Erstickungsgefahr

Italiens Supervulkan wird zur gigantischen Gasschleuder: Alarm in der U-Bahn – Schule gesperrt

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Der Supervulkan der Phlegräischen Felder in Italien strömt gigantische Mengen Kohlendioxid aus. Jetzt ist die U-Bahn von Neapel ins Visier geraten.

Neapel/Pozzuoli – Der Supervulkan der Phlegräischen Felder im Süden Italiens gilt als gefährlichster Vulkan der Welt. Auf ihm leben eine halbe Million Menschen und seit zwei Jahren bebt er heftig. Zuletzt sorgte ein vier Tage lange andauerndes Schwarmbeben für große Sorgen in der Region. Der Boden hebt sich immer mehr, ausgelöst durch einen Magmakörper in der Tiefe. Die Menschen trauten sich nicht mehr in ihren Häusern zu schlafen.

In den Tunnels der Neapolitaner U-Bahn könnte sich Kohlendioxid sammeln, befürchtet ein Politiker.

Für Aufregung sorgte die Bemerkung des italienischen Zivilschutzchefs, dass ein zu erwartendes Beben der Stärke 5 Tote fordern würde. Momentan scheint sich die Lage zumindest vorübergehend beruhigt zu haben. Dennoch ist ein starkes Beben oder sogar ein Ausbruch des Vulkans jederzeit möglich, warnen Wissenschaftler.

Die Vulkanüberwachung registriert erhöhte Kohlendioxidwerte in Kellern und Souterrains

In diese Ungewissheit platzt nun eine weitere Hiobsbotschaft: Das Vesuv-Observatorium des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie INGV hat in Kellern zwischen den Städten Neapel und Pozzuoli Kohlendioxidemissionen festgestellt. Das gefährliche Gas stößt der Supervulkan vor allem in und um den dampfenden Solfatara-Krater aus.

Die Entdeckung wurde im Rahmen einer permanenten Überwachung durch das Vesuv-Observatorium des INGV gemacht. Der Verwaltungschef von Neapel, Michele Di Bari, hat am Mittwoch (26. Februar) eine Dringlichkeitssitzung der Rettungsleitstelle des Zivilschutzes einberufen. Das Ergebnis: In den nächsten Tagen wird es umfassende Kontrollen durch die Feuerwehr in öffentlichen Einrichtungen geben, berichtet das Portal fanpage.it. Das Vorhandensein hoher Kohlendioxidkonzentrationen in geschlossenen und schlecht belüfteten Räumen könne sehr gefährlich für die Gesundheit sein. „Aus diesem Grund muss dieses Phänomen sorgfältig beobachtet werden“, heißt es.

Nach Krisensitzungen soll die Feuerwehr die Co2-Werte in den Gebäuden messen – Schule gesperrt

Die Kontrollen der Feuerwehr werden sich auf Erdgeschosse, Keller, Souterrainwohnungen, Garagen und Turnhallen konzentrieren. Am Mittwochabend fand auch ein Treffen der Bürgermeister der Gemeinden der Phlegräischen Region und der Bürgerkomitees mit den Feuerwehren, Vertretern des Zivilschutzes der Region und dem Direktor des Vesuv-Observatoriums, Mauro Di Vito, statt.

Aus dem Krater des Supervulkans strömen gefährliche Gase in die bewohnte Nachbarschaft.

Das Ergebnis: Zunächst werden Schulen, Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime auf eine mögliche Kohlendioxidbelastung überprüft. Die Bürgermeister werden in Kürze Verordnungen erlassen, die im konkreten Fall die Sicherheitsanforderungen in öffentlichen Gebäuden und Privatwohnungen im betroffenen Gebiet regeln. Außerdem wird eine Informationskampagne „Io non rischio“ (Ich gehe kein Risiko ein) gestartet.

Der Supervulkan stößt gigantische Mengen Kohlendioxid aus – es sammelt sich in Kellern und Senken

Die Gemeinden müssen per Verordnung dafür sorgen, dass in den gefährdeten Gebieten potenziell gefährdete Gebäude zusätzlich zu den regelmäßigen Kontrollen mit speziellen Geräten zur Messung des Kohlendioxidgehalts ausgestattet werden. Die Wohnbebauung reicht bis auf 150 Meter an die Hauptquelle der CO₂-Emissionen, die Solfatara und die heißen Quellen von Pisciarelli, heran. Allein an der Solfatara stößt der Supervulkan derzeit etwa 4000 bis 5000 Tonnen Kohlendioxid pro Tag aus. Das sind Werte, die mit denen in der Wolke aktiver Vulkane mit kontinuierlicher Entgasung vergleichbar sind. Er gilt sogar als die derzeit größte vulkanische CO₂-Quelle.

Die am meisten von CO₂ gefährdeten Gebiete (rot) und mittlerer Emission (grün) in Pozzuoli und Neapel (kleines Bild). Im gelben Bereich ist es wegen Bodenversiegelung nicht messbar, im blauen Bereich entgast das Grundwasser.

