Nach Flugzeugabsturz in Washington: Experten schlagen seit Jahren Alarm wegen ganz konkreter Gefahr
VonBettina Menzel
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Luftraum am Limit: Fehlende Investitionen und überforderte Fluglotsen – warum die Kollision über Washington für Fachleute keine Überraschung war.
Washington, DC – Ein Hubschrauber der US-Armee ist am Mittwoch (29. Januar) in der US-Hauptstadt Washington mit einem Passagierflugzeug kollidiert. Aus Sicht von Experten war das Unglück nur eine Frage der Zeit: Viel zu wenig sei in den USA zuletzt in die Flugsicherheit investiert worden. Eine frühere Black-Hawk-Pilotin erkennt auch konkrete Fehler bei der Flugsicherung und in der Personalplanung.
Flugzeugabsturz in Washington: Warum Experten nicht überrascht sind
Bei dem Flugzeugunglück in Washington starben laut Angaben der Rettungsdienste alle 67 Menschen, die sich an Bord des kollidierten Passagierflugzeugs und Militärhubschraubers befanden. Dabei war der Unfall wohl vermeidbar: nicht genug Fluglotsen und ein überfüllter Luftraum, lautet die Kritik von Experten. „Unser gesamtes Flugsicherungssystem blinkt rot und schreit uns an, dass es überlastet ist“, sagte etwa Brian Alexander, Militärhubschrauberpilot und Partner der auf Flugunfälle spezialisierten Anwaltskanzlei Kreindler & Kreindler gegenüber Business Insider. „Das enorme Missverhältnis der Personalbesetzung und die Überlastung der Fluglotsen ist deutlich spürbar.“
Auch für Anthony Brickhouse, Professor am College of Aviation in Embry-Riddle, war das Unglück keine Überraschung. „Wir hatten so viele Beinaheunfälle mit Landebahnverletzungen und beinahe kollidierenden kommerziellen Flügen. Und wenn sich so etwas immer wieder wiederholt, nennen wir das einen Trend“, sagte Brickhouse. Dieser Trend sei schon seit zwei oder drei Jahren erkennbar, so der Experte im Gespräch mit Business Insider weiter. Der Luftraum um die US-Hauptstadt Washington DC gehört zu den am stärksten frequentierten des Landes. Laut einem Piloten sei das Fliegen hier, wie „einen Faden durch ein Nadelöhr zu fädeln“.
Ein Flugzeug startet, dahinter zu sehen die Absturzstelle eines American-Airlines-Flugzeugs und eines Black-Hawk-Hubschraubers der US-Armee, die am 30. Januar 2025 in Washington zusammenstießen.
Wie das Unglück hätte vermieden werden können: Das sind die langfristigen Strategien
Nach ersten Erkenntnissen der US-Flugaufsichtsbehörde FAA war der Kontrollturm am Ronald Reagan Washington National Airport zum Zeitpunkt des Unglücks unterbesetzt, wie die New York Times berichtete. Die Besetzung sei „nicht normal für die Tageszeit und das Volumen des Verkehrs“ gewesen, zitierte die Zeitung einen FAA-Bericht. Der Fluglotse, der die Hubschrauber im Umfeld des Flughafens geleitet habe, habe die landenden und startenden Flugzeuge instruiert, hieß es demnach in dem Bericht. Diese Aufgabe haben üblicherweise zwei Lotsen inne.
Um die Sicherheit zu erhöhen, müssen die USA nach Ansicht von Experten den Personalmangel angehen und mehr in Flughafentechnologie investieren. Eine entsprechende Empfehlung findet sich im Abschluss-Bericht des auf die Sicherheitsüberprüfung spezialisierten Ausschusses der FAA, der aufgrund der zahlreichen Beinahe-Unfälle in den USA ins Leben gerufen wurde. In dem Bericht aus dem Jahr 2023 ist unter anderem von einer „unzureichenden, uneinheitlichen Finanzierung“ die Rede. Mehr Geld muss also in Personal und Ausrüstung fließen.
Black-Hawk-Zusammenstoß mit Passagierjet: Was der Tower vor dem Crash sagte
Vor dem Unglück hatte der Tower die Besatzung des Hubschraubers vor der anfliegenden Maschine der PSA Airlines gewarnt, wie aus einer Tonaufzeichnung hervorgeht. Ein Fluglotse sagt demnach: „Pat 2-5, haben Sie den CRJ in Sicht?“ Es folgte die Aufforderung an die Helikopter-Crew: „Pat 2-5, fliegen Sie hinter dem CRJ vorbei.“ Pat 2-5 ist die Kurzbezeichnung eines Black-Hawk-Hubschraubers, CRJ ist das Kürzel für eine Verkehrsmaschine des kanadischen Herstellers Bombardier.
Unfälle, Bomben, Abschüsse: 25 bekannte Flugzeugabstürze der Geschichte
Elizabeth McCormick, eine frühere Black Hawk Pilotin, spricht von einer Unterbesetzung im Black-Hawk-Hubschrauber. „Im Sichtflug in einem überfüllten Luftraum wie diesem hätten sie wirklich zwei Crew-Chiefs im hinteren Teil des Hubschraubers haben sollen“, so die Expertin zu CNN. Dort saß aber nur eine Person, um den Luftraum zu überwachen. Noch einen weiteren Fehler erkennt die Expertin: Die Flugsicherung hätte demnach nicht nur fragen sollen „haben Sie den CRJ in Sicht?“, sondern „haben Sie den CRJ auf fünf Uhr in Sicht?“, meint McCormick. Denn im direkten Sichtfeld der Crew habe sich ein anderes Flugzeug befunden, das gerade startete.