zwischen Tagebau und Dorf steht dieses schrottreife Auto.  © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Eine Monopod-Konstruktion am Tagebau Garzweiler bei Lützerath
Der sogenannte Monopod an der Kante zum Tagebau Garzweiler II bei Lützerath. © Peter Sieben
Luisa Neubauer bei einer Demo gegen den Abriss von Lützerath.
Auch die Klimaaktivistin von Fridays For Future Luisa Neubauer war schon mehrfach in Lützerath. © Annette Riedl/dpa
Klimaaktivistin Luisa Neubauer sitzt am Tagebau Garzweiler
Klimaaktivistin Luisa Neubauer in Lützerath am Tagebau Garzweiler. (Archivbild) © David Young/dpa
Ein brennender Heuballen auf der Straße bei Lützerath.
Brennender Heuballen in Lützerath. © Thomas Banneyer/dpa
Polizei-Vorbereitungen zur geplanten Räumung des Dorfes Lützerath
Die Besetzer zündeten Heuballen an und blockierten Zufahrtstraßen zu Lützerath.  © Henning Kaiser/dpa
Lützerath
Anfang Januar entfernte die Polizei Barrikaden der Besetzer in Lützerath.  © Rolf Vennenbernd/dpa
Aktivisten und Polizisten stehen sich in Lützerath gegenüber
Polizisten und Aktivisten stehen sich jetzt in Lützerath täglich gegenüber.  © Thomas Banneyer/dpa
Weltkugel mit gelbem Banner „Kohle stoppen“.
Für den 14. Januar haben Aktivistinnen und Aktivisten sowie Klimaverbände zu einer Demo in Lützerath aufgerufen – in der Hoffnung, die Räumung doch noch zu stoppen. © Roberto Pfeil/dpa

Er verweist darauf, dass es auch andersherum für die Polizei schwierig sei, auszumachen, wer die gewalttätigen Aktivistinnen und Aktivisten am Samstag gewesen seien. „Es gibt immer wieder welche, die über das Ziel hinausschießen und Straftaten begehen.“

Im Verlauf der letzten Räumungstage und der Demonstration am Samstag waren immer wieder Steine und Feuerwerkskörper auf die Polizei geworfen worden. Auch Einsatzwagen der Polizei waren beschädigt worden. Laut Polizeiangaben waren mehr als 70 Polizistinnen und Polizisten verletzt worden und 154 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden.

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