Schwere Zwischenfälle

Experte glaubt: Klimawandel ist für schwere Flugzeug-Turbulenzen verantwortlich

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Berichte über Flugzeugturbulenzen häufen sich weltweit. Ein Luftfahrexperte macht den Klimawandel für diese Entwicklung verantwortlich – eine Studie kommt zum gleichen Schluss.

Südtirol – In letzter Zeit häufen sich die Berichte über Flugzeuge, die in schwere Turbulenzen geraten. Besonders Aufsehen erregte zuletzt der Flug von London nach Singapur, bei dem mehr als 50 Personen durch Turbulenzen verletzt wurden und ein Passagier sogar starb. Auch, wenn es Turbulenzen schon immer gab, zeigen Studien: Vorfälle wie die bei Singapur Airlines nehmen zu. Ein Luftfahrtexperte ist sich sicher, der Klimawandel trägt einen großen Teil dazu bei.

Klimawandel Schuld an schweren Turbulenzen? Experte und Studie sehen Zusammenhang

„Die Turbulenzen in der Luftfahrt nehmen permanent zu, das bestätigen sehr viel Piloten aller Fluggesellschaften dieser Welt“, sagt Karl Hofmann in einem Interview mit Rai Südtirol. Der Luftfahrexperte bezieht sich hier zwar auf Aussagen von Pilot:innen, doch auch eine wissenschaftliche Studie der britische Universität Reading bestätige dies im Jahr 2019. Der Studie nach sind die Turbulenzen in den vergangenen 45 Jahren angestiegen – vor allem über dem Nordatlantik. Auch die Gesamtdauer der Turbulenzen habe zugenommen. „Die Winde werden stärker, die Wetterereignisse extremer, es gibt viel mehr strenge, harte Gewitter, vor allem am Nordatlantik“, so auch Karl Hofmann.

Der Klimawandel sorgt für die Zunahme von schweren Turbulenzen, ist sich Luftfahrtexperte Hofmann sicher.

Die veränderten Wetterverhältnisse seien auf den Klimawandel zurückzuführen, schlussfolgert der Luftfahrexperte. Auch die wissenschaftliche Studie aus Großbritannien führt die Zunahme an Turbulenzen auf die Erderwärmung zurück. Die Pilot:innen hätten zwar genaue Wetterdaten, doch die Bedingungen würden sich „oft schneller verändern, als die Piloten sich das durchrechnen können“, so Hofmann. Das erkläre, wieso die Turbulenzen teilweise scheinbar so unerwartet treffen.

Airlines reagieren bereits auf schwere Turbulenzen – Auch Pilot:innen machen wohl Klimawandel verantwortlich

Verheerend seien die Auswirkungen des Klimawandels für Airlines und Gäste vor allem, wenn die Turbulenzen kurz nach dem Essen auftreten und die Passagier:innen nicht auf ihren Plätzen sitzen. So wie das bei Singapur Airlines der Fall war, als die Maschine plötzlich ca. 1800 Meter in die Tiefe sackte. Auch, wenn die Untersuchungen noch laufen, ist sich Hofmann sicher: Viele Airlines werden in Zukunft „noch strikter und noch viel öfter die Anschnallzeichen einschalten und auch das Essen-Szenario abrupt einstellen“. Eine erste Airline verschärft bereits ihre Regeln.

Flugzeuge hätten zwar Sensoren, die Pilot:innen rechtzeitig vor Turbulenzen warnen sollten, doch auf Langstreckenflügen ändern sich laut dem Luftfahrtexperten durch den Klimawandel die „Wetterszenarien so radikal, so rapid“, dass es für die Crew zum Teil schwierig sei, rechtzeitig zu reagieren.

Zwar gebe es noch nicht viele Studien, die den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und den zunehmenden Turbulenzen bestätigen, doch weiß Hofmann: „Für viele Piloten gibt es keinen Zweifel, dass der Klimawandel dazu beiträgt, zu diesen Zwischenfällen.“ Pilot:innen auf den Azoren hätten ihm beispielsweise berichtet, dass die Turbulenzen in den letzten Jahren durch schwere Gewitter, veränderte Jetstreams und starken Gegenwind deutlich zugenommen hätten.

