Heftige Kritik an Katastrophenschutz

Supervulkan in Italien wölbt sich immer zügiger auf – Experte fordert Evakuierung

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Das Schwarmbeben am Supervulkan in Süditalien geht unvermindert weiter. Mehrere Gemeinden haben Notquartiere geöffnet. Ein Vulkanologe fordert eine Sofort-Evakuierung.

Pozzuoli/Neapel – Das seit Montag voriger Woche (10. Februar) andauernde Schwarmbeben am Supervulkan der Phlegräischen Felder hat sich in der Nacht auf Dienstag (18. Februar) mit weiteren Erdstößen fortgesetzt: Das stärkste Beben mit einer Magnitude von 3,1 wurde um 3.22 Uhr registriert. In den vergangenen Tagen hatte es bereits zwei Erdstöße der Stärke 3,9 gegeben. Innerhalb von 24 Stunden wurden bis Dienstagmittag insgesamt 621 Erdstöße gezählt, davon 92 über einer Magnitude eins. Am Nachmittag ging es genauso weiter. Am Montag waren bereits Krisenstäbe eingerichtet worden. Viele Videokameras haben die jüngsten Erdstöße aufgezeichnet.

Auch der Boden hebt sich immer schneller: Ab August des Vorjahres lag der durchschnittliche Wert der Hebegeschwindigkeit bei etwa zehn Millimetern pro Monat, nachdem es in den von starken Beben begleiteten Wochen zuvor 20 Millimeter waren. In nur zwei Tagen seit dem 15. Februar wurde jetzt ein Anstieg von fünf bis zehn Millimetern verzeichnet – eine dramatische Entwicklung. Zuletzt hatten schon höhere Entgasungswerte bei Kohlendioxid und Schwefel Sorgen verursacht, auch die Temperatur der heißen Quellen ist teilweise gestiegen. Früher konnte man die Schwefelwolken an der Solfatara in einem Italien-Urlaub besuchen.

Dampfwolken strömen aus dem Solfatara-Krater, der als wahrscheinlichste nächste Ausbruchsstelle gilt.

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Die Epizentren der jüngsten Beben liegen zum Großteil in und um den Vulkankrater Solfatara, der für seine Schwefelquellen bekannt ist. In einem Autohaus, das am Fuß des Solfatarakraters liegt, gingen bei einem der letzten Beben Autoscheiben zu Bruch. In den vergangenen Monaten hatte es auch immer wieder Erdfälle gegeben, Kanäle aus der Römerzeit brechen ein, da die alten Mauem durch die Erdstöße mürbe werden. Sogar eine Bahnlinie war wegen Reparaturarbeiten wochenlang gesperrt.

Im Westen Neapels fielen Fassadenteile von Häusern auf die Straße, die Feuerwehr patrouilliert jetzt, um lockere Fassadenteile zu identifizieren – um sie zu entfernen, bevor sie beim Absturz Menschen gefährden könnten. Wieder verbrachten viele Menschen aus Angst vor einem starken Beben die Nacht auf der Straße oder in ihren Autos. Mehrere Gemeinden öffneten Turnhallen als Notquartiere. Rund 500 Menschen schliefen in ihren Autos in der Nähe des Hippodroms von Agnano bei Pozzuoli und vor dem ehemaligen NATO-Stützpunkt im Neapolitaner Stadtteil Bagnoli.

„Es ist der längste seismische Schwarm aller Zeiten“, titelt das Portal Pozzulinews24.it. Der Vulkanologe Giuseppe De Natale warnt in einem Interview mit dem Portal Fanpage.it: „In den Phlegräischen Feldern müssen wir ernsthaft über eine Evakuierung nachdenken, zumindest in der Gegend, in der die stärksten Erdbeben auftreten.“

Die Zahl der Erdbeben habe seit 2006 kontinuierlich zugenommen. Di Natale: „In den ersten Jahren waren es nur wenige Erdbeben mit geringer Magnitude, sodass man sie kaum spürte. Mit der Zunahme des Innendrucks, siehe auch der Anstieg des Bodenniveaus, das in Pozzuoli heute 1,40 Meter höher ist als 2006, ist auch die seismische Aktivität gestiegen – sowohl was die Häufigkeit als auch die maximale Magnitude betrifft“, so De Natale. Das habe er schon 2017 mit Kollegen und Kolleginnen in einer Forschungsarbeit vorhergesagt.

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„Und vor über sechs Jahren haben wir gewarnt, dass bei einer weiteren Hebung des Bodens, der im Grunde wie ein Manometer funktioniert, das den Innendruck misst, die seismische Aktivität bis zu dem Punkt zunehmen würde, an dem wir uns heute befinden.“ Doch der Forscher warnt vor Schlimmerem, „da wir in dieser Gegend Erdbeben bis zur Stärke 5 haben können, also etwa 40 Mal mehr Energie als das heutige.“

Er habe vor Jahren darum gebeten, die örtlichen und nationalen Katastrophenschutzbehörden zu informieren, damit sie das Gebiet des riesigen Vulkans, in dem 500 000 Menschen leben, vorbereiten können: „Zunächst durch eine gründliche Überprüfung und Ertüchtigung der Gebäude bzw. die Räumung der baufälligen Gebäude.“ Es wäre notwendig gewesen, die Region Gebiet im Voraus vorzubereiten. Di Natale: „Unseres Erachtens ist dies offensichtlich nicht geschehen. Heute ist keine Zeit mehr.“

Frauen beten an der Strandpromenade von Pozzuoli vor einer Marienstatue.

Und dann erklärt der Forscher: „Der seit drei Tagen andauernde seismische Schwarm ist hinsichtlich der Energie der stärkste, der jemals in den Phlegräischen Feldern registriert wurde. Ich glaube, wir müssen ernsthaft über eine Evakuierung zumindest des glücklicherweise sehr begrenzten Gebiets nachdenken, in dem sich fast immer die stärksten Erdbeben ereignen.“

Staat weiß offenbar, welche Häuser gefährdet sind – doch die Menschen erfahren es nicht

Der Minister für Zivilschutz, Nello Musumeci, sagte im Mai vorigen Jahres nach dem bisher schwersten Erdbeben in den Phlegräischen Feldern mit der Stärke 4,4 laut pozzuolinews24.it: „In der Sperrzone wurden 8000 Gebäude registriert, von denen 50 Prozent erdbebengefährdet sind, davon 1250 mit hohem Risiko und 2750 mit mittlerem Risiko.“ Doch in den folgenden neun Monaten wurde das Problem nicht mehr angesprochen.

Nach Angaben des Portals wissen die Bürger immer noch nicht, welche Häuser als „Gebäude mit hohem und mittlerem Risiko“ eingestuft wurden und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen. „Unter den Bewohnern von Pozzuoli und der Phlegräischen Region wächst die Unzufriedenheit, vor allem aber die Sorge, in unsicheren Gebäuden zu leben“, fasst das Portal zusammen.

Forscher hatten jüngst in einer Studie eine Zunahme des Schwefelgasausstoßes in den Phlegräischen Feldern festgestellt. Auch der Kohlendioxidausstoß stieg. Vor der griechischen Insel Santorini wird ebenfalls ein Vulkanausbruch befürchtet. Auf der spanischen Ferieninsel Teneriffa könnte dieses Szenario auch in absehbarer Zeit eintreten. Am Ätna sorgt eine Eruption derzeit dagegen für fantastische Bilder.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Antonio Balasco

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