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60 Jahre Kennedy-Attentat: Der Idealismus der 60er lebt weiter

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Der Himmelsstürmer im Weißen Haus: John F. Kennedy.
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Vor 60 Jahren wurde John F. Kennedy in Dallas ermordet. Fünf Jahre später starben Martin Luther King Jr. und Robert F. Kennedy. Ihr Glaube an eine bessere Zukunft sollte beispielhaft bleiben. Ein Essay.

Als die Schüsse an jenem sonnigen Herbsttag über Dealey Plaza in Dallas hinweghallten, verloren die USA ihre Unschuld. Um das noch mal und noch mal zu bekräftigen, wurde weitergeschossen, wurden vor 55 Jahren, im Schicksalsjahr 1968, am 4. April Martin Luther King Jr. und am 6. Juni Robert F. Kennedy ermordet. Der Donnerhall dieser Attentate bestimmt auch heute noch, fast ein Menschenleben später, die Wahrnehmung des Westens: dass er im Untergang begriffen ist, sich im Todeskampf wälzt und mitnimmt, was er noch zu fassen kriegen kann.

Nach diesen drei Morden erschien die Welt nur noch als Alptraum. Vietnam, Nixon, Watergate, Terrorismus, Wettrüsten, die fahlen 70er Jahre, der deutsche Herbst, die Rüstungsspirale, die brutalen 80er, Krieg gegen die Drogen, der elende Suizid des Sowjetkommunismus, die neokonservativen 90er, Kuwait, Somalia, Ruanda, 9/11, Afghanistan, Irak, der „Islamische Staat“, die Hamas an diesem 7. Oktober und dann der Anti-Kennedy Donald Trump, der alles Schlechte der Welt in sich vereint. Für einen ins Unerträgliche ausgewalzten Todeskampf ist das ein vielfältiges Panoptikum des Grauens.

Von Putin-Fetischisten und Juden-Hassern der Unschuld beraubt

Wen wundert es da, dass sich immer mehr Menschen von der Realität abwenden: Ihrer (vermeintlichen) Unschuld beraubt, drehen sie sich in ein biedermeierliches Schneckenhaus ein, wollen nichts mehr hören noch sehen, wählen die AfD, glauben an Pegida-Schreier, Corona-Spinner, Putin-Fetischisten und Judenhasser, nur damit alles endlich ein Ende hat.

Man mag manchmal zu dem Schluss kommen, die (westliche) Welt versuche, seit nun 60 oder 55 Jahren sich den Kummer um drei vergangene geliebte Menschen wegzusaufen. Und torkelt schon sehr lange im Delirium von einer Wahnidee zur nächsten.

Die Kennedys und Martin Luther King: Sie beruhigen nicht, sie treiben an

Nota bene: Das mit der Unschuld ist natürlich faktisch falsch. Die USA müssen sich eine beeindruckende negative Tradition eingestehen – Genozid an den Native Americans, Kolonialismus im lateinamerikanischen Hinterhof, mörderischer Kapitalismus gegen nationale Minderheiten wie das Proletariat, zügelloser Raubbau an Natur und Umwelt …

Nichtsdestotrotz markieren die Sixties, die „langen 60er“ zwischen 1956 (Suezkrise) und 1972 (Watergate-Affäre), eine Wasserscheide in der Selbstwahrnehmung des Westens, dienen die drei Morde in den USA als dunkle Leuchttürme dieses Wandels – die aber bis heute die neblige Suppe der von Tag zu Tag hetzenden Realpolitik, verfolgt von ihrem zynischen Schatten, durchdringen. Man braucht nur bereit sein, zu sehen und sich ein Herz zu nehmen. Das ist es, was John F. Kennedy, Martin Luther King Jr. und Robert F. Kennedy (im folgenden JFK, MLK und RFK abgekürzt) der Welt mit auf den Weg geben. Sie tun das zuvorderst in ihren überlieferten Bonmots, die alle eins gemein haben: Sie beruhigen nicht, sie treiben an.

Der Traum von der Gerechtigkeit: Martin Luther King Jr. Foto: afp.