11 Bilder zeigen, wie Kinder auf der ganzen Welt vor der Klimakatastrophe fliehen müssen

Ein Kind schützt sich mit einem Plastikstuhl vor dem starken Regen in Bilwi (Nicaragua). Es steht an der Stelle, an der einst sein Haus stand, nachdem es durch die starken Winde, Wellen und Regenfälle des Hurrikans Iota Mitte November 2020 zerstört worden war.
Ein Junge schützt sich mit einem Plastikstuhl vor dem starken Regen in Bilwi (Nicaragua). Er steht an der Stelle, an der einst sein Haus stand. Es wurde durch die starken Winde, Wellen und Regenfälle des Hurrikans Iota Mitte November 2020 zerstört, weshalb UNICEF vor Ort Hilfe leistete. © UNICEF/UN0372375/Ocon/AFP-Services
Die neunjährige Jennifer und Manuel Moreno von UNICEF fahren in einem Boot dorthin, wo sich früher die Schule des Mädchens befand. Auch in Guatemala wurden 2020 vom Hurrikan Eta und Iota 387.960 Häuser beschädigt. In 317 Notunterkünften kamen die Menschen damals unter.
Die neunjährige Jennifer und Manuel Moreno von UNICEF fahren in einem Boot dorthin, wo sich früher die Schule des Mädchens befand. In Guatemala wurden 2020 vom Hurrikan Eta und Iota 387.960 Häuser beschädigt. In 317 Notunterkünften kamen die Menschen damals unter. © UNICEF/UN0377672/Billy/AFP-Services
Am 24. Mai 2022 trägt die 10-jährige Hibo Wasser in einem Kanister zu ihrem provisorischen Haus im Binnenvertriebenenlager Kaharey in Dollow (Somalia). „Wir haben unser Haus in Guriel verlassen und sind zehn Tage lang gelaufen, um das Lager Kaharey zu erreichen“, sagt sie. Nach drei aufeinanderfolgenden Regenfällen sind 29,1 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien und Kenia im Jahr 2022 auf dringende humanitäre Hilfe angewiesen, die UNICEF bereitstellt.
Am 24. Mai 2022 trägt die 10-jährige Hibo Wasser in einem Kanister zu ihrem provisorischen Haus im Binnenvertriebenenlager Kaharey in Dollow (Somalia). „Wir haben unser Haus in Guriel verlassen und sind zehn Tage lang gelaufen, um das Lager Kaharey zu erreichen“, sagt sie. Nach drei aufeinanderfolgenden Regenfällen sind 29,1 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien und Kenia im Jahr 2022 auf dringende humanitäre Hilfe angewiesen, die UNICEF bereitstellt. © UNICEF/UN0644298/Fazel
Am 27. Februar 2023 gehen drei Jungen an überfluteten Feldern in Bentiu, Unity State im Südsudan, vorbei. Schwere Regenfälle und ausgedehnte Überschwemmungen haben Tausende von Menschen in dieser Region gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen. Die vertriebenen Gemeinschaften leben in provisorischen Siedlungen auf begrenzten Flecken höher gelegenen Landes oder in Gebieten, die von Schlammdämmen umgeben sind, wo der Platz und die Ressourcen knapp sind. Laut UNICEF herrscht dort die schlimmste humanitäre Krise seit der Unabhängigkeit des Südsudans im Jahr 2011.
Am 27. Februar 2023 gehen drei Jungen an überfluteten Feldern in Bentiu, Unity State im Südsudan, vorbei. Schwere Regenfälle und ausgedehnte Überschwemmungen haben Tausende von Menschen in dieser Region gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen. Die vertriebenen Gemeinschaften leben in provisorischen Siedlungen auf begrenzten Flecken höher gelegenen Landes oder in Gebieten, die von Schlammdämmen umgeben sind, wo der Platz und die Ressourcen knapp sind. Laut UNICEF herrscht dort die schlimmste humanitäre Krise seit der Unabhängigkeit des Südsudans im Jahr 2011. © UNICEF/UN0836941/Naftalin
Am 25. September 2021 holen eine Frau und ein Kind Wasser zum Trinken direkt aus dem Fluss in Canal im Südsudan. Das Land leidet zunehmend unter den Folgen des Klimawandels. Nach drei Jahren schwerer Überschwemmungen in Folge sind mehr als zwei Drittel der von den Überschwemmungen betroffenen Bezirke von Unterernährung betroffen, weshalb UNICEF vor Ort war.
Am 25. September 2021 holen eine Frau und ein Kind Wasser zum Trinken direkt aus dem Fluss in Canal im Südsudan. Das Land leidet zunehmend unter den Folgen des Klimawandels. Nach drei Jahren schwerer Überschwemmungen in Folge sind mehr als zwei Drittel der von den Überschwemmungen betroffenen Bezirke von Unterernährung betroffen, weshalb UNICEF vor Ort war. © © UNICEF/UN0547992/Grarup
Ein Kind in Libemuket (Äthiopien): Klimawandel und Dürre bedrohen in der SNNP-Region dort laut UNICEF die Ernten und den Viehbestand und bringen die örtliche Bevölkerung an den Rand ihrer Existenz.