Die Notwendigkeit einer kontinuierlichen CO₂-Überwachung in Gebäuden wird durch einen Unfall aus dem Jahr 2018 unterstrichen, bei dem ein Arbeiter (49) bei Wartungsarbeiten an einem Aufzug in der Kunsthochschule Boccioni im westlichen neapolitanischen Stadtteil Fuorigrotta innerhalb der Phlegräischen Felder aufgrund der hohen CO₂-Konzentration erstickte. Analysen ergaben, dass „das aus dem Aufzugsschacht entnommene Gas ausschließlich natürlichen (vulkanisch-hydrothermalen) Ursprungs war“, hieß es damals. Die Schule liegt nahe dem Agnano-Kraters, der jetzt als besonders gefährdeter Bereich ausgewiesen wurde.

Italienischer Politiker fordert automatische Gas-Messungen in der U-Bahn von Neapel

Bei Überprüfungen von Schulgebäuden wurden jetzt in einer Schule in Pozzuoli, dem Istituto scolastico Virgilio di Pozzuoli, erhöhte CO₂-Werte in der Turnhalle und im Erdgeschoss des Komplexes festgestellt. Inzwischen wird befürchtet, dass die Gasemissionen des Supervulkans auch in den Tunneln der neapolitanischen U-Bahn eine Gefahr darstellen könnten. „Gasdetektoren und Kohlendioxid-Kontrollen auch in den U-Bahn-Tunneln“ lautet darum der Titel einer Stadtratsanfrage, die Nino Simeone, Vorsitzender des Verkehrs- und Infrastrukturausschusses der Stadt Neapel, eingereicht hat.

Die U-Bahn-Station Toledo der Linie 6 gilt als Sehenswürdigkeit, ein Politiker fürchtet, fordert in den Tunnels CO₂-Messungen.

Er bezieht sich insbesondere auf die U-Bahnlinien 1 und 6 in Neapel, die unter anderem vom Stadtzentrum zum Stadion führen, das in der Roten Zone des Supervulkans liegt. Die U6 ist wegen ihrer architektonisch einzigartigen Station als Touristenattraktion bekannt. Messungen könnten laut Simeone aber auch für andere Bahnlinien interessant sein, z.B. für die von der Staatsbahn FS betriebene S-Bahn-ähnliche Metrolinie 2, die über weite Strecken durch Tunnel von Neapel nach Pozzuoli führt.

Geruchlos, einschläfernd, tödlich: Kohlendioxid brachte an Vulkansee Hunderte Menschen um

Wie gefährlich das Gas der Phlegräischen Felder ist, zeigte auch ein Unfall am 12. September 2017, bei dem ein elfjähriger Junge und seine Eltern im Solfatara-Krater ums Leben kamen. Bei dem Versuch, den elfjährigen Lorenzo zu retten, der in eine nicht abgesperrte Erdspalte gerutscht war, kamen beide Eltern ums Leben. Die drei Opfer erstickten an den giftigen Dämpfen. Seither ist der Krater für Besucher gesperrt. Bis dahin gehörte das Schwefelfeld zu einem der beliebten Ausflugsziele bei einem Urlaub in Italien. Die Hundegrotte, eine Lavahöhle im Agnano-Krater, darf wegen der Gefahr von Ansammlungen tödlichen Kohlendioxids nicht betreten werden.

Noch dramatischer war 1986 der Ausbruch einer Kohlendioxidwolke aus dem Nyos-See in Kamerun, der die ahnungslosen Dorfbewohner am Ufer überraschte und 1700 Menschen tötete. Das durch Vulkanismus entstandene Gas hatte sich unter der Wasseroberfläche angesammelt und war plötzlich mit einer Flutwelle ausgebrochen. CO₂ wirkt ab etwa fünf Prozent in der Atemluft narkotisierend, oberhalb von acht bis zehn Prozent kann es innerhalb weniger Minuten erst zur Bewusstlosigkeit und dann zum Erstickungstod führen. Das Gas sinkt zu Boden, verdrängt den Sauerstoff und ist geruchlos. Man kennt das Problem aus Weinkellern und Bergwerken.

Die Beben am Supervulkan hatten zuletzt fast wieder die Häufigkeit und Intensität des vorigen Jahres erreicht, als es einen Erdstoß der Stärke 4,4 gab. Forscher hatten in einer Studie auch eine Zunahme des Schwefelgasausstoßes in den Phlegräischen Feldern festgestellt. Vor der griechischen Insel Santorini wird ebenfalls ein Vulkanausbruch befürchtet. Auf der spanischen Ferieninsel Teneriffa könnte dieses Szenario in absehbarer Zeit eintreten. Auf Sizilien sorgt am Ätna eine Eruption derzeit dagegen für fantastische Bilder. Etwas nördlich von Sizilien lässt eine weitere Bebenserie in einer vulkanischen Inselgruppe Wissenschaft und Einheimische aufhorchen.

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