MLK sieht immer wieder die Notwendigkeit, seine zweifelnden oder verzweifelnden Mitstreiterinnen und Mitstreiter mit sich zu reißen: „Wir werden obsiegen, weil der Bogen des moralischen Universums weit ist, aber sich immer zur Gerechtigkeit hin neigt.“ Dieses Grundvertrauen in die Richtigkeit der eingeschlagenen Richtung sollte MLK bis zu seiner letzten Rede in der Nacht vor seinem Tod in Memphis begleiten, wo er einer Versammlung versicherte, sie würde „das gelobte Land“ erreichen, auch wenn er nicht mehr dabei sein sollte.

John F. Kennedy und Martin Luther King: Politiker aus eigenem Willen

Das Messianische des Predigers MLK lag den Kennedys nicht, sie waren Politiker nicht aus Notwendigkeit, sondern aus eigenem Willen. Der Ehrgeiz aber verstellte ihnen nicht den Blick auf das große Ganze, das sich weit über ihre Lebensspanne erstreckt. Robert Kennedy: „Wenige nur werden die Größe besitzen, die Geschichte der Menschheit zu formen; Aber wir alle können daran arbeiten einen kleinen Teil der Ereignisse zu verändern.“ Zusammen würde dann die Geschichte einer Generation geschrieben werden.

Und damit niemand glaubt, die anderen sollten ruhig die ganze Arbeit machen, dringt MLK darauf: „Wenn du nicht fliegen kannst, dann renn. Wenn du nicht rennen kannst, dann geh. Wenn du nicht gehen kannst, dann krieche, aber was immer du tust, bewege dich voran.“

Robert F.Kennedy: „Ich habe meine Lektion gelernt“

Unweigerlich wird man dabei auch mal straucheln und dann an sich selbst zu zweifeln wagen. Die Troika – die so niemals zusammenkommen konnte – weiß das nur zu gut. Was aber JFK, MLK und RFK von der heutigen Politik unter vielem anderen unterscheidet, ist ihre Fähigkeit, das eigene Verfehlen offen und ehrlich einzugestehen, ohne sich sogleich als Opfer von aller Verantwortung freizusprechen. Im Gegenteil: Sie nehmen jede solche Gelegenheit, um entschlossen voranzustreben. Robert Kennedy: „Ich habe meine Lektion gelernt und weiß nun, dass wir es besser machen können.“ Etwas wortreicher formuliert sein älterer Bruder JFK: „Lasst uns nicht versuchen, die Schuld für das Geschehene bloß auszubügeln. Lasst uns unsere eigene Verantwortung für die Zukunft akzeptieren.“ Und schließlich MLK: „Wir müssen eine Enttäuschung akzeptieren, die aber endlich ist. Wir dürfen nur niemals die unendliche Hoffnung aus den Augen verlieren.“

Der beste Präsident, den die USA nie hatten: Robert F. Kennedy. Foto: afp.

Die Hoffnung geht einher mit vielem, mit der Liebe zu allem Guten, mit dem Glauben an die Macht eines Traums. In seiner Präsidentschaftskampagne 1968 – die ihn ohne jedes Vertun ins Weiße Haus getragen und eine amerikanische Renaissance eingeläutet hätte – beendete RFK jeden seiner Auftritte mit einem Zitat von George Bernard Shaw: „Ihr seht und sagt: warum? Aber ich träume und sage: warum nicht?“ Kaum ein anderes seiner Bonmots vermochte so sehr aufzurütteln und anzuspornen. MLK beteuerte dementsprechend: „Ich werde weiterträumen.“ Und wieder prophetisch: „Du kannst den Träumer töten, aber Du kannst nicht den Traum töten.“ Fünf Jahre zuvor warnte JFK alle, die nur das Vergängliche lebten: „Ein Mensch mag sterben, Nationen mögen aufsteigen und niedergehen, aber eine Idee besteht fort.“

