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Der Supervulkan bei Neapel bebt den zehnten Tag infolge. Bei einer Sitzung mit Betroffenen schockierte der Zivilschutzchef mit einer deutlichen Aussage.
Pozzuoli/Neapel – Seit dem 10. Februar jagt am Supervulkan der Phlegräischen Felder ein Schwarmbeben das nächste. Experten sprechen von der heftigsten und längsten Bebenserie, die je in dem riesigen Vulkanfeld, in dem eine halbe Million Menschen leben, registriert wurde. In der Nacht zum Donnerstag (20. Februar) nahm die Zahl der Beben zwar etwas ab, doch um 2.34 Uhr erreichte sie wieder die Stärke 2,3. Am Mittwochnachmittag hatte es innerhalb weniger Sekunden zwei Beben der Stärke 3 und 3,1 gegeben.
Noch immer schlafen viele Menschen in Turnhallen oder bei Verwandten in anderen Gebieten. Die Kommunen haben sogar Shuttlebusse zu den Aufnahmezeiten eingerichtet.
Beben am Supervulkan: Italiener und Italienerinnen mit den Nerven am Ende
Was die Menschen vor Ort nun nachhaltig erschüttert, sind die Aussagen des Leiters der nationalen Zivilschutzabteilung des Innenministeriums, Fabio Ciciliano. Dieser kam am Dienstagabend zu einer Krisensitzung nach Pozzuoli und wandte sich dabei direkt an die Bürger der Hafenstadt, die mit ihren Nerven sichtlich am Ende sind.
Bürger durften nach Anmeldung ihre Fragen bei der Veranstaltung vortragen. Auch die lokale und regionale Politprominenz war anwesend. Ciciliano sprach bei den Beben von einem „aus geologischer Sicht normalen Ablauf“. Er betonte: „Es gab diese vier bis fünf besonders heftigen Ereignisse, die vor allem nachts spürbar waren, wenn die Empfindung und Wahrnehmung offensichtlich stärker ist.“ Diese seien jedoch „Teil der geologischen Natur dieser Länder, geologische Phänomene, die seit Tausenden von Jahren bestehen und auf diesem Gelände auch in den nächsten Tausenden von Jahren vorhanden sein werden.“
Zivilschützer schockiert viele Bürger nach Beben mit Aussage: „Es werden Menschen sterben“
Nach rund zwei Stunden unterbrach Ciciliano den Moderator, der gerade einem Bürger das Wort erteilt hatte, der fragte, was die Institutionen im Falle eines Erdbebens mit der Magnitude fünf tun würden. Das wäre das Szenario, vor dem das staatliche Geophysikalische und Vulkanlogische Institut INGV warnt. „Was meinst du, was du da machst?“, platzte es Italiens Zivilschutzchef heraus. „Bei einer Erschütterung fünften Grades stürzen Gebäude ein und Menschen sterben, so läuft das“, so Ciciliano trocken und direkt.
Von einer Hochstufung der jetzigen Alarmstufe von gelb auf orange hielt er nichts. „Die Umstellung auf Orange liegt im Ermessen der Kommission“, und fügte hinzu: „Wir müssen mit der geologischen Realität des Gebiets leben. Wer die Erdbeben nicht spüren will, sollte einfach dieses Gebiet verlassen.“
„Inkompetent“, „zynisch“ - Bürger reagieren entsetzt auf die schonungslose Ansage über die Bebengefahr
Schon im Publikum waren die Reaktionen ungehalten. In den sozialen Netzwerkren toben die Nutzer vor allem in der Gruppe „Die in der Roten Zone der Phlegräischen Felder“. Eine Nutzerin schreibt: „Sofort zurückgetreten, er ist als nationaler Chef des Zivilschutzes ungeeignet.“ Ein anderer meint verärgert: „Auch wenn es so wäre, es ist absolut keine Antwort auf eine Frage erschöpfter und ängstlicher Bürger, das war inkompetent, aber vor allem menschenfeindlich, er sollte sich schämen!!!!!“. „Sorry, ich kann und will den Zynismus nicht glauben. Klingt nach einer provokanten und irritierenden Antwort!!!“, so der nächste Kommentar.
Wieder ein anderer schrieb zu der Aussage des Zivilschutzchefs: „Unter den Idioten, die auf diesen Stühlen saßen, war er der einzige, der die Wahrheit gesagt hat und das heißt, dass sie nichts tun können und wollen, sorry, aber es nichts klarer als das.“ Andere mutmaßen, dass die Alarmstufe nicht auf Orange hochgestuft wird, da dann der Staat Entschädigungen für Schäden zahlen müsse. Das Gebiet einfach zu verlassen, können sich viele Bürger in den Phlegräischen Feldern nicht leisten. In Italien leben die Menschen meistens in Eigentumswohnungen, die oft das ganze Vermögen der Familien umfassen. Die Immobilien am Supervulkan sind durch die wiederholten Beben aber quasi wertlos geworden.
Laut Schätzungen des Studienzentrums für hydrogeologische, vulkanische und seismische Ingenieurwissenschaften der Uni Neapel (PLINIVS) leben rund 80.000 Menschen in den von dem Vulkanbeben direkt gefährdeten Gebieten der Phlegräischen Felder. Insgesamt 12.700 Bauwerke stehen demnach in der Risikozone, davon rund 3700 nicht bewohnbare Häuser.
Tausende Wohnhäuser in der Roten Zone sind in einem bedenklichem Zustand
Von den restlichen 9000 Gebäuden seien über zehn Prozent „hoch anfällig“ und rund 35 Prozent erforderten noch weitere Untersuchungen, um das Risiko zu ermitteln. „50 Prozent der Gebäude sind zwischen einem mittleren und einem hohen Risiko platziert, wobei über zehn Prozent ein hohes Risiko darstellen“, erklärte Professor Giulio Zuccaro, wissenschaftlicher Leiter der Studie, in einem Interview mit dem Sender Radio 24.
Ein Erdbeben der Stärke fünf würde bei diesen 50 Prozent der Gebäude keine Katastrophe verursachen, könnte aber trotzdem erhebliche Schäden verursachen, so Zuccaro weiter. Die Daten der Studie wurden im vorherigen Jahr an den Fassaden der Gebäude gesammelt und als Grundlage für die Berechnungen herangezogen. Welche Gebäude besonders gefährdet sind, hat man den Besitzern bislang allerdings noch nicht mitgeteilt. Möglicherweise sind die Ergebnisse nicht detailliert genug. Ab Montag (24. Februar) sollen Statiker mit der eingehenden Untersuchung der Gebäude beginnen, um den Zustand und ihre Anfälligkeit zu beurteilen – auch mit Drohnen, kündigt der Bürgermeister der Gemeinde Bacoli am Donnerstagnachmittag bei Facebook an.
Wer Urlaub in Italien plant, sollte sich des Risikos am Supervulkan bewusst sein. Forscher hatten jüngst in einer Studie eine Zunahme des Schwefelgasausstoßes in den Phlegräischen Feldern festgestellt. Auch der Kohlendioxidausstoß stieg. Vor der griechischen Insel Santorini wird ebenfalls ein Vulkanausbruch befürchtet. Auf der spanischen Ferieninsel Teneriffa könnte dieses Szenario ebenso in absehbarer Zeit eintreten. Am Ätna sorgt eine Eruption derzeit dagegen für fantastische Bilder.
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