Ein Kind in Libemuket (Äthiopien): Klimawandel und Dürre bedrohen in der SNNP-Region dort laut UNICEF die Ernten und den Viehbestand und bringen die örtliche Bevölkerung an den Rand ihrer Existenz. © UNICEF/UNI417897/Pouget
Junge Mädchen holen Wasser in der Nähe eines verseuchten Teichs in Allah Abad, Jampur, Süd-Punjab, Pakistan. Schon vor der Monsunzeit im letzten Jahr galt nur etwas mehr als ein Drittel des Wassers in Pakistan als sicher für den Konsum. Die historischen Überschwemmungen beschädigten die meisten Wassersysteme in den betroffenen Gebieten und zwangen mehr als 5,4 Millionen Menschen dazu, sich ausschließlich auf verunreinigtes Wasser aus Teichen und Brunnen zu verlassen. Kinder leiden unter dieser Last durch den Klimawandel laut UNICEF am meisten.
Junge Mädchen holen Wasser in der Nähe eines verseuchten Teichs in Allah Abad, Jampur, Süd-Punjab, Pakistan. Schon vor der Monsunzeit im letzten Jahr galt nur etwas mehr als ein Drittel des Wassers in Pakistan als sicher für den Konsum. Die historischen Überschwemmungen beschädigten die meisten Wassersysteme in den betroffenen Gebieten und zwangen mehr als 5,4 Millionen Menschen dazu, sich ausschließlich auf verunreinigtes Wasser aus Teichen und Brunnen zu verlassen. Kinder leiden unter dieser Last durch den Klimawandel laut UNICEF am meisten. © UNICEF/UN0847828/Haro
„Wir saßen wochenlang zu Hause fest. Der Regen wollte nicht aufhören“, sagt der 13-jährige Sanjay aus Pakistan, wenn er an die Überschwemmungen vom Sommer 2022 zurückdenkt. „Es fühlte sich an wie ein Gefängnis“, sagt er aus dem von UNICEF unterstützten „Children‘s Safe Space“.
„Wir saßen wochenlang zu Hause fest. Der Regen wollte nicht aufhören“, sagt der 13-jährige Sanjay aus Pakistan, wenn er an die Überschwemmungen vom Sommer 2022 zurückdenkt. „Es fühlte sich an wie ein Gefängnis“, sagt er aus dem von UNICEF unterstützten „Children‘s Safe Space“. © UNICEF/UN0847796/Haro
Der achtjährige „Impoy“ Prince Jhay Mark Timonio sitzt in den Trümmern der zerstörten Häuser in Purok, die eine sechs Fuß hohe Flutwelle des Taifuns Odette am 16. Dezember 2021 auf den Philippinen angerichtet hat. UNICEF half nach der Katastrophe dort, rund 845.000 Kindern Hilfe zukommen zu lassen.
Der achtjährige „Impoy“ Prince Jhay Mark Timonio sitzt in den Trümmern der zerstörten Häuser in Purok, die eine sechs Fuß hohe Flutwelle des Taifuns Odette am 16. Dezember 2021 auf den Philippinen angerichtet hat. UNICEF half nach der Katastrophe dort, rund 845.000 Kindern Hilfe zukommen zu lassen. © UNICEF/UN0570020/Hogsholt
Jungs nach dem schweren Tropensturm Nalgae (Paeng)auf den Philippinen am 30. Oktober 2022. Das Foto wurde von Amador Catacutan, Immunisierungsbeauftragter bei UNICEF, aufgenommen.
Jungs nach dem schweren Tropensturm Nalgae (Paeng)auf den Philippinen am 30. Oktober 2022. Das Foto wurde von Amador Catacutan, Immunisierungsbeauftragter bei UNICEF, aufgenommen. © UNICEF/UN0726582/Catacutan
Super-Taifun Noru (lokaler Name Karding) ist der elfte tropische Wirbelsturm, der die Philippinen im Jahr 2022 getroffen hat. Der siebenjährige Carlo Taguyam ist eines der betroffenen Kinder und erzählt UNICEF, die damals Hilfsgüter bereitstellten, von seiner Flucht.
Super-Taifun Noru (lokaler Name Karding) ist der elfte tropische Wirbelsturm, der die Philippinen im Jahr 2022 getroffen hat. Der siebenjährige Carlo Taguyam ist eines der betroffenen Kinder und erzählt UNICEF, die damals Hilfsgüter bereitstellten, von seiner Flucht. © © UNICEF/UN0710512/Dimatatac

Gefahr von schweren Turbulenzen im Flugzeug: „Angeschnallt bleiben, auch wenn Zeichen erloschen ist“

Doch wie können sich Passagiere gegen Turbulenzen schützen, wenn Pilot:innen aufgrund der rapid veränderten Wetterbedingungen nicht mehr reagieren können? „Eine Empfehlung für Passagiere kann eigentlich nur sein: Angeschnallt bleiben, auch wenn die Anschnall-Zeichen erloschen ist“, empfiehlt der Experte. Doch sagt er auch, dass ein Restrisiko bleiben wird. Laut der Studie aus Großbritannien dürfte eine Besserung auch erstmal nicht in Sicht sein. Die Prognose der Wissenschaftler:innen: Bis 2050 müsse mit doppelt so vielen Turbulenzen gerechnet werden als derzeit. (nbe)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Rolf Poss

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