Die Kennedys und King als Vorbilder für die Fortschreibung der Geschichte

Diese Idee von der Grundgütigkeit aller Menschen, wenn man nur versteht, sie gedeihen zu lassen, hat viele nicht ruhen lassen. Ein Subgenre des „Was wäre, wenn …“ bringt immer wieder neue Entwürfe hervor einer Zukunft, in der John F. Kennedy eine zweite Amtszeit erlebt, in der Martin Luther King Jr. der Armut und dem Rassenhass ein Ende bereitet, in der Robert F. Kennedy den Vietnamkrieg beendet und die USA gründlich reformiert hätte. Eine der wohl besten Biografien von JFK trägt nicht umsonst den Titel „An Unfinished Life“. Selbst abgebrühteste Journalisten und ernsthafte Politikwissenschaftlerinnen lassen sich zum Träumen über ein bessere Zukunft verleiten – da muss etwas dahinterstecken. Ein jedes dieses „Was wäre, wenn …“ ermöglicht, wie RFK selbst sagte, „einen kleinen Teil der Ereignisse zu verändern“, lässt die drei Toten als Vorbilder die Geschichte fortschreiben, gehören doch JFK, MLK und RFK tatsächlich zu jenen „wenigen, die die Geschichte der Menschheit zu formen verstehen“. Sie auch heute noch auf dem Weg zu begleiten, ist eine gute Idee.

MLK spornt uns an: „Unterwerfe dich niemals der Versuchung der Bitternis!“ JFK erkennt: „Unsere Probleme sind menschengemacht, weshalb wir Menschen sie auch lösen können.“ RFK zitiert die Aufforderung aus der Antike: „Die Wildheit des Menschen zu zähmen und das Leben auf dieser Welt schön zu machen.“ Denn, so JFK, „unsere fundamentalste Gemeinsamkeit“ sei, „dass wir alle diesen kleinen Planeten bewohnen, dass wir alle die gleiche Luft atmen, dass uns allen an der Zukunft unserer Kinder gelegen ist – und dass wir alle sterblich sind“. Dabei war der Troika immer bewusst, wogegen, gegen welchen Typus Mensch sie ankämpfte: Trump und seine Hoffnungslosen, die Extremen, die Fanatischen. MLK erkannte sie als das größte Hindernis: „Es scheint ein beinahe universelles Bestreben nach einfachen Antworten und halbgaren Lösungen zu geben. Nichts scheint den Menschen mehr Schmerz zu bereiten, als denken zu müssen.“

Der „Kennedy-Moment“

RFK wusste ein Rezept dagegen: „Diese Welt verlangt die Qualitäten der Jugend – nicht eines bestimmten Alters sondern eines Seelenzustands, einer Willens- und Vorstellungskraft, Mut statt Ängstlichkeit, die Lust aufs Abenteuer statt Sehnsucht nach dem Einfachen.“ Und MLK, der „bei der Liebe bleibt, denn Hass ist zu schwer zu ertragen“, riet: „Es ist immer die rechte Zeit, das Richtige zu tun.“

Der Titel des US-Magazins „Esquire“ vom Oktober 1968, das per Fotomontage all die vielen Toten der auch sehr kriegerischen Sixties beklagt und zuvorderst jene drei gefällten Giganten. Foto: Christoph Boeckheler.

JFK sinnierte einst: „Wenn mehr Politiker sich mit Lyrik auskennen und mehr Lyriker sich mit Politik auskennen würden, so wäre die Welt ein doch etwas angenehmerer Ort zum Leben.“ Sein Bruder schuf eines der poetischsten nachhaltigen Bilder, als er postulierte: „Wann immer ein Mensch für ein Ideal einsteht oder das Leben der anderen zu verbessern sucht oder sich dem Unrecht verweigert, so schickt eine kleine Welle der Hoffnung aus.“ Manchmal kann man nicht mehr als „eine kleine Welle“ erhoffen und doch reicht das. JFK triumphierte in dem Augenblick, als er der Menschheit das Lob aussprach: „Wir tun diese Dinge nicht, weil sie einfach sind, sondern, weil sie eben hart sind.“

Habeck empfielht sich für Höheres

Seitdem sagt man gemeinhin „Kennedy-Moment“ dazu, wenn Politikerinnen und Politiker über ihren egoistischen Ehrgeiz hinauswachsen: das Maß für Aufrichtigkeit und Menschlichkeit in der Politik. Je mehr man davon hat, umso mehr Qualitäten zeigt der Mensch, andere mitzunehmen. Oder wie MLK sagte: „Eine echte Führungsperson, ist nicht eine, die den Konsens sucht, sondern den Konsens formt.“

Einen solchen Kennedy-Moment hat just Robert Habeck gehabt mit seiner Rede zum Gaza-Krieg. Es mag darin Kalkül gewesen sein, aber die Rede hätte nicht diese Wirkung entfaltet, wenn dahinter nicht auch ehrliche moralische Empörung gewesen wäre. Und ja, damit empfiehlt sich Habeck für Höheres